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Petra Roth beim ersten Spatenstich für die neue Flughafen-Landebahn mit Ministerpräsident Roland Koch (CDU) rechts neben ihr. (Archivbild)

Petra Roth

„Sie hat der Stadt geschadet“

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Die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth soll Ehrenbürgerin werden. Ihre Wahl stößt auf Kritik. Flughafenausbaugegner finden, die CDU-Politikerin habe die Wahl nicht verdient.

An diesem Abend drängen sich die Menschen im Bürgertreff „Depot“ am Buchrainplatz in Oberrad. Beunruhigende Nachrichten haben den östlichen Frankfurter Stadtteil erreicht. Der Rhein-Main-Flughafen soll weiter ausgebaut werden, von einer zusätzlichen Landebahn ist die Rede. Es ist der 20. März 2000. Oberrad gehört schon damals zu den Quartieren, die besonders unter Fluglärm leiden. Die CDU hat deshalb zu einem „Bürgergespräch“ ins „Depot“ eingeladen – mit einem ganz besonderen Gast: Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU).

Die Stimmung im Saal heizt sich rasch auf. Fluglärmgeplagte schimpfen. Die OB hält dagegen. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie hinter dem Ausbau steht. Und irgendwann sagt sie diesen Satz: „Wem es zu laut wird, der hat ja das demokratische Recht, wegzuziehen.“ Große Empörung im „Depot“. 17 Jahre später holt diese Äußerung die jetzt 72-jährige Roth wieder ein. Denn die frühere Oberbürgermeisterin soll zur Frankfurter Ehrenbürgerin ernannt werden – auf Antrag der CDU. Und die Koalitionspartner SPD und Grüne im Römer wollen zustimmen.

Als sie das in der Zeitung las, fasste Lydia Ishikawa einen spontanen Entschluss, „aus Frust heraus“. Die Maklerin aus Sachsenhausen sammelt seit zwei Wochen Unterschriften gegen die Ehrenbürgerwürde für Roth. „700 haben wir schon zusammen, 1000 werden es bestimmt.“ Die selbstständige Unternehmerin wohnt „direkt in der Einflugschneise“ des Flughafens.

Sie wirft Roth vor, den Ausbau von Rhein-Main vehement gefördert zu haben. Tatsächlich verhinderte die OB mit ihrem Veto am 2. Februar 2007 eine mögliche Klage der Stadt Frankfurt gegen die Flughafenerweiterung. Die hatten SPD und Flughafenausbaugegner zuvor im Stadtparlament beschlossen. CDU und Grüne enthielten sich gemäß ihrer damaligen Koalitionsvereinbarung. Das Parlament hätte das Veto der OB zwar wieder überstimmen können – aber erst vier Wochen später, und dann wäre die Frist für die Klage abgelaufen gewesen. So machte Roth politisch den Weg frei für die Flughafenerweiterung. „Dadurch hat sie der Stadt wahnsinnig geschadet“, sagt Lydia Ishikawa heute. Sie verkennt nicht die Verdienste der CDU-Politikerin „etwa in der Drogen- und in der Ausländerpolitik“. Die Ehrenbürgerinnenwürde aber habe sie nicht verdient.

Das sagt auch der Oberräder Volker Hartmann. Der heute 68-Jährige gründete 1998 im Stadtteil die Bürgerinitiative „für Wohnen ohne Fluglärm und Absturzbedrohung“ (WOFA). Hartmann war am 20. März 2000 in Oberrad bei der Bürgerversammlung dabei, als Roth ihre umstrittene Aussage traf. „Wir waren sehr schockiert“, erinnert er sich. „Wie konnte eine OB den Menschen raten, wegzuziehen?“

„Es wäre hanebüchen, wenn Petra Roth Ehrenbürgerin werden würde“, urteilt Hartmann. Und er fügt hinzu: „Sie war nicht die OB aller Frankfurter, Hunderttausende dachten anders.“ Fünf Tage nach der Versammlung in Oberrad hätten damals 5000 Menschen in der Innenstadt gegen den Ausbau demonstriert.

Auch die Oberräderin Andrea Müller-Wüst kritisiert die Haltung der damaligen Oberbürgermeisterin. „Ich wohne hier seit 55 Jahren – ich will nicht wegziehen“, sagt die 62-jährige, die für die SPD im Ortsbeirat 5 (Sachsenhausen, Oberrad, Niederrad) sitzt. Die schlimmsten Befürchtungen aus dem Jahr 2000 über die Folgen des Ausbaus seien eingetroffen. „Der Lärm ist unerträglich – im Minutentakt donnern Flugzeuge über uns hinweg.“ Doch den Antrag, den Müller-Wüst im Ortsbeirat gegen die Ehrenbürgerwürde einbrachte, lehnten CDU und Grünen ab. „Die Grünen haben mich sehr enttäuscht“, sagt sie.

Aber Reinhard Klapproth, der Fraktionssprecher der Grünen im Ortsbeirat, hat an der Ehrenbürgerinnenwürde für Roth „nichts auszusetzen“. Der Parteiveteran findet die Kritik „kleinkariert“. Roths Verdienste um die Stadt überwögen das Kritikwürdige bei weitem. „Über all die Jahre hinweg hat sie eine Mehrheit der Menschen hinter sich gehabt“, sagt Klapproth.

Manuel Stock, Fraktionschef der Grünen im Römer, hat Verständnis für die Kritik aus dem Frankfurter Süden. „Wir teilen das – der Flughafenausbau hat uns bis zum Schluss von Petra Roth getrennt“, sagt er. Aber in der Abwägung ihrer politischen Arbeit habe Roth die Auszeichnung verdient. Stock nennt Roths Einsatz für Frankfurt als „Green City“, für eine liberale Drogenpolitik und für die Integration.

„Wir Sozialdemokraten haben Bauchschmerzen“, räumt Frankfurts SPD-Chef Mike Josef ein. Auch er erinnert an das Veto der OB im Jahre 2007. Aber die Partei werde die Auszeichnung dennoch mittragen. Josef hebt Roths Verdienste in der Kultur hervor, etwa beim Romantikmuseum.

Die Linken wollen ihr Abstimmungsverhalten „noch diskutieren“, sagt Fraktionschefin Dominike Pauli. Aus ihrer persönlichen Sicht stehe Roth „für eine neoliberale Ausrichtung der Stadt, für gute Kontakte zu Banken und Hochkultur“. Mit den Interessen „der kleinen Leute“ habe sie nichts im Sinn gehabt.

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