+
Rudi Dutschke bei einer Vietnam-Demonstration in Frankfurt im Februar 1968. Acht Wochen später wurde er Opfer eines Attentats.

68 in Frankfurt

"Wir wurden verprügelt und niedergeritten"

  • schließen

Der Sozialdemokrat Martin Wentz spricht im FR-Interview über den Protest im April 1968 in Frankfurt, der sein Leben veränderte, und seine "kalte Wut" über die Politik in der Gegenwart.

Herr Wentz, wir stehen hier auf dem Gelände des alten Universitäts-Campus in Bockenheim. Vor 50 Jahren haben Sie wenige Schritte von hier Physik studiert. Sie waren damals ein recht unpolitischer junger Mann. Und dann ist etwas geschehen. 
An der Ecke Robert-Mayer-Straße/Senckenberganlage im Souterrain war mein Labor. Es war im Frühjahr 1968. Ich hatte schon verfolgt, was es auf dem Campus an Protesten gab. Auf der Senckenberganlage sah ich eine große Menschentraube und Polizeibeamte, die miteinander in Streit gerieten. Da sind wir drei junge Physiker in unseren weißen Kitteln rausgegangen auf die Straße, um uns das mal anzuschauen. Die Situation eskalierte sehr schnell. Plötzlich zog ein Polizist seine Pistole und zielte auf uns. Das hat mich so aufgerüttelt, dass ich es bis heute als Startpunkt meiner politischen Arbeit ansehe. 

Das war ein Schock. 
Das war ein Schock, selbstverständlich. Ich bin am Ende des Zweiten Weltkriegs geboren. Meine Familie hatte aus politischen Gründen ein sehr gefährdetes Leben in der Nazi-Zeit. Bei uns zu Hause wurde nicht mehr über Politik gesprochen. Alles wurde ausgeblendet. Jetzt erlebte ich plötzlich die Repression durch die Polizei. Mein sehr guter Gemeinschaftskundelehrer hatte uns am Gymnasium dafür sensibilisiert. Er hatte uns am Gymnasium Filme über die schrecklichen Geschehnisse in den Konzentrationslagern gezeigt. Und jetzt dieser Polizist, der die Pistole gegen uns zog. Der hatte wahrscheinlich einfach Angst. Trotzdem: Dieses Erlebnis bestimmte mein weiteres Leben. 

Wenig später kam es in Berlin zum Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke, der durch zwei Kopfschüsse lebensgefährlich verletzt wurde. Diese Nachricht erreichte rasch auch in Frankfurt die Universität. 
Ja. Ich bin mit Freunden zu Teach-Ins gegangen. Der Stein kam ins Rollen und wurde zur Lawine. Wir waren immens neugierig. Als junger Physiker wollte ich alles erfassen, alles kennenlernen. Ich habe zugehört, habe jeden Tag die Zeitungen gelesen. Ich habe die Hetzkampagnen der Bild-Zeitung gegen uns Studenten erlebt. Wir fragten uns: Gibt es denn niemand, der der Bild-Zeitung sagt, dass das so nicht geht? Kein Regierungssprecher wies die Bild-Zeitung in Schranken, niemand. 

Was war das für ein Gefühl für Sie? Da wurde auf Dutschke geschossen, mit der klaren Absicht, ihn zu töten?
Das knüpfte an mein Erlebnis mit dem Polizisten an. Ich hatte Angst und empfand zugleich Wut auf die staatliche Repression. Für mich war klar: Ich gehe zu den Demonstrationen und beteilige mich an der Blockade der Bild-Zeitung. 

Das Attentat auf Dutschke geschah am 11. April, der Protest eskalierte in Frankfurt in den Tagen danach. 
Wir wollten die Auslieferung der Bild-Zeitung an der Societätsdruckerei an der Frankenallee verhindern. Deshalb zogen wir hin und blockierten das Tor. Die Bild-Zeitung war für uns ein Organ, das zur Gewalt aufrief und uns an die Anfänge der Nazi-Zeit erinnerte. Diese Demonstration vor der Societätsdruckerei endete schlimm. Wir sind von Polizisten auf Pferden mit langen, langen Gummiknüppeln verfolgt worden bis in die Hinterhöfe der Günderrodestraße hinein, wo es kein Entfliehen mehr gab. Wir wurden niedergeritten, und die Polizisten prügelten auf uns ein. Seitdem habe ich zu staatlichen Autoritäten, die das Machtmonopol besitzen, ein gebrochenes Verhältnis. Das hat sich mein ganzes Leben lang nicht mehr verändert, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass der Staat dieses Machtmonopol sichern muss. 

Es war die Erfahrung der staatlichen Gewalt, die Sie veränderte. 
Ja. Es gab Gewaltorgien durch die Polizei. Wir waren wütend auf die Bild-Zeitung und zum Teil auch auf die FAZ. 

Wie haben Sie das Leben an der Universität empfunden, den Unterricht, die Professoren?
Aus der Sicht eines jungen Physikers waren die Professoren aufgrund ihres Fachwissens Halbgötter. Wir hatten großen Respekt vor ihnen, weil wir Mühe hatten, all das zu verstehen, was sie uns vermittelten. Wir mussten hart arbeiten, um mitzuhalten. Mein persönlicher Kontakt zu den Profs war zwar gut und auch sehr freundlich. Aber die Institution der Universität mit ihren Allüren, den Talaren und den steifen Ritualen war mir zutiefst zuwider. Ich hatte noch vor kurzem ungute Erinnerungen, als meine Tochter bei ihrem Examen diesen Hut in die Luft warf. Für mich war es damals die widerliche Talaren-Universität der Reaktion. Wir wollten diese aus unserer Sicht verrottete bürgerliche Gesellschaft 25 Jahre nach Kriegsende demaskieren und erneuern. Damit hatten wir ja auch teilweise Erfolg. 

