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Austausch unter Nachbarn.

Gentrifizierung im Ostend

Mieter wehren sich

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Seit vier Jahren kämpfen die Mieter der Wingertstraße 21 im Ostend gegen die Vertreibung aus ihren Wohnungen. Jetzt feiern sie mit ihren Nachbarn ein Sommerfest.

Seit vier Jahren kämpfen die Mieter der Wingertstraße 21 gegen die Vertreibung aus ihren Wohnungen. Seit drei Jahren ist das Haus eine Baustelle. Ein Ende der Arbeiten ist nicht abzusehen.

Der Baulärm am Samstagnachmittag ist bis auf den Hof der Kirchengemeinde Nord-Ost zu hören, wo die Hausgemeinschaft Wingertstraße 21 ihr viertes Sommerfest ausrichtet. „Es wird saniert, was gar nicht sanierungsbedürftig ist. Die Folge: Eine Mieterhöhung nach der anderen“, empört sich Marianne Ried. Neben ihr leben noch vier von ursprünglich zehn Parteien in dem Gebäude.

„Von der Gentrifizierung sind wir im Ostend besonders betroffen. Ein Grund ist, dass die EZB hier beheimatet ist“, sagt Mieterin Almuth Meyer. Mit dem Sommerfest will die Hausgemeinschaft nicht nur auf Gentrifizierung aufmerksam machen. „Wir wollen denjenigen danken, die uns in den letzten Jahren unterstützt haben. Und wir wollen uns für ein gemeinschaftliches Wohnen einsetzen“, erklärt Meyer.

Gruppen stellen sich vor 

Trotz undichter Stellen im Dach, regelmäßigen Strom- und Wasserausfällen oder der andauernden Lärmbelästigung stand ein Umzug für sie nie zur Debatte. „Dann hätte ich unsere Wohngemeinschaft aufgeben müssen“, sagt sie. 

Wie nahe sich die fünf Parteien im Haus stehen, wird anhand einer für das Sommerfest erstellten Retrospektive deutlich. Fotoplakate zeigen sie bei gemeinsamen Aktivitäten. „Wohnraum ist zugleich Lebensraum. Und dafür stehen wir“, sagt Thomas Heinzelmann-Ekoos, der seit 1999 in der Wingertstraße lebt. „Wir vermitteln Lebenslust trotz Gentrifizierungsfrust“, betont er weiter. Die Gemeinschaft steht auch nicht alleine da. Vier weitere Gruppen und Initiativen aus der Nachbarschaft stellen sich am Samstag vor.

Über die regelmäßigen Treffen der Nachbarschaftsinitiative Nordend-Bornheim-Ostend (NBO) etwa kam der Kontakt zur Mietergemeinschaft Mercatostraße 27 zustande, die sich vor ein ähnliches Problem gestellt sieht. Im Herbst soll das Gebäude, in dem die sieben Parteien der Mietergemeinschaft leben, saniert werden. „Sollten die uns vorgelegten Baupläne umgesetzt werden, dann müssen wir mit einer Mieterhöhung von bis zu 80 Prozent rechnen“, sagt Gerald Wiesner. Er lebt seit 45 Jahren in der Mercatorstraße und hat den Auszug von zwei Familien wegen der angekündigten Mieterhöhung miterlebt.

Politiker zeigen Interesse 

Eine Vertreibung aus dem langjährigen Heim, das befürchtet auch Ried. Die 82-jährige Rentnerin lebt seit 58 Jahren im Gebäude Wingertstraße 21. Im Jahr 1959 bauten Verwandte von ihr das Haus im Ostend. Von dem Verkauf in 2013 wurde sie überrascht. „Das geschah hinter meinem Rücken“, erzählt sie.

Zum Sommerfest sind Anwohner aus den angrenzenden Straßen und Stadtteilen gekommen. Sie halfen in der Vergangenheit unter anderem mit Heizstrahlern aus, als in der Wingertstraße 21 die Heizung ausfiel. Auch die Kirchengemeinde Nord-Ost und die Genossenschaft Fundament unterstützen die Betroffenen.

Zunehmend zeigen auch Politiker Interesse: Beim Sommerfest zugegen sind unter anderem Bodo Pfaff-Greiffenhagen (Ortsbeirat Ostend, CDU), Ulli Nissen (Bundestagsabgeordnete, SPD) und Mike Josef (Planungsdezernent, SPD). „Josef nahm sich viel Zeit für uns“, hebt Heinzelmann-Ekoos positiv hervor. „Das bestärkt uns darin nicht aufzugeben.“ Das Motto laute einmal mehr: „Wir sind eine Hausgemeinschaft mit Zukunft – Wir bleiben hier wohnen!“

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