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Hängende Amaryllis, gefüllt mit Wasser ? und an den Wänden: gefrorene Natur, fotografiert von Hilke Steinecke. Ort des Staunens: die Galerie am Palmenhaus.

Palmengarten in Frankfurt

Weihnachtsausstellung im Palmengarten eröffnet

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Im Frankfurter Palmengarten ist die Weihnachtsausstellung eröffnet, und schon denken alle an den Frühlingsball und die Schmetterlinge

Frankfurt, Stadt der Weihnacht. Ja, es weihnachtet sehr, aber es ist nicht so, dass einen diese Tatsache im Palmengarten direkt aus den Fellschuhen haut. Natürlich, es fällt schon auf, dass da viele Weihnachtssterne sind, 1000 ungefähr, und rot sind sie und weiß, aber gern auch mal lachs oder creme. Wobei sie in der Natur nur rot werden, um ihre Bestäuber in Mittel- und Südamerika anzulocken beziehungsweise Alexander von Humboldt, der sie dann auch prompt nach Europa mitnahm. Dort züchtete man sie bunt und führte sie auch noch hinters Licht. Weihnachtssterne geruhen nur dann zu blühen, wenn sie nicht mehr als zwölf Stunden Licht am Tag sehen. Darum müssen sie schon im Oktober hinter dunklen Folien wachsen, damit sie pünktlich zum Advent Farbe bekommen. Reife Leistung übrigens, sagt Palmengartendirektor Matthias Jenny den Ausstellungseröffnungsgästen: „Die Weihnachtssterne sind alle hier bei uns gezogen – und Sie wissen ja, unsere Gärtnerei ist abgebaut.“ Da kommt was Neues hin. Dazu später mehr.

Frankfurt, Stadt der Hektik. Anstrengend sei die Zeit, und die Leute „ruppig, hektisch, unter Stress“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne). Und wechselt den Gesichtsausdruck.

Frankfurt, Stadt der Ruhe. „Kommen Sie in dieses Kleinod“, sie meint den Palmengarten, „in diese wunderschöne Ausstellung, die so ganz leise ist.“ Nächstenliebe sei das Wichtigste unter uns Menschen, sagt Heilig. „Wir sollten jetzt an jene denken, die es nicht so gut haben wie wir.“ Beispielsweise am Stand der Nepalhilfe.

Frankfurt, Stadt der Nepalhilfe. Da steht Jürgen Kromminga und verkauft entzückende Dinge aus Filz und Stoff. „Wir stehen seit sieben Jahren hier“, in jeder Weihnachtsausstellung, „aber ich kann mich nicht erinnern, dass mal ein Frankfurter bei der Nepalhilfe hängengeblieben wäre“, sagt er. Es ist also nicht so, dass die Leute dringend in der Nepalhilfe mithelfen wollten, aber immerhin: Sie kaufen. Mit Fug und Recht, denn die bunten Dinosaurier, orangefarbenen Hasen, hellblauen Eisbären, vorwitzigen Hühner und unschuldig dreinblickenden Koalas bereichern jeden Haushalt, halten Frühstückseier warm und helfen den Menschen, die sie gemacht haben, weiter. Nach dem jüngsten Erdbeben in Nepal halfen sie – na gut, die Einnahmen aus ihrem Verkauf und die Spenden der Menschen – etwa dabei, Wellblechdächer für die obdachlos gewordenen Menschen zu beschaffen. Der Verein hat 300 Mitglieder. Kromminga sagt, er sei „asienfasziniert“, und wenn man ihn fragt, warum Nepal, warum nicht beispielsweise Indien, dann sagt der 70-jährige frühere technische Kaufmann: „Ich hab auch noch ein Hilfsprojekt in Myanmar, so ist das nicht.“ Als er dort vor vier Wochen wieder hinflog, fragte er vorher seinen Zahnarzt, ob er nicht mitkommen wolle. Nein, wir machen hier keine blöden Scherze in der Zeitung. Und ja, der Zahnarzt wollte mit. In Myanmar hat er dann kostenlose Behandlungen für die Leute dort gemacht. „Er war total begeistert“, sagt Jürgen Kromminga. Und wenn Sie jetzt von Jürgen Kromminga und seinem Zahnarzt begeistert sind, dann sind Sie nicht die Einzigen.

