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Volker Hartmann (l.) vor dem Haus Seeheimer Straße 19 in Frankfurt-Oberrad.

Frankfurt Oberrad

Theodor Adorno würdigen

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Der Philosoph Theodor Adorno wohnte in seiner Jugend in Oberrad. Bald erinnert doch eine Gedenktafel an den Mitbegründer der Kritischen Theorie.

Ein schmalbrüstiges Haus, eher unauffällig an den Hang geduckt. Erst von hinten offenbaren sich seine Qualitäten. Der schmucke Garten, in den eine kleine Treppe hinabführt. Der Blick vom Balkon im ersten von zwei Stockwerken über das angrenzende Grün. Hier lebte Theodor W. Adorno zwei Jahrzehnte lang – von seinem Einzug wenige Tage nach seinem elften Geburtstag im September 1914 bis zu seiner Emigration wegen des wachsenden Nazi-Terrors im Oktober 1934. Seeheimer Straße 19 in Oberrad, ganz im Osten Frankfurts: „Im Stadtteil weiß kaum jemand, dass Adorno hier 20 Jahre gewohnt hat“, sagt Volker Hartmann vom Bürgerverein Oberrad. Der Bürgerverein will das nun ändern: Zum 50. Todestag des Philosophen und Musiktheoretikers am 6. August 2019 soll eine Gedenktafel angebracht werden.

Ein Anliegen, das auch Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) ausdrücklich unterstützt und das bereits in den Ortsbeirat 5 eingebracht wurde. So will man ein vergessenes Kapitel der Stadtgeschichte wieder ans Tageslicht fördern. Der 1981 gegründete Bürgerverein, sagt sein Vorsitzender Eugen Müller, handele da gemäß seines Wahlspruchs „Oberrad ist unsere Sache“.

Es könnte mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs Anfang August 1914 zusammenhängen, dass der wohlhabende Weinhändler Oscar Wiesengrund Mitte September 1914 mit seiner Familie von der Schönen Aussicht im Stadtzentrum ins periphere Oberrad umzog. Wiesengrund, so interpretieren es die Biografen Adornos, fürchtete offenbar Luftangriffe auf die Innenstadt.

Sein Sohn Theodor liebte jedenfalls das damals noch sehr dörfliche Ambiente. Er spielte am Main, warf manche Flaschenpost ins Wasser, schaute den Schiffen nach, die auf dem Main vorbeizogen. Teddy besaß sein eigenes Zimmer ganz oben unterm Dach. Er genoss in der gutbürgerlichen Familie eine musikalische Ausbildung, lernte Geige und Bratsche. Sein Lieblingsinstrument aber wurde bald das Klavier. Unterstützt und gefördert von seiner Tante Agathe, die neben den Eltern und dem Dienstmädchen im Haus wohnte.

Mit 13 Jahren Theaterstücke verfasst

Agathe und Teddy spielten vierhändig die Symphonien Bruckners und Mahlers, er begleitete sie, wenn sie Lieder von Beethoven sang. Bald komponierte der junge Theodor selbst. Im Alter von 13 Jahren verfasste er im Oberräder Refugium erste Theaterstücke, im Alter von siebzehn schickte er Musikstücke an den berühmten Komponisten Arnold Schönberg. Die erhoffte Antwort aber blieb aus.

Noch als Schüler lernte er den Soziologen und Geschichtsphilosophen Siegfried Kracauer kennen, der ihn unterrichtete. Sie lasen gemeinsam Kants „Kritik der reinen Vernunft“.

Mit dem Machtantritt der Nazis 1933 fiel ein Schatten auf die Oberräder Idylle der Wiesengrunds. Die Nachbarn wandten sich plötzlich gegen die jüdische Familie. Es gab Beschimpfungen und alltägliche Schikane. Mit der Vermittlung seines Vaters gelang es Theodor, sich im Oktober 1934 am Merton College im englischen Oxford einzuschreiben. In den Semesterferien besuchte er noch die Oberräder Heimat.

Doch dort wurde die Lage unhaltbar. Am 9. November 1938, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten und viele Juden starben, wurde das Haus Seeheimer Straße 19 von einer wütenden Menge mit Steinen beworfen. Die Polizei verschleppte die Eltern Adornos ins Gefängnis, sie kamen aber nach der Intervention eines Anwalts noch einmal frei. Sie sahen sich bald gezwungen, das Haus weit unter Wert zu verkaufen. In letzter Minute gelang ihnen 1939 die Flucht.

Als der Sohn Theodor Wiesengrund Adorno 1948 aus dem Exil nach Frankfurt zurückkehrte, wohnte er im gutbürgerlichen Westend. Die Oberräder Jahre gerieten in Vergessenheit. Die geplante Gedenktafel soll das nun ändern. „Er war ein großer Sohn Oberrads“, sagt Eugen Müller, der Vorsitzende des Bürgervereins.

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