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Eine große Veranstaltung der NSDAP in der Frankfurter Festhalle.

Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“

Wie Zivilisation verschwindet

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Das Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ kreist diesmal um die Nazizeit in Frankfurt. Erstmals wird von der Idee, vergessenen großen Romanen der Zeitgeschichte neue Aufmerksamkeit zu verschaffen, abgewichen.

Längst stellt dieses große Lesefest seinen Titel in den Schatten. „Frankfurt liest ein Buch“: Das ist nur die halbe Wahrheit. Die mehr als 80 Veranstaltungen vom 11. April an greifen weit in die Region und nach Hessen aus, bis hin nach Gießen, Oberursel, Idstein, Bad Soden. Und Lothar Ruske, der Verantwortliche für das überbordende Programm, hebt hervor, dass mehr Schulen denn je unter den 64 Veranstaltungsorten sind.

Es ist die siebte Auflage des Literaturfestivals, das der Frankfurter Verleger Klaus Schöffling erfunden hat. Von der ursprünglichen Idee, vergessenen großen Romanen der Zeitgeschichte wieder neue Aufmerksamkeit zu verschaffen, weichen die Organisatoren erstmals ab. Denn erst im Jahr 2013 hatte Dieter David Seuthe das Buch vorgestellt, das in diesem Jahr im Mittelpunkt steht. „Frankfurt verboten“: Dieser Roman überzeugt durch sein Sujet.

Er erzählt die bewegende Geschichte von Elise, einer jungen jüdischen Pianistin. Sie steht vor einer großen Karriere. Doch dann ergreifen die Nationalsozialisten auch in Frankfurt die Macht. Und in nur drei Jahren verliert die Musikerin alles: Sie darf nicht mehr öffentlich auftreten, ihre große Liebe zerbricht. Am Ende rettet sie nur das nackte Leben, auf der Flucht nach Neuseeland.

Den Psychotherapeuten Seuthe interessiert, wie es die Nationalsozialisten vermochten, ihr Terrorsystem in der Stadt Frankfurt so rasch zu etablieren. Wie konnte der zivilisatorische Firnis bei so vielen Menschen so schnell abblättern, wie konnten aus Nachbarn Denunzianten, am Ende gar Mörder werden? „Angst spielt dabei eine ganz wichtige Rolle – Angst ist eine mächtige Triebfeder“, hat der 65-jährige studierte Psychologe im Gespräch mit der FR gesagt. Sie sei es gewesen, die das Verhalten vieler Menschen binnen kurzer Zeit radikal verändert habe.

Gespräche mit Zeitzeugen

Seuthe hat drei Jahre lang intensiv für das Buch recherchiert, in Archiven und Veröffentlichungen. Er schöpfte auch aus Gesprächen mit Zeitzeugen, die er zum Beispiel im Henry-und-Emma-Budge-Heim in Frankfurt traf. Der Autor kann deshalb die ersten Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft in Frankfurt recht präzise nachzeichnen – viele Geschehnisse des ansonsten fiktiven Romans sind präzise belegbar.

Auch viele Orte bindet Sethe in die Handlung ein, die damals unter den Repressionen der Nazis besonders litten. Etwa das Hoch’sche Konservatorium, an dem im Roman die Pianistin Elise studiert. In Wahrheit zerschlugen die Nationalsozialisten nach 1933 die erste akademische Jazzklasse der Welt, gegründet 1928 von dem jüdischen Komponisten Matyas Seiber. Er musste damals in die Emigration fliehen – von der Jazzklasse ist die Aufnahme eines einzigen Konzertes erhalten geblieben. Natürlich ist das Konservatorium auch einer der Schauplätze des Lesefestes – am 14. April unterstützt die Frankfurter Rundschau eine Lesung der Gesangsdozentin Barbara Zechmeister.

„Frankfurt liest ein Buch“ ist nicht denkbar ohne den Enthusiasmus aller Beteiligten. In erster Linie ist da der Programmmacher Lothar Ruske zu nennen, der seine Arbeit in dem schlichten Satz zusammenfasst: „Ich mach alles alleine.“ Nach dem Ende eines jeden Festivals beginnt er mit der Vorbereitung des nächsten.

Noch immer kommt das Fest mit einem unglaublich kleinen Etat aus. Gerade einmal 70 000 Euro sind es, 15 000 Euro davon schießt die Stadt zu. Als große Sponsoren treten die Flughafengesellschaft Fraport und die Wi-rtschafts- und Infrastrukturbank Hessen auf. OB Peter Feldmann (SPD), der an der Eröffnung am 11. April in der Deutschen Nationalbibliothek teilnehmen sollte, hat abgesagt. „Wir bedauern das außerordentlich“, sagt Ruske.

Das OB-Büro spricht von einer Terminkollision. Die Veranstaltung ist aber mit 400 Ehrengästen ausgebucht, Prominente wie Dieter Graumann, Ex-Präsident des Zentralrates der Juden, lesen aus „Frankfurt verboten“. Es ist ein ernstes, kein leichtgewichtiges Buch, das im Mittelpunkt des Festes steht. Und doch versprechen viele Veranstaltungen auch Lebensfreude und nachdenkliche Unterhaltung (siehe nebenstehenden Text).

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