Frankfurt, Stadt des Unterhakens. Was soll eigentlich dieses ständige „Stadt des Pipapo, Stadt des Popapi“ in diesem Text? Der Oberbürgermeister hat angefangen. Peter Feldmann (SPD), am Eingang von anderen Gästen begrüßt mit einem zünftigen „Ei, Herr Feldmann, aach schon widder da?“, spricht nach der Umweltdezernentin, und er spricht unter anderem von der Stadt des Unterhakens. Als etwa im September die Bombe entschärft werden musste: Da hätten die Menschen einander geholfen. Oder als es galt, den Weihnachtsmarkt zu eröffnen im strömenden Regen, und die Unken dem OB zuriefen: Viel Spaß heut Abend, mit 30 Leuten – „da war der Römerberg randvoll“, sagt Feldmann, denn die Frankfurter, sie wissen, wann sie gebraucht werden. Deshalb sei Frankfurt auch die „Stadt des Stiftens“, erinnert Feldmann an den ausgeprägten Sinn für Eigeninitiative, und obendrein „die Stadt des Geprägtseins von de Aageplackde“, also von der Internationalität.

Frankfurt, Stadt des Geprägtseins. Apropos: Da kommt der deutsche Italiener (oder italienische Deutsche?) Nevio Passaro und überreicht einen Scheck über 2,5 Millionen Euro an Peter Feldmann („2,5 Millionen – ein Hammer!“) und Rosemarie Heilig. Frankfurt, Stadt des Scheckausstellens. Passaro ist ein Sänger. Das Geld hat er nicht selbst mitgebracht, er überreicht es im Auftrag der Stiftung Palmengarten und Botanischer Garten. Die Summe ist für den Bau des neuen Blüten- und Schmetterlingshauses, das dort entsteht, wo das alte Blütenhaus und die Gärtnerei waren. Ob das jetzt reiche, fragt jemand den Direktor. Nein, sagt er, denn es fehle ja noch Geld für das pädagogische Programm des Hauses, damit die Besucher verstehen, warum die Schmetterlinge so schön herumgaukeln. „Die machen das ja nicht aus Liebe zu uns, sondern aus Liebe zum Überleben.“ Frankfurt, Stadt des Überlebens. „Also: Wir brauchen noch Geld.“

Frankfurt, Stadt des Frühlings. Das Geld fürs pädagogische Programm des Schmetterlingshauses wird traditionell beim Frühlingsball gesammelt. Dort wird Nevio Passaro singen. Eine Kostprobe bietet er schon zur Eröffnung der Weihnachtsausstellung: das Lied „Sento“, zur Gitarre, ganz langsam. Die Leute stehen und strahlen. Passaro singt grandios, beinahe so schön wie die Rotkehlchen, die im nächsten Jahr sicher wieder beim Aufbau der Frühlingsausstellung in der Galerie mithelfen wollen.

Frankfurt, Stadt der Amaryllis. Aber erst mal ist Weihnachten. Von der Decke in der Galerie hängen Amaryllis mit den Blüten nach unten. Die Idee hatte Jonas Glaser vom Ausstellungsgestaltungsteam schon vor Jahren, und sie ist bestechend: Man nimmt die große Blume mit dem dicken, innen hohlen Stiel, füllt sie mit Wasser und hängt sie knospig auf. Dann fängt sie bald an zu blühen. Man kann sogar Wasser nachfüllen. Nur sollte man sie gut festbinden, denn das Wasser macht sie schwer, warnt Glaser. Im Übrigen sei die Ausstellung in diesem Jahr „eine der stimmigsten Weihnachtsausstellungen, seit ich hier bin: kein Kitsch, die Pflanzen im Vordergrund, so wie es sich für den Palmengarten gehört“. Christbaumkugeln gebe es in Kaufhäusern. Hier: natürlichen Baumschmuck aus Stroh, Zapfen, Orangen. „Diese Stimmung wollen wir vermitteln.“

Frankfurt, Stadt der Eisblumen. Palmengarten-Oberbotanikerin und Kustodin Hilke Steinecke hat tolle Fotos von gefrorener Natur gemacht, die riesengroß an den Wänden hängen. „Ich liebe Winter, wenn sie richtig schön knackig sind“, sagt sie. Die Besucher lieben die Fotos davon.

Frankfurt, Stadt der Sommervögel. In der Schweiz, berichtet Matthias Jenny, sagt man Sommervogel, wenn man Schmetterling meint, und wenn das nicht wunderschön ist, was soll, bitte schön, dann wunderschön sein?

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