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Lange bevor alle Stimmen ausgezählt sind, gratuliert Bernadette Weyland (CDU) im Römer dem Wahlsieger Peter Feldmann (SPD).

2018 in Frankfurt

Klare Verhältnisse im Römer

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Das Jahr 2018 in Frankfurt: Von Januar bis März spielen politische Themen eine Rolle. Der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann deklassiert seine Herausforderin Bernadette Weyland.

Womöglich wünschte sich Bernadette Weyland an diesem Abend, sie hätte die Stichwahl erst gar nicht erreicht. Dann wäre ihr zumindest diese Demontage erspart geblieben. Am 11. März entschieden die Frankfurterinnen und Frankfurter über das Amt des Stadtoberhauptes. Zur Wahl standen CDU-Bewerberin Weyland und Amtsinhaber Peter Feldmann (SPD). Dass Feldmann gewinnen würde, war allgemein erwartet worden. Auch dass der Sieg deutlich ausfallen würde, galt als wahrscheinlich. 55 oder gar 60 Prozent für den Sozialdemokraten hätten niemanden überrascht. Doch für Weyland kam es schlimmer, viel schlimmer. Als alle Stimmen ausgezählt waren, hatte Feldmann 70,8 Prozent geholt – und Weyland gerade mal 29,2.

Wie schon vor sechs Jahren, als Feldmann die OB-Wahl überraschend gegen Boris Rhein (CDU) gewonnen hatte, wurde in diesem März viel über die Schwäche der CDU-Bewerbung diskutiert. Weyland war früh in eine Spirale des Misserfolges geraten. Ihr Wahlkampf ähnelte zeitweise einer Folge der Fernsehsendung „Pleiten, Pech und Pannen“.

Sie gab bei einem Medientermin im Bahnhofsviertel einem Drogenabhängigen Geld und forderte ihn auf, es nicht für Rauschgift auszugeben. Jeder Experte hätte ihr sagen können, dass ihre Worte ungehört bleiben würden. Sie schlug vor, der Eintracht das Stadion zum Kauf anzubieten – für einen lächerlichen Betrag. Sie geriet in eine Debatte über ihre Bezüge aus ihrem kürzlich aufgegebenen Job als Staatssekretärin im hessischen Finanzministerium und begann bei einem emotionalen Stadtgespräch der FR völlig ohne Not eine Debatte über diese Frage. Sie machte in einem Youtube-Video im Kostüm Sport im Fitnesscenter der TG Bornheim – was witzig gemeint war und in jedem anderen Wahlkampf wohl auch als Scherz aufgefasst worden wäre. Aber nicht in ihrem. Und wenige Tage vor der Stichwahl, als eigentlich schon alles vorbei war, forderte sie Feldmann in einer Fernsehdiskussion auf, sie doch bitteschön „Dr. Weyland“ zu nennen. Womöglich war auch das als Spaß gemeint. Bei ihr wirkte es aber nur arrogant.

Oft hieß es, die CDU unterstütze sie nicht und lasse sie ins offene Messer laufen. Auch Feldmann verbreitete diese These, die aber nur zum Teil stimmte. Tatsächlich bekam Weyland Rückendeckung von Parteichef Jan Schneider, noch kurz vor der Stichwahl organisierte er einen Auftritt der CDU-Hoffnungsträgerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Doch Weyland ließ sich nicht helfen.

Wie schon vor sechs Jahren wäre es aber grundlegend falsch, Feldmanns Sieg alleine mit der Schwäche der Konkurrenz zu erklären. Der SPD-Mann hatte in seiner ersten Amtszeit einfach die drängenden Fragen der Frankfurterinnen und Frankfurter erkannt und thematisiert. Die Menschen in der Stadt hatten keine Lust mehr, sich von der zuletzt selbstgefällig wirkenden schwarz-grünen Koalition erzählen zu lassen, wie toll sich Frankfurt entwickele. Sie sahen den massiven Mangel an bezahlbaren Wohnraum. Viele von ihnen hatten Angst vor Verdrängung.

Andere fanden partout keinen Betreuungsplatz für ihr Kind, wieder andere mussten ihren Söhnen und Töchtern erklären, dass sie nicht mit ihren Freunden aufs Gymnasium gehen dürfen, sondern tief im Westen die neue Schule in Höchst besuchen müssen. Und der Fluglärm war für die Bewohner der südlichen Stadtteile schon seit der Eröffnung der neuen Landebahn im Herbst 2011 eine große Belastung. Feldmann benannte diese Probleme. Dass er so gut wie keine Lösungen anzubieten hatte – geschenkt. Zumindest hatten die meisten Menschen das Gefühl, ihr Oberbürgermeister nehme sie ernst.

70,8 Prozent – der Erdrutschsieg hinterließ Spuren im Römer. Die SPD trat in der zwischenzeitlich gebildeten schwarz-rot-grünen Koalition noch etwas selbstbewusster auf, und Peter Feldmann machte in den Wochen nach der Wahl seine ganz eigene Politik. Ohne dass die Stadtverordneten darüber diskutiert hätten, verkündete er im Frühjahr einfach, der Kindergartenbesuch in Frankfurt werde von August an kostenlos sein. Und seinen Büroleiter Martin Wimmer schickte er trotz massiver Proteste auf einen sinnlosen Posten („Hauptstadtbeauftragter“) in Berlin. Feldmann konnte sich so ein Auftreten leisten. Er war der OB mit den 70 Prozent, was um ihn herum passierte, brauchte ihn nicht zu interessieren.

Martin Wimmer hat seinen Job mittlerweile wieder gekündigt, und Feldmann hat dann recht schnell aufgehört mit den Alleingängen. Ob er in sechs Jahren noch einmal antreten will, sagt er noch nicht.

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