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Cristina Henrich-Kalveram hat die Liebe zum Papier und zum Buch als Antrieb.

Henrich Editionen

Verlegerin mit eigenem Programm

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Die Deutsch-Spanierin Cristina Henrich-Kalveram, Urenkelin des Frankfurter Verlagsgründers Franz-Josef Henrich, hat sich in nur sieben Jahren mit ihren Büchern einen Namen gemacht.

In der Druckerei ist es noch ganz so, wie es in einer Druckerei nun mal sein muss. Es rattert und zischt und dröhnt und riecht intensiv nach Maschinenöl und frischem Papier. 116 Jahre sind vergangen, seit Franz-Josef Henrich im Frankfurter Stadtteil Schwanheim seine Druckerei gegründet hat. Seit dem 30-jährigen Krieg sind die Henrichs im Westen der Stadt nahe des Mains ansässig, eine ganz alte Frankfurter Familie, wie man heute nur noch wenige findet. Heute lenkt die Urenkelin von Franz Josef die Geschicke des Unternehmens. Cristina Henrich-Kalveram hat die Palette der Firmengruppe seit sieben Jahre um eine wichtige Farbe bereichert: Sie gründete einen Buchverlag, die Henrich Editionen. Und die machen Furore durch gelungene, schön gestaltete Bücher zu Frankfurts Geschichte und Kultur.

Für die in Barcelona geborene Tochter eines Spaniers und einer Schwanheimerin schließt sich so ein Kreis. Schon Urgroßvater Franz Josef war nicht einfach nur Drucker. Er engagierte sich politisch für seine Heimatstadt Frankfurt. Er war Stadtverordneter und gehörte der Zentrumspartei an, durchaus typisch für das streng katholische Schwanheim.

Die Urenkelin fördert aus dem Archiv charakteristische Publikationen von Druckerei und Verlag Anfang des vorigen Jahrhunderts zutage. Wunderbar vergilbt ist die von Henrich im Auftrag der Stadt damals herausgegebene „Frankfurter Wochenschau“, ein Kaleidoskop des städtischen Lebens, das bis in die nationalsozialistische Zeit hinein erschien.

Für die bürgerliche Schicht der Stadt und für die Vereine druckte man Chroniken und Festschriften, aber auch schon Bücher und Geschäftspapiere. Cristina war weit weg von dieser Tradition und von Schwanheim. Die spanisch-deutsche Familie lebte in Barcelona, bis zu ihrem elften Lebensjahr wuchs die Tochter dort zweisprachig auf. „1979 kam dann plötzlich der Notruf aus Frankfurt an die Mutter: Du musst die Firma und die Tradition retten.“

Die männlichen Nachfahren wollten oder konnten nicht mehr. „Und Mutter sprang ein und engagierte sich als Frau in dieser Männerdomäne“, erinnert sich die heute 48-jährige Tochter. Sie erlebte aus nächster Nähe, wie die Mutter sich in der Branche durchsetzte – das hat sie nicht vergessen.

Im temperamentvollen Schnelldurchgang führt die Chefin durch das weitläufige Firmengelände nahe des Haardtwaldplatzes. Spezialzeitschriften werden hier gesetzt und gedruckt, aber auch viele Kataloge für die Frankfurter Museen: Städel, Liebieghaus, Jüdisches Museum, Historisches Museum, Institut für Stadtgeschichte.

Mit dieser Welt wollte Cristina Henrich-Kalveram als junge Frau „erst überhaupt nichts zu tun haben“. Nach dem Abitur heuerte sie bei einem Frankfurter Stadtmagazin an, dann bei einer Werbeagentur, absolvierte eine Lehre als Werbekauffrau, lernte „von der Pike auf“ Layout, Graphik, Design. Ein Studium als Kommunikationsfachwirtin schloss sich an. Und dann trat die Tochter doch in das von ihrer Mutter geführte Unternehmen ein.

Vor einem Regal mit den schönsten Büchern ihres Hauses beschreibt sie ihre Motive. „Die Liebe zum Papier, die Liebe zum Buch“ habe sie geleitet. 2008 geschah die Begegnung, die alles veränderte: mit einer Überlebenden des Holocaust, einer Zeitzeugin des Nationalsozialismus. Die Schwanheimerin Lilo Günzler hatte damals endlich den Mut gefunden, ihre Erinnerungen an die Zeit des nationalsozialistischen Terrors aufzuschreiben. Sechs Jahrzehnte hatte sie geschwiegen, aus Angst, um nicht negativ aufzufallen, um ihren Kindern „eine fröhliche Mutter“ zu sein. Als das Buch vollendet war, suchte die 75-jährige einen Verlag – und fand Henrich-Kalveram. Die brachte das Buch heraus – unter dem Titel „Endlich reden“ – und gründete zugleich die Henrich Editionen.

Seither hat die Verlegerin mit ihrem Team, in Wahrheit einer weiteren Frau, von sich reden gemacht. Sei es durch ein Werk über die Frankfurter Museen in der Nazi-Zeit, sei es durch das Tagebuch des Jungen David Adolf Zunz über das Revolutionsjahr 1848 in Frankfurt oder den wunderbar gestalteten Band „Bockenheimer Landstraße 102“ über die frühere Villa des Frankfurter Literaturhauses. „Ich wollte ein eigenes Programm“, sagt die Verlegerin geradezu trotzig.