Hat Sie die Kritische Theorie angezogen, die Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in Frankfurt vermittelten? 
Ja. Ich habe mich nach meinem Physik-Diplom auch in Sozialwissenschaften eingeschrieben und mehrere Semester studiert, aber keinen Abschluss gemacht. Meine Physik-Promotion war mir letztlich wichtiger. 

Haben Sie Adorno oder Horkheimer erlebt? 
Ich habe sie gesehen und gehört, aber nicht persönlich kennengelernt. 

Studentenführer in dieser Zeit waren Hans-Jürgen Krahl, der als geistiger Kopf der Bewegung galt, und KD Wolff. Wie haben Sie die erlebt? 
1968 waren das stimulierende Personen für mich. Sie haben mir eine neue Gedankenwelt eröffnet, in die ich mich eingearbeitet habe. Ich bin dann 1970 zu den Jungsozialisten gegangen. Wir haben dort Marx und Engels und Ernest Mandel gelesen. Da tat sich ein neuer Horizont auf. 

Sie sind Sozialdemokrat geworden. Warum hat es Sie später nicht zu den Grünen oder Linken gezogen? 
Ich möchte denen, die den anderen Weg gewählt haben, nicht insgesamt eine neue Bürgerlichkeit vorwerfen. Aber es braucht Institutionen, um die Gesellschaft zu verändern. Und diese Möglichkeiten fand ich über die Jungsozialisten und die SPD. Ich stand öfter am Rand von Parteiordnungsverfahren. Ich habe gegen den Radikalenerlass der hessischen Landesregierung in den 70er Jahren mobilisiert. 

Das war eine SPD-Landesregierung. 
Ja. Es gelang mir damals als hessischer Juso-Vorsitzender, den französischen Sozialistenführer François Mitterrand dazu zu bewegen, einen Satz gegen den Radikalenerlass zu schreiben, da er undemokratisch sei. Diesen Satz habe ich auf großen gelben Plakaten in ganz Frankfurt plakatiert. Das löste ein Parteiordnungsverfahren gegen mich aus. Die SPD-Führung schäumte vor Wut. Aber es löste auch viel Überzeugung in der SPD gegen den Radikalenerlass aus. Ein anderes Beispiel: Wir haben als Jusos eine Bewegung gegen die geplante atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Nordhessen, die SPD-Ministerpräsident Börner wollte, aufgebaut. Ich konnte als Physiker in unendlich vielen Ortsvereins- und Bürgerversammlungen glaubhaft gegen die Technologie der Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen argumentieren. Die Grünen waren für mich keine Alternative, die standen damals noch ganz am Anfang ihrer Umweltpolitik. 

Sie wollten als Student auch das kapitalistische System ablösen. 
Wir waren eindeutig gegen den Kapitalismus, wie er sich in der Bundesrepublik etabliert hatte. Wir träumten von einem solidarischen, demokratischen Sozialismus. Für uns war nie der DDR-Kommunismus allerdings eine Alternative. 

Wenn Sie heute zurückschauen auf 1968: Was ist die größte Errungenschaft dieser Generation? 
Für mich persönlich ist es so, dass mein Leben von einem großen Freiheitsdrang getragen wird, der sich bis heute gegen repressive Strukturen richtet. Gesellschaftspolitisch gesehen ist es zum Beispiel die Emanzipation der Frauen, die 1968 einen neuen großen Anlauf nahm. Auch die Machtstrukturen der Institutionen in allen Bereichen der Gesellschaft wurden hinterfragt. Heute ist mein Eindruck, dass diese Machtstrukturen deutlich weniger hinterfragt werden. Die Demokratie erodiert dadurch und verliert an Substanz. 

Eine starke rechtspopulistische Bewegung kopiert zum Teil die Aktionsformen der 68er. 
Das haben die Nationalsozialisten Anfang der 30er Jahre ähnlich gemacht. Sie haben auf diese Weise versucht, Bürgerliche auf ihre Seite zu ziehen. Heute versuchen es die Rechtspopulisten wieder genau so. 

Sind die Errungenschaften von 1968 heute zu selbstverständlich geworden? 
Ja. Man muss sie immer neu erkämpfen und verteidigen. 

Sind wir zu bequem geworden? 
Dass ältere Menschen müder werden, ist ein natürlicher Prozess. Traurig ist, dass sich die nachfolgende Generation offensichtlich auf dem ausruht, was die vorherige erreicht hat. Wenn diese Generation andere Ideale hat, ist das bitter, aber es liegt in deren politischer Verantwortung. 

Ertappen Sie sich manchmal dabei, dass Sie sich wieder eine Bewegung wünschen, die viele Menschen ergreift? 
Wenn ich sehe, wie gezielt, nicht nur von westlichen Regierungen und Geheimdiensten, ein neuer Kalter Krieg mit nicht überprüfbaren Behauptungen vorangetrieben wird, wenn ich sehe, wie mit gewagten außenpolitischen Manövern und militärischer Aufrüstung versucht wird, zum eigenen Machterhalt die Menschen gegen einen äußeren Gegner zu vereinen, dann packt mich die kalte Wut. Dann bin ich wieder dort, wo ich 1968 angefangen habe und mich Willy Brandts Friedenspolitik mobilisierte. 

Interview: Claus-Jürgen Göpfert 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare