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Und die versammelte Politprominenz hört zu: Cohn-Bendit, Bremer, Messinger und Göpfert (von links) auf dem Podium.

Buchveröffentlichung

Klassentreffen der 68er

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Im berühmt-berüchtigten Hörsaal VI diskutieren Daniel Cohn-Bendit, Claus-Jürgen Göpfert und Bernd Messinger über das „Das Jahr der Revolte“.

Wer hat sie bloß, die Amtskette des Uni-Präsidenten? Damals, im Mai 1968, besetzten Tausende Demonstranten die Goethe-Uni, protestierten gegen die Notstandsgesetze, die Klassenverhältnisse, das Reaktionäre in der Gesellschaft. Sie machten Teach-ins, alternative Seminare. Die Uni stellte den Lehrbetrieb ein.

Auch das Uni-Rektorat besetzten die Demonstranten, soffen den Cognac des Präsidenten, verschrotteten Möbel, klauten Talare – auch die Amtskette, das verhasste Herrschaftssymbol. „Wenn sie jemand von Ihnen hat, bitte diskret an mich zurückgeben“, sagt Tanja Brühl, die Vizepräsidentin der Goethe-Universität. Keiner der vielen Zuhörer und im Hörsaal VI der Goethe-Universität in Bockenheim rührt sich.

Im legendären „H sechs“, dem Ort der Proteste“, sprechen am Freitagabend der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit, FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert und Umweltdezernats-Mitarbeiter Bernd Messinger über diese Zeit. „Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968“, so heißt das neue Buch von Göpfert und Messinger. Nils Bremer, Chefredakteur vom „Journal Frankfurt“, dem Nachfolger-Magazin des linken „Pflasterstrands“, moderiert.

Die Stimmung im „H sechs“ ist locker. Die Menschen, viele weißhaarig, die zur „Frankfurter Premiere“ des Kulturamts gekommen sind, haben Bierflasche oder Weinglas dabei. Mit dem Establishment gehen sie neckisch um. „Hört, hört!“, schallt es, als die Vizepräsidentin sagt, dass sie nach 1968 geboren wurde.

Ina Hartwig (SPD), die Frankfurter Kulturdezernentin, grüßt und sagt, dass 1968 „männlich dominiert“ war und viele „harte Männer, Intellektuelle, Hedonisten“ im Buch vorkämen, das biografisch aufgeschlüsselt sei. „1968 hat die Gesellschaft verändert, aber war es eindeutig gut?“, fragt sie.

Dann reißt Daniel Cohn-Bendit das Wort an sich und lässt es nicht mehr los. „Liebe Genossinnen und Genossen“, ruft er – das Publikum jubelt – „wir haben damals, geradezu prometheisch, den Eindruck gehabt, wir könnten am Rad der Geschichte drehen.“ Im Hintergrund sind Fotos vom Gerangel auf Frankfurter Straßen im Jahr 1968 zu sehen; eines zeigt Cohn-Bendit, wie er eine Barrikade der Polizei durchbricht. Es waren mehr als „Spinnereien“, sagt er, „wir hatten den tiefen Wunsch, die Lebensverhältnisse zu ändern.“

Frauen sollten ein Bank-Konto eröffnen können, ohne die Zustimmung des Gatten. Unverheiratete Partner sollten sich ohne Einmischung des Vermieters in ihrer Wohnung besuchen können. Die Eltern-Generation sollte sich ihrer Verantwortung für die Nazi-Zeit stellen.

Die Lehrer an dem Wiesbadener Gymnasium, das Claus-Jürgen Göpfert besuchte, hätten damals den Schlüsselbund ins Klassenzimmer geworfen, Kinder an den Haaren gezogen, mit dem Lineal geprügelt. „Es war eine ziemlich finstere Stadt“, sagt er. „Wie, damals?“, ruft das Publikum zurück.

„Lehrer aus der Nazi-Zeit“ hätten unterrichtet, sagt Bernd Messinger, der damals in die Ziehenschule in Frankfurt ging. Es sei eine Befreiung gewesen, mit jungen Referendaren über die Notstandsgesetze zu diskutieren. Bei den Teach-ins an der Goethe-Uni traf er Hans-Jürgen Krahl, den intellektuellen Kopf der Bewegung: „Man hat Krahl gehört und wusste gar nicht, was er sagt, aber es war irre spannend.“ Seine Augen leuchten.

Die Theorie damals: Ohne die Überwindung der Kapitalverhältnisse gibt es keine gesellschaftliche Veränderung. Und heute? „Es hat seit 1968 einen starken Umbruch gegeben, aber die Kapitalverhältnisse haben sich nicht verändert“, sagt Messinger.

„Eure eigenen Kapitalverhältnisse haben sich schon verändert, oder?“, fragt Moderator Nils Bremer.

Es gab viele Themen in den anderthalb Stunden im „H sechs“. Den Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW), die „Erzfeinde der Spontis“, wie Cohn-Bendit scherzt; das Aufkommen der RAF; die Auseinandersetzung mit der AfD.

Am Schluss fragt eine Bürgerin: „Wo sind eigentlich die Frauen auf dem Podium?“ Eigentlich habe sich seit 1968 doch nicht so viel verändert, meint sie. Dann hält eine junge Frau ein Co-Referat, zitiert Leo Trotzki. Daniel-Cohn Bendit sagt: „Jetzt habe ich Respekt.“

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