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Die Preisträgerin Liora Hilb in Sachsenhausen.

Theaterpreis

Wie ein Ring die Shoa überstand

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Für eine sehr persönliche Geschichte erhält die Frankfurter Schauspielerin Liora Hilb den renommierten Theaterpreis Karfunkel.

Es ist die Geschichte eines Rings, der auf schier unerklärliche Weise aus dem Vernichtungslager Auschwitz nach Tel Aviv gelangte, eine Spurensuche in Zeiten der Shoa, eine Familiengeschichte, auf die sich die Frankfurter Schauspielerin Liora Hilb begibt. Sie führt aus dem bürgerlichen Ulm ins KZ, aus Tel Aviv nach Frankfurt am Main. Liora Hilb sitzt im Café Fellini in Sachsenhausen und spricht über ihr Theaterstück „remembeRing. Besser ist, wenn du nix weißt“.

Dafür wird die Schauspielerin, die der Kopf des Theaters La Senty Menti ist, am morgigen Dienstag im Kaisersaal des Römers mit dem renommierten Frankfurter Kinder- und Jugendtheaterpreis „Karfunkel“ ausgezeichnet.

Den Preis verleiht die Stadt jährlich seit 2010, er ist mit 10 000 Euro prämiert. Die Laudatio hält Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau. Die Preisfigur gestaltet der Frankfurter Künstler Andreas Gundermann als Unikat jedes Jahr neu.

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), die den Vorsitz der Preis-Jury inne hat, begründete die Entscheidung für Liora Hilb damit, dass ihre Arbeit „sich mit der Lebenswirklichkeit junger Zuschauer auseinandersetzt“ und sich für Fragen öffnet, „die unsere Gesellschaft im Innersten berühren“.

„RemembeRing“, dieses sehr persönliche Stück, setzt sich damit auseinander, wie Juden, die den Holocaust überlebten, mit der Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Zeit umgehen. „In meiner Familie wurde über die Shoa nicht gesprochen“, sagt Liora Hilb. Sie kam in Tel Aviv zur Welt, wohin ihr Vater kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges geflohen war. „Meine Großmutter hat es leider nicht mehr geschafft.“ Sie wurde 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet. Zwischen 1942 und 1944 brachten die Nationalsozialisten dort eine Million Menschen um.

Die Großmutter, der geflüchtete Vater und dessen Bruder stammten aus Ulm, wo die Familie bürgerlich gelebt hatte, Häuser besaß. In Tel Aviv musste sie sich neu orientieren. „Jeckes“ seien die Juden aus Deutschland genannt worden, so Hilb, weil sie Jacketts getragen hätten. Auch sonst seien ihr Vater und dessen Bruder sehr deutsch gewesen, hätten Schnitzel gegessen, Tortenstücke mit Sahne, mussten sich ohne Kenntnis der hebräischen Sprache orientieren. Nach einem Vierteljahrhundert seien ihr Vater, ihre Mutter und Liora Hilb nach Deutschland gezogen, hätten sich in Frankfurt niedergelassen.

Liora Hilb studierte Theater im italienischen Bologna. Seit vielen Jahren tritt sie auf Frankfurter Bühnen auf. Zwölf Inszenierungen hat sie uraufgeführt am Theaterhaus Kinder- und Jugendtheater in der Schützenstraße. Dort hatte auch das ausgezeichnete Stück „remembeRing“ vor einem Jahr Premiere.

In dem Stück für Jugendliche ab 13 Jahren kommen die jungen Menschen selbst zu Wort. Liora Hilb hat mit Schülern der Hostatoschule in Höchst, einer Grund- und Hauptschule, und Schülern der IGS Heinrich-Kraft-Schule in Fechenheim über Flucht und Migration, NS-Zeit und Antisemitismus gesprochen. Die Zitate der Schüler zu diesen Themen präsentiert ihre Tochter Stella Hilb in der Inszenierung. Stella Hilb ist auch Schauspielerin, tritt etwa am renommierten Berliner Ballhaus Naunynstraße und dem Maxim-Gorki-Theater auf. In Ulm, wo Liora Hilbs Familie wohnte, hat sie sich für die Verlegung von Stolpersteinen eingesetzt. Die Meinungen von Passanten zu den kleinen Tafeln, die im Boden an den letzten Wohnort der Vertriebenen erinnern, hat sie eingeholt und für das Theaterstück verwendet. Die Ansichten reichten vom „Holocaust-Leugner“ bis zum „Stolperstein-Unterstützer“.

Ihre neue Arbeit „Welcome, aber…! Von einem Kind, das ankam, um zu bleiben“ will Liora Hilb mit dem Preisgeld entwickeln. Es ist eine Flüchtlingsgeschichte, die am 3. November im Theaterhaus in der Schützenstraße Premiere haben wird.

Den Ring der Großmutter, der die Fragen zur Verarbeitung der Shoa aufgeworfen hat, trägt Liora Hilb heute selbst. Wie genau er den Weg aus Auschwitz nach Tel Aviv gefunden hat, dafür entwickelt sie im Stück drei mögliche Varianten.

Im Rahmen des Theaterfestivals „Starke Stücke“ für ein junges Publikum läuft die Aufführung von „remembeRing“ noch einmal: Am Mittwoch, 8. März, um 19 Uhr, im Theaterhaus, Erwachsene zahlen 14,20 Euro, Schüler 10,90 Euro.

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