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Der Dreidel aus Bronze ist das zentrale gestalterische Element auf dem neuen Platz.

Holocaust

Ein Kunstwerk als Erinnerung

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Auf dem neuen "Platz der vergessenen Kinder" gedenkt die Stadt Frankfurt den jüdischen Mädchen und Jungen, die aus einem Kinderhaus an der Hans-Thoma-Straße ins KZ deportiert wurden.

An diesem Mittag stockt die Zeit. Auf dem kleinen Platz in Sachsenhausen, an der Ecke von Garten- und Hans-Thoma-Straße, hat sich eine Menschenmenge versammelt, um einer der dunklen Stunden der Stadtgeschichte zu gedenken. Der Deportation der Jungen und Mädchen aus dem Kinderhaus an der Hans-Thoma-Straße 24 ins KZ nach Theresienstadt.

1919 hatte der Verein der Weiblichen Fürsorge das Haus eröffnet. Zunächst nahm es bedürftige, meist jüdische Kinder auf. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gaben auch Eltern, die durch wachsende antisemitische Verfolgung in Not geraten waren, ihre Kinder dort in Obhut. Die meisten davon wurden von den Nazis ermordet.

An ihr Schicksal erinnert seit Mittwoch der „Platz der vergessenen Kinder“. Die Stadt hat das zuvor namenlose Areal schön hergerichtet. Die Poller sind verschwunden, auch die Litfaßsäule. Dafür steht dort jetzt eine Bronzeskulptur der Künstlerin Filippa Pettersson. Das Denkmal zeigt einen Dreidel, einen Kreisel, mit dem die Kinder beim jüdischen Lichterfest Chanukka spielen.

Oberbürgermeister Peter Feldmann und Kulturdezernentin Ina Hartwig (beide SPD) sind zur Eröffnung gekommen. Marc Grünbaum von der Jüdischen Gemeinde. Die Initiative „Jüdisches Kinder- und Waisenhaus Hans-Thoma-Straße 24“, die sich fünf Jahre lang für die Gedenkstätte engagiert hat. Gäste aus Israel. Knapp zwei Stunden verharren sie auf dem Platz.

„Es ist immer nur eine Zahl“, sagt Bärbel Lutz-Saal von der Initiative. Und Zahlen sind abstrakt. Sechs Millionen Juden haben die Nazis ermordet. Unvorstellbar. Umso mehr, wenn es sich um Waisenkinder handelte, findet Lutz-Saal. Sie hatten keine Verwandten, keine Eltern, niemand erinnert sich. „Wir wollten ihnen wieder eine Existenz geben“, sagt Lutz-Saal. Deshalb solle der Name des Platzes auch provozieren. „Wer sind diese Kinder?“, sollten sich die Leute fragen und bestenfalls auch nachforschen.

„Mir fehlen die Worte“, sagt der eigens aus Israel angereiste Dani Hirschberg. Dann erzählt er doch. Seine Großeltern leiteten das Haus übergangsweise von März 1942 an, nachdem die eigentliche Leiterin deportiert worden war. Im September kamen auch sie mit den letzten 43 Kindern nach Theresienstadt. Bis in den Tod haben sie ihre Schützlinge begleitet, bis zu ihrer Ermordung im Oktober 1944 in Auschwitz.

Ihre eigenen Kinder hatten Goldina und Seligmann Hirschberg lange vorher vorsorglich fortgeschickt. Seinen Vater nach Palästina, erzählt Dani Hirschberg. Der habe es nicht geschafft, zur Eröffnung der Gedenkstätte zu kommen. „Es ist zu schwer.“ Aber 16 Familienmitglieder haben Hirschberg begleitet. Am Ende der Veranstaltung stimmen sie einen wehmütigen Gesang an. Einer von vielen bewegenden Momenten an diesem Mittag.

Auch Inge Ariel ist angereist. Sie hat sechs Jahre in dem Kinderhaus gewohnt, wo ihr Vater sie nach dem Tod der Mutter unterbringen musste, als sie eineinhalb war. „Ariel heiße ich erst seit meiner Hochzeit“, erzählt sie. In Frankfurt war sie noch Inge Grünewald. „Die Nazis haben mich Sarah genannt und mir einen gelben Stern gegeben.“

Die 86-Jährige verbindet aber auch schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. „Das war meine Heimat hier“, sagt Ariel. Sie fährt durch Sachsenhausen. „Erinnerungen werden wach.“ Ihr Vater habe alles unternommen, um sie aus Deutschland hinauszuschaffen. Mit neun Jahren floh sie nach Uruguay, später wanderte sie nach Israel aus. Der Vater starb 1942 im KZ Theresienstadt.

Die Namen der letzten 43 deportierten Kinder lasen gestern Carl-Schurz- und Schillerschüler laut vor. Mit Altersangabe. Nur sechs der Deportierten überlebten das Lager. Die Namen sind auch am Dreidel-Denkmal zu finden, von unten eingeritzt in die Kopfplatte des Kreisels, man kann sie ertasten oder sich bücken und sie lesen. „Als hätten Bruno, Rolf, Judith, Lea und die anderen sich selbst dort verewigt“, sagt Kulturdezernentin Hartwig. Das Denkmal stehe mit voller Absicht nicht auf einem Podest, sondern auf dem Boden, mitten im Alltag der Stadt, sagt Hartwig. Gegen den müsse es sich behaupten, um so das Andenken wachzuhalten.

27 000 Euro hat die Bronze gekostet. Das Geld hat die Initiative von Stiftungen und privaten Spendern gesammelt, der Ortsbeirat gab 5000 Euro dazu. „Geschichte darf sich nicht wiederholen“, sagt Ortsvorsteher Christian Becker (CDU), von Beruf Geschichtslehrer.

www.platz-der-vergessenen-Kinder.de

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