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Die Frankfurter Feuerwehr war mit mehr als 20 Einsatzfahrzeugen und 80 Leuten um den Industriepark im Einsatz.

Industriepark Griesheim

"Man sollte die Störfallbetriebe verlagern"

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Warum nicht Synergien nutzen und den Industriepark von Griesheim nach Höchst verlagern? Die Maßnahme hätte zahlreiche Vorteile - für die Mitarbeiter, aber auch für Frankfurt, sagt Grünen-Politiker Thomas Schlimme.

Herr Schlimme, wie haben Sie den Chemieunfall heute morgen erlebt?
Die Sirene hat mich um kurz nach vier Uhr geweckt. Ich habe immer die Fenster zu, musste aber die Fenster meiner schwerhörigen Mutter schließen. Als ich um sieben Uhr die zweite Sirene gehört habe, war mir klar, dass auf jeden Fall etwas passiert ist. 

Sie wohnen in Griesheim und sind auch im Stadtteil aufgewachsen. Haben Sie noch Angst, wenn die Sirenen losgehen? 
Im Laufe der Jahrzehnte ist das tatsächlich so oft passiert, dass für mich keine besondere Aufregung mehr damit verbunden ist. Wenn man sich an die wichtigsten Regeln hält, kann auch nicht so viel passieren. Fenster zu. Nicht rausgehen. Das ist wichtig. 

Haben Sie denn den Eindruck, dass die Unternehmen und Behörden genug tun, um die Anwohner der Industrieparks zu schützen?
Bei der Warnung hat man diesmal alles richtig gemacht. Es ist besser, wenn die Sirenen immer erklingen, wenn ein Risiko besteht – und nicht erst, wenn man sich sicher ist, dass es brandgefährlich ist. Dass Salzsäurewolken durch die Gegend ziehen, lässt sich aber nicht kleinreden. Die Störfallbetriebe im Industriepark werden immer ein Risiko sein für den Stadtteil.

Schon vor drei Jahren gab es einen größeren Vorfall im Werk. Damals regten Sie an, dass Störfallbetriebe aus dem Industriepark nach Höchst verlagert werden. Bestärkt Sie der neuerliche Unfall in Ihrer Ansicht?
Ja. Man sollte versuchen, das hinzukriegen. Wenn man es schafft, die wenigen Störfallbetriebe, die es in Griesheim noch gibt, in den Industriepark Höchst zu verlagern, könnte man die frei werdende Fläche als modernen Gewerbepark entwickeln. Dort könnten sich Unternehmen ansiedeln, die in der Produktion tätig sind, aber nicht mit einem solchen Risiko behaftet sind wie die Störfallbetriebe. Dann fielen zudem die Beschränkungen der Seveso-Richtlinie weg. Momentan kann man im Umfeld des Industrieparks wegen der Abstandsregelungen zu den Chemieanlagen nichts Neues bauen. In Nied könnte eine neue Schule entstehen. Doch das geht wegen der Seveso-Richtlinie nicht. 

Haben nicht die Stadt und die Betreiber und Nutzer der Industrieparks eine Vereinbarung getroffen, nach der nur noch eine Abstandszone von 500 Metern ab Zaun gilt?
Das ist eine Vereinbarung zwischen der Stadt Frankfurt und des Industrieparkbetreibers Infraserv, die die Seveso-Richtlinie gar nicht aushebeln kann. Man hat sich nur darauf verständigt, dass innerhalb dieser 500-Meter-Zone nicht gebaut wird und Infraserv nicht klagt, wenn Wohnungen außerhalb des Bereichs entstehen. Das heißt aber nicht, dass kein Dritter klagen könnte. Das Areal, auf dem die Schule entstehen könnte, liegt zudem sogar in der Zone.

Sie wollen, dass man das Areal besser nutzt. Wäre eine Verlagerung der Produktionsanlagen aber nicht sehr teuer?
Ja. Das ist sicherlich auch ein Grund, wieso auf die Vorschläge nicht eingegangen wurde. Die Frage ist aber doch, ob der Industriepark Griesheim, wie er inzwischen ist, noch eine Zukunft hat. Chemie lebt ja eigentlich von Synergien. Doch die gibt es dort kaum noch. Die Beschäftigten könnten sicherer sein, dass sie ihre Arbeitsplätze behalten, wenn sie wissen, dass die Anlagen nach Höchst verlagert werden. 

Noch mal ganz klar: Wer könnte die Verlagerung denn bezahlen?
Das ist nicht so einfach. Ich könnte mir vorstellen, dass die Stadt Frankfurt und das Land Hessen die Verlagerung bezuschussen. Das könnte man vielleicht als städtebauliche Maßnahme begründen. Die Industrie selbst müsste aber natürlich den Löwenanteil bezahlen. Dafür hätte sie in Höchst dann neue Anlagen. 

Besonders SPD, CDU und Linke im Römer betonen gern, wie wichtig die Industrie und die sogenann-ten Blaumann-Arbeitsplätze für Frankfurt sind. Dort hat man Ihnen zum Teil vorgeworfen, mit der Diskussion über den Industriepark Griesheim den Standort zu schwächen und damit die dortigen Arbeitsplätze zu gefährden.
In der Blütezeit haben 3000 Menschen im Industriepark Griesheim gearbeitet. Jetzt sind es noch etwa 600. Man baut nun einen Abwasserkanal von Griesheim in den Industriepark Höchst. Das zeigt doch alles, dass der Standort inzwischen zu klein ist, um sich selbst zu tragen. Das Gelände ist viel zu schade, um es weiter wie bisher zu nutzen. Es könnte dort viel mehr Arbeitsplätze – auch Blaumann-Arbeitsplätze – geben als jetzt, wenn man den Strukturwandel schafft. 

Interview: Christoph Manus

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