Gutleuthof (links) und die benachbarte Villa Gogel (um 1825).
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Gutleuthof (links) und die benachbarte Villa Gogel (um 1825).

Frankfurt-Gutleutviertel

Die Seele entrissen

  • Lukas Gedziorowski
    vonLukas Gedziorowski
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Die wechselhafte Geschichte des Gutleuthofs endet unwürdig. Die Historie des Gutleuthofs, dem Ursprung und dem Namensgeber des Gutleutviertels, hat einiges zu bieten.

In dieser Geschichte steckt alles: Krankheit, Armut und Tod. Wein, Weib und Gesang. Verbrechen, Verfall und Vernichtung. Gutshöfe, Grünflächen und Goethe. Die Historie des Gutleuthofs, dem Ursprung und dem Namensgeber des Gutleutviertels, hat all das zu bieten und mehr.
Fangen wir mit Goethe an. In seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ erinnert er sich an den „Hof zu den guten Leuten“, nicht weit vor dem Tor der Stadt, in der Nähe eines Schwefelbrunnens, der mit uralten Linden eingefasst gewesen sein soll: „Auf den Gemeindeweiden umher versammelte man zu einem gewissen Tage des Jahres die Rindviehherden aus der Nachbarschaft, und die Hirten samt ihren Mädchen feierten ein ländliches Fest, mit Tanz und Gesang, mit mancherlei Lust und Ungezogenheit.“

Der Name des Hofes hatte da schon längst nichts mehr mit seiner ursprünglichen Nutzung zu tun. Der Begriff „Gutleut“ war nicht das Pendant zu den heutigen „Gutmenschen“, aber ebenso ironisch-abwertend gemeint. Gutleut nannte man im Mittelalter die Aussätzigen, also die Leprakranken. Mit den Kreuzfahrern war die biblische Krankheit aus dem Nahen Osten nach Europa eingeschleppt worden. Und da man die Erkrankten nicht heilen konnte, hielt man sie wenigstens in Quarantäne – möglichst weit von Siedlungen entfernt.

Seit dem 13. Jahrhundert ist das Hospital des Gutleuthofs verbürgt. In einer Urkunde von Papst Clemens VI ist es als „domus leprosorum extra muros Frankfordenses“ aufgeführt. Deutsch sagte man „Sondersiechenhaus“ dazu. Die Aussätzigen waren durch Spenden und eigenen Bettel-Erfolgen gut versorgt, durften sogar ihren eigenen Wein anbauen. Seit dem 14. Jahrhundert hatten die Siechenden auch eine eigene Kapelle.

Im 16. Jahrhundert verschwand die Krankheit mehr und mehr aus der Region, nur noch vereinzelt kamen Betroffene auf dem Hof unter. Daher konnte man den Ort auch anderweitig nutzen. Zum Beispiel als Gefängnis. Im Jahr 1614 brachte die Frankfurter Stadtwache dort den Aufrührer und Wutbürger Vinzenz Fettmilch und seine Spießgesellen unter, jenen Lebkuchenbäcker und geistigen Brandstifter, der mit einem Pöbel zuerst die Stadtregierung übernommen hatte und dann über die Judengasse hergefallen war. Bis zu ihrer Hinrichtung im Jahr 1616 saßen Fettmilch und Konsorten bei den Leprösen. Auf dem Friedhof wurden Hingerichtete und Suizid-Opfer vergraben.

Im 17. Jahrhundert wurde das Gut zunehmend für die Landwirtschaft genutzt. Unter anderem wurden dort Äpfel für den Ebbelwei geerntet. Zu Goethes Zeiten kam es dann zu den liederlichen Lustbarkeiten. Im Jahr 1801 war vorerst Schluss mit lustig, da brannten die Ställe und Scheunen bis auf den Grund nieder, 1828 wurde die baufällige Kapelle abgerissen. Einen Denkmalschutz, der die mittelalterlichen Fresken hätte retten können, gab es damals noch nicht. Trotzdem blieb es bei der Landwirtschaft, im Jahr 1873 erwarb die Hessische Ludwigs-Eisenbahn-Gesellschaft den Hof. In den 1920ern gab es dort zeitweilig eine Milchkuranstalt. Und bevor dieser Leerlauf der Geschichte langweilig wird, springen wir ins Jahr 1940.

Da kommt nämlich Adam Jöst ins Spiel. Der Unternehmer, dem die meisten der 800 Wasserhäuschen in Frankfurt gehörten, konnte sein kleines Buden-Imperium vor dem Abriss durch die Nazis abwenden, indem er sich vom SPD-Anhänger zum SA-Sturmführer wandelte. Im Jahr 1960 erhielt er gar das Bundesverdienstkreuz am Band. Er kaufte den Gutleuthof und machte daraus ein Ausflugsziel.

Die historischen Gebäude wurden renoviert, ein Restaurant und 1961 auch ein Hotel eingerichtet. Der Gutleuthof wurde mehr als eine „beliebte, fast ländliche Idylle“, wie ein Zeitzeuge schrieb, sondern zu einem Universalunternehmen: mit Schreinerei, Schlosserei, Bäckerei, Konditorei, Speiseeisherstellung, Mineralwasserabfüllung, Kaffeerösterei.

Jösts Sohn Kurt legte Anfang der 50er einen Weingarten an und installierte die angeblich modernste Weinabfüllstelle Europas. Der Wein soll genießbar gewesen sein: Die Sylvanertraube gedieh auf dem nicht idealen Boden überraschend gut; der 54er „Gutleuthöfer Feld“ soll zwar (allein schon wegen der ungünstigen Lage) „kein Spitzenwein“ gewesen sein, wie die Frankfurter Rundschau schrieb, „dennoch recht beachtlich, mehr nach Franken hin verwandt als zum Rheingau“.

Nach drei Jahrzehnten war mit der Idylle Schluss. Adam Jöst war 1962 verstorben. Die Jöst GmbH verkaufte im Jahr 1971 neben den Trinkhallen auch den Gutleuthof, versteigerte das Inventar. Die Rebstöcke waren verwildert und vom Unkraut überwuchert. Der Ortsbeirat bekundete die Absicht, den „letzten und schönsten Frankfurter Hof“ zu erhalten, Unterschriften wurden gesammelt, aber daraus wurde nichts. Die Kommission für Denkmalpflege lehnt es ab, den Hof unter Schutz zu stellen. Nach sechs Jahren des Verfalls wurde der Gutleuthof abgerissen. Der Abbruchmeister soll geseufzt haben, da sei noch so viel Schönes zu retten gewesen.

Die Stadt kaufte das Areal für über zehn Millionen Euro und errichtete dort ein Berufsschulzentrum. Die SPD hätte lieber Wohnungen gebaut, die schon damals fehlten, die CDU konnte aber sich durchsetzen. 1990 wurde die Werner-von-Siemens-Schule eröffnet. Heute ist vom Gutleuthof nicht mehr viel übrig: Im Sommerhoffpark kann man noch ein Stück Mauer der benachbarten Villa Gogel sehen. Ernst Schnürer, in der Nähe aufgewachsen und Mitglied des Vereins Gude Leut’ ist, sagt: „Durch den Abriss wurde dem Gutleutviertel die Seele entrissen.“

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