Gallus

Keine Mehrheit für Widerstandskämpfer

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Ortsbeirat benennt Platz nördlich der Frankenallee nicht nach jüdischem Kriegsgefangenen Michael Zeuger. Anwohner wollte mit der Benennung auch ein Zeichen gegen den momentanen Rechtsruck setzen.

Egon Matthes klingt traurig. Und das ist er auch. „Ich bin enttäuscht, das ist klar“, sagt er. Im August war der Gallus-Bewohner bei der Sitzung des Ortsbeirats 1 vorstellig geworden und hatte mit einer emotionalen Rede für seinen Anliegen geworben. Matthes bat darum, den bislang namenlosen Platz zwischen Rebstöcker, Josbacher und Eppenhainer Straße nördlich der Frankenallee nach seinem früheren Nachbarn, dem jüdischen Widerstandskämpfer und Kriegsgefangenen Michael Zeuger zu benennen. Doch daraus wird wohl nichts.

Bis heute wurde im Ortsbeirat nicht über das Thema debattiert oder abgestimmt. Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD) bestätigt der FR, dass die Fraktionsvorsitzenden zwar in ihrer nicht-öffentlichen, interfraktionellen Sitzung darüber gesprochen haben, einen gemeinsamen Antrag auf den Weg zu bringen. „Es fand sich aber keine ausreichende Mehrheit“, so der Sozialdemokrat. Ohne Zeugers Verdienste abzuwerten