+
Juso-Mitglied Rachid Khenissi hat symbolisch im Obdachlosenkarton Quartier bezogen. Monika Müller

Frankfurt-Nordend

Wohnen im Pappkarton

  • schließen

SPD will mit einem "Wohn-In" auf fehlenden bezahlbaren Wohnraum und Verdrängung aufmerksam machen.

Schlafsäcke und rote Sitzwürfel aus Pappe: Vor dem Haus in der Schwarzburgstraße 54 hat am Donnerstagnachmittag die SPD-Landtagskandidatin Arijana Neumann zu einem „Wohn-In“ eingeladen. „Wir wollen auf das Thema bezahlbaren Wohnraum aufmerksam machen“, sagt sie. „Nach dem Sit-In kommt das Wohn-In“, sagt Juso-Mitglied Rachid Khenissi und ergänzt: „Das Haus hier ist ein Paradebeispiel, wie sich Verdrängung auch im Nordend auswirkt“. Die Schlafsäcke dienten als Symbol für Verdrängung, ergänzt der 22-Jährige. Aus der Nachbarschaft und angrenzenden Quartieren sind rund 30 Menschen gekommen, um von den Politikern Lösungen für die Wohnraumproblematik zu hören. Nach Sitzen ist den wenigsten zumute. Die meisten befürchten Verdrängung aus ihren Wohnungen, oder hätten Hausverkäufe wie etwa in der Neuhofstraße bereits erfahren müssen, berichtet ein Mann.

Bernd Seidel wohnt seit 26 Jahren in dem Haus in der Schwarzburgstraße. Nach einem Eigentümerwechsel vor etwa einem Jahr seien fünf der ursprünglich acht Mieter ausgezogen. Der drittletzte Mieter ziehe demnächst aus. Als neue Eigentümerin habe die „Phenecia Real Estate GmbH“ im Frühjahr mit Renovierungen im Haus begonnen und drastische Mieterhöhungen angekündigt, so Seidel. Einige Wohnungen seien bereits entkernt worden. „Es gab einen Höllendreck und -lärm“, berichtet der 53-Jährige. 

Weil aber keine Baugenehmigung vorgelegen habe, sei von der Bauaufsicht ein Baustopp verhängt worden. Die Wohnungen seien demnach „illegal zu Baustellen umgewandelt“ worden. In der Wohnung einer Mieterin im vierten Stock, seien zwölf Stahlrohrstützen eingebaut worden. Seidel fordert einen Rückbau. „Ich kann nicht verstehen, dass die Politik nichts tut“, sagt Seidel. Briefe an Planungsdezernent Mike Josef (SPD) und Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) seien bis heute unbeantwortet geblieben.

Landtagskandidatin Neumann möchte „Milieuschutzsatzungen“ von Dezernent Josef einführen lassen. „So kann Luxus-Sanierung ein Stück weit blockiert werden“, sagt die 36-Jährige. Daneben fordert sie ein „Zweckentfremdungsverbot“, durch das Wohnraum nicht für Büros genutzt und Leerstand verhindert werden könne. Neumann sagt: „Wir können das Problem aber nicht im Nordend lösen“. Im Umland müsse mit Unterstützung des Landes „preiswert gebaut werden“.

Das fordert auch der designierte Bauminister der SPD, Hans-Joachim Rosenbaum. Er sagt: „Pro Jahr investiert das Land 4,75 Millionen Euro plus Kredite“. Das sei viel zu wenig, weil eine „preisgebundene Wohnung“ bereits 100 000 Euro koste. Die Bundestagsabgeordnete Uli Nissen will die „Ängste der Menschen ernst nehmen“. Nissen möchte die „Kündigungssperrfrist, wann Hauseigentümer Eigenbedarf anmelden können“, von fünf auf zehn Jahre anheben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare