Prof. Dr. Sandra Ciesek muss sich im Interview mit dem „Spiegel“ als „Quotenfrau“ und „die Neue an der Seite von Drosten“ bezeichnen lassen.
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Prof. Dr. Sandra Ciesek muss sich im Interview mit dem „Spiegel“ als „Quotenfrau“ und „die Neue an der Seite von Drosten“ bezeichnen lassen.

Corona-Krise in Deutschland

Interview mit Virologin: Streit um „Quotenfrau“ Sandra Ciesek setzt sich fort

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Ein „Spiegel“-Interview mit der Chefin der Frankfurter Uniklinik-Virologie, Sandra Ciesek, schlägt hohe Wellen. Geführt haben es zwei Redakteurinnen.

  • Die Frankfurter Virologin Ciesek wird in einem „Spiegel“-Interview als „Quotenfrau“ markiert.
  • Viele üben Kritik an dem Ton der interviewenden Redakteurinnen.
  • Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ spielt das Thema herunter.

Sonntagabend bezog Hessens Minister für Soziales und Integration ein weiteres Mal Stellung. Da tobte die Diskussion um das Quotenfrau-Interview mit Sandra Ciesek im „Spiegel“ schon fast zwei Tage. Die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie an der Frankfurter Uniklinik sei in der Diskussion zum Umgang mit dem Virus „unschätzbar wertvoll“, schrieb Kai Klose auf dem Nachrichtendienst Twitter. „Wer sie so befragt, offenbart leider viel über das eigene Weltbild. Schade.“

„Spiegel“-interview mit Virologin Ciesek - einer vielfach ausgezeichneten Expertin

Zu dem Zeitpunkt hatten schon viele andere gegen den Ton protestiert, in dem zwei „Spiegel“-Redakteurinnen den Umstand kommentierten, dass die Wissenschaftlerin sich seit September im Zwei-Wochen-Rhythmus beim NDR-Podcast mit Kollege Christian Drosten abwechselt. „Ihnen ist klar, dass Sie die Quotenfrau sind?“, lautete die Einstiegsfrage. Gefolgt von der Feststellung, dass sie den Stil einer „Volkshochschule“ pflege. Drosten sei der Popstar, Träger des Bundesverdienstkreuzes, heißt es in der zweiten Frage: „Sie hingegen gelten als ,die Neue an Drostens Seite‘.“

„Quotenfrau“? Die Internistin und Virologin ist eine vielfach ausgezeichnete Expertin. Ist maßgeblich an der Forschung zum Sars-CoV-2-Virus beteiligt. Hat mit den beiden Wuhan-Rückkehrern die ersten Corona-Patienten überhaupt in Deutschland gesehen. Konnte deshalb mit ihrem Team im Februar 2020 nachweisen, dass auch symptomfreie Personen Träger und Überträger des Virus sein können. Die 42 Jahre alte Professorin für Medizinische Virologie ist auch Prodekanin für wissenschaftlichen Nachwuchs und Diversität. Derzeit sucht sie nach einem wirksamen Medikament gegen Covid-19. Erforscht im Auftrag der hessischen Landesregierung in zwei Studien, wie sich Corona in Kitas und Schulen verbreitet. Sie möchte über das Virus aufklären. Hat auf Twitter 36 221 Follower. Kein Wunder, dass das Interview hohe Wellen schlug, in dessen zweiter Hälfte es dann tatsächlich um Covid geht.

„Spiegel“-Interview mit Virologin Ciesek: „Unterirdische Fragen“

Samstagvormittag sah sich die Frankfurter Virologin genötigt, zu reagieren. „Ich war auch irritiert von den provokanten Fragen und deren Sinn“, twitterte sie. „Einschüchterung? Schlagzeilen? Führt jedenfalls dazu, dass Frau sich weiter aus solchen Dingen zurückzieht.“ Das dürfe nun gar nicht sein, konterte Jutta Allmendinger, Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung. „Unterirdisch“ seien die Fragen des „Spiegels“, urteilt die Präsidentin des Berlin Social Science Centers. „Die nachgewiesenen Stereotype gegenüber Frauen machen selbst vor einer herausragenden Wissenschaftlerin nicht halt.“ Rückzug sei jedoch die falsche Strategie. „Sie werden erst nachlassen, wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen sehen. Durchhalten!“ Claudia Kemfert kommt zu den ähnlichen Schluss: Sei leider ein immer wiederkehrendes Muster, twittert die Professorin für Energy Economics and Sustainability am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Der „Spiegel“ spielte das ganze herunter. „Was ist schlimm an provokanten Fragen?“ twitterte der Chef des Wissenschaftsressorts, Olaf Stampf. Ciesek habe doch mit den beiden Kolleginnen „ein kluges, informatives Gespräch geführt“. Doch darauf ließ sich die Virologin nicht ein: „Irgendwie macht mich diese erste relativierende offizielle Reaktion des Spiegels jetzt doch traurig“, twitterte sie. „Schade.“ Die FR-Anfrage um ein Interview mit ihr blieb unbeantwortet.

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