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Es soll neuer und größer wiederentstehen: Blick in den Zuschauerraum des Kammerspiels.

Städtische Bühnen

Ringen um das Theater der Zukunft

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Das Gebäude und die technische Anlagen der Städtischen Bühnen sind marode - 900 Millionen Euro soll eine Sanierung kosten. Rundgang durch eine heruntergewirtschaftete Anlage.

Kühl ist es hier, tief unter der Erdoberfläche. Ein Raum mit nackten Betonwänden, ohne Fenster. Hohe schmale graue Metallkästen. Ein uraltes Holzregal mit Aktenordnern. An einem Schreibtisch sitzt ein Mann vor einem aufgeklappten Laptop. Journalisten und Kamerateams drängen in die unwirkliche Szene, alles gemahnt an eine Zeitreise. „Die Trafostation stammt aus den 60er Jahren“, sagt Max Schubert betont sachlich. Der Leiter des Gebäudemanagements der Städtischen Bühnen in Frankfurt ist keiner, der sich so leicht aus der Ruhe bringen lässt.

„Es gibt keine Ersatzteile mehr für die Trafos und ein Arbeitsraum ohne Fenster ist schon lange nicht mehr erlaubt.“ Wir haben die „Niederspannungsverteilung“ des riesigen Bühnen-Gebäudes am Willy-Brandt-Platz erreicht. Ein Rundgang durch diese insgesamt 108 000 Quadratmeter große Welt mit Hunderten von Räumen, in denen 1180 Menschen arbeiten, ist jedesmal wieder erschütternd. Mehr als 115 Jahre alte Wasserleitungen, viele große Risse in den Wänden, marode Klima-, Heizungs- und Kältetechnik, undichte Dächer. Vieles wirkt heruntergekommen. Es muss dringend etwas geschehen, keine Frage. Gutachter haben im Auftrag der Stadt die Kosten für Neubau oder Sanierung der Bühnen auf knapp 900 Millionen Euro beziffert. Seither ist die Kommunalpolitik in Frankfurt in Aufruhr.

Szenenwechsel. Im Magistratssitzungssaal des Frankfurter Rathauses sind Kaffee und Kuchen aufgefahren. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) diskutiert mit ausgelosten 25 Leserinnen und Lesern der Frankfurter Rundschau. Ganz rasch kommt das Thema Städtische Bühnen und Kosten hoch. „Es wird ein paar harte Entscheidungen geben“, sagt der OB vor seinem Publikum, „nicht alles, was man sich in der Kulturszene gewünscht hat, wird so kommen.“

Auch die Freien Theater in Frankfurt brauchten Unterstützung, hält Feldmann fest. „Wir sind sehr stolz auf sie.“ Der OB fügt hinzu, man werde bei den Städtischen Bühnen „einen Kompromiss finden müssen“. Und genau um den wird derzeit hinter den politischen Kulissen in Frankfurt heftig gerungen. Eine Arbeitsgruppe von Fachleuten des Hochbauamtes, der Bühnen, aber auch des städtischen Revisionsamtes soll die errechneten Kosten von 900 Millionen Euro für die Bühnen der Zukunft nach unten drücken. Es geht darum, herauszuarbeiten, was Oper und Schauspiel unbedingt benötigen.

Die Arbeitsgruppe hat sich schon mehrmals getroffen, aber die Angelegenheit ist äußerst heikel. Wird es noch in diesem Jahr Ergebnisse geben? Schulterzucken bei allen Gesprächspartnern im Römer.

Szenenwechsel. Wieder zurück beim Rundgang. Ohne es zu wissen, tritt Anita Wilde, die Verwaltungsdirektorin der Städtischen Bühnen, der Aussage des Oberbürgermeisters diametral entgegen. „Das Gutachten drückt nicht die Wünsche der Intendanten aus“, sagt sie, „sondern es gibt einfach Situationen, die nicht mehr Arbeitsstättenrichtlinien entsprechen.“

Aber gilt das auch für die Probebühnen und die Künstlerwohnungen, die auch Gegenstand des Gutachtens sind? Braucht es die wirklich? Wildes spontane Antwort: „Wir wollen ein optimales Theater.“ Derzeit müssten die Städtischen Bühnen in jedem Jahr eine Million Euro für angemietete Liegenschaften wie Probebühnen ausgeben. Dieses Geld wolle man sparen.

Genau diese Fragen werden jetzt verhandelt. Der Troß der Journalisten und Kameraleute erreicht die Bühne der Kammerspiele, der Zuschauerraum liegt verwaist vor den Besuchern. „Die Kammerspiele entsprechen nicht mehr den Ansprüchen“, sagt Max Schubert, der Chef des Gebäudemanagements. Der Raum sei sehr niedrig, die Scheinwerfer hingen deshalb stets sehr tief, es gebe eine große Hitzeentwicklung im Raum. Deshalb sehen die Pläne vor, die Kammerspiele mit einer Etage um drei Meter aufzustocken. Aber ist das unabdingbar notwendig? Auch darum wird in den nächsten Wochen gerungen werden.

Schubert zeigt den staunenden Journalisten eindrucksvolle Setzrisse in den Wänden. „Einen Spalt haben wir entdeckt, der ging von der Etage bis runter ins Foyer.“ Der Fachmann beruhigt die Besucher: Die Statik des Hauses sei nicht in Gefahr. „Selbst wenn das Foyer zusammenfiele, bliebe der Rest des Hauses noch stehen“, hält Schubert fest.

Wir erreichen den Südhof der Bühnenanlage, der sich zur Hofstraße hin öffnet. Diese schmale Einfahrt stellt die Hauptanlieferung für die Bühnen dar. Größere Lastwagen müssen endlos rangieren, bevor sie in das Nadelöhr reinpassen. Jedes Mal staut sich der Verkehr auf der Hofstraße.

Im angrenzenden Osthof („Unser Sorgenkind“) waren die Wasserleitungen derart marode, dass die Mitarbeiter keinen Tropfen mehr entnehmen durften. Mittlerweile sind die uralten Rohre ersetzt. So könnte die Führung noch stundenlang weitergehen. Während der Theaterferien jetzt sind unabdingbare Reparaturen im Gang.

Das Schauspiel erhält einen neuen Aufzug für 80 000 Euro. „Das ist viel Geld, aber wenn der alte Aufzug mal steckenbleibt, kommen die Darsteller nicht mehr auf die Bühne“, sagt Schubert.

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