Und das legt sie denn auch auf: Zehn bis 15 Bücher im Jahr, für den kleinen Verlag eine stolze Zahl. Schöne Kunst-Bände wie etwa „Acht Betrachtungen“, in dem acht Autorinnen und Autoren auf acht Werke des Museums für Moderne Kunst treffen. Aber auch Ausgaben zur lokalen Kultur wie etwa „Frankfurts Apfelweinführer“, der auf unnachahmliche Art und Weise 39 Lokale vorstellt, in denen dem Ebbelwei gehuldigt wird. „Das wurde ein Riesenerfolg“, sagt sie stolz.

Bald kreist unser Gespräch auf dem Sofa um Heimat. „Man muss Heimat immer neu erzählen“, urteilt die Verlegerin. Gerade in einer internationalen Großstadt wie Frankfurt, in der sich ein Drittel der Bevölkerung alle paar Jahre austauscht. In der die Fluktuation der Menschen hoch ist. In dieser Stadt, die rasch wächst und in die Menschen aus ganz Deutschland und viele aus Afrika und Asien drängen, beschwört Henrich-Kalveram das Heimatgefühl.

 „Was macht unsere Heimat heute aus?“, fragt sie stets aufs Neue. Und gibt immer neue Antworten. Etwa wenn sie den Schauspieler und Kabarettisten Michael Quast fürs Hörbuch seinen geliebten Heimat-Dichter Friedrich Stoltze einlesen lässt („Frankfort is kaa Lumpenest!“). Sie freut sich, wenn sie selbst das Layout für ihre Bücher entwirft: „Ich kann mich austoben!“ Mittlerweile gewinnt sie deutschlandweit wichtige Preise. Der Band etwa über die alte Literaturhaus-Villa wurde mit dem German Design Award 2016 ausgezeichnet.

 Die Deutsch-Spanierin kam 1979 aus Barcelona nach Frankfurt, als die Stadt am Main bundesweit gerade ein ganz schlechtes Image hatte, als ein CDU-geführter Magistrat mit Oberbürgermeister Walter Wallmann an der Spitze das zu verändern suchte. „Ich kam mitten im Umbruch an“, sagt sie.

Sie wuchs auf in einer Stadt, die sie in den 80er Jahren als tolerant und weltoffen empfand. „Ich war stolz darauf, dass da die Punker neben den Poppern existieren konnten“.

Natürlich erlaubt ihr die gut ausgelastete Druckerei mit ihren 30 Beschäftigten, im Buchverlag Experimente zu wagen. „Ich habe Spielraum“, sagt sie. Doch die Bücher müssen und sollen sich wirtschaftlich schon tragen.

Dafür hat sie die Reihe „Corporate Books“ geschaffen: Bücher, die mit finanzieller Unterstützung anderer Unternehmen, etwa Banken, publiziert werden. So entstand zum Beispiel ein Werk über ein ganz besonderes Kapitel des sozialen Wohnungswesens: „Justizbau Frankfurt 1948 bis 2013“, die Geschichte der Wohnungsbaugenossenschaft der Justizangehörigen Frankfurts.

Es erforderte Mut, einen Buchverlag zu gründen – in einer Zeit, in der andere Buch-Unternehmen in Deutschland ums Überleben kämpfen. Katharina Wagenbach-Wolff fürchtete beispielsweise, nach mehr als 50 Jahren aus Altersgründen ihren Verlag Friedenauer Presse in Berlin schließen zu müssen. Erst in letzter Minute fand sich ein Investor, der das kleine Haus weiterführen wollte.

 Henrich-Kalveram hat in ihrem Büro gut sichtbar Bände des Steidl- Verlages in Göttingen platziert. Sie liebt und respektiert den konzernunabhängigen Verleger Gerhard Steidl und seine Arbeit. „Er ist großartig, er macht so wundervolle Bücher.“ Seine Werke liegen im Zimmer der Verlegerin als „stete Mahnung, ja nicht in der Qualität nachzulassen.“ Mit dem Status der Literaturstadt Frankfurt ist sie nicht zufrieden. „Die Stadt muss aufpassen, dass ihr andere wie Leipzig oder Köln nicht den Rang ablaufen.“ Wir sprechen über Leipzig. Am 22. März hat in der Frankfurter Partnerstadt die Frühjahrsbuchmesse mit dem großartigen Lesefest „Leipzig liest“ begonnen, das sich weit über die Buchhandlungen hinaus Hunderte von Orte erobert hat, von Waschsalons über Bahnhöfe bis hin zum Zoo.

In Frankfurt, urteilt Cristina Henrich-Kalveram, müsse die Stadt „viel mehr für den stationären Buchhandel tun“. Sie stellt sich zum Beispiel Buchpremieren vor, die vom städtischen Kulturamt in Buchhandlungen organisiert werden.

Die Verlegerin hofft da auf die Unterstützung der neuen Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), die sie gerade beim Stelldichein mit Frankfurter Verlagsrepräsentanten als „sehr angenehme Person“ erlebt hat. Die Henrich Editionen jedenfalls wollen weiter ihren Beitrag für die Buchstadt Frankfurt leisten.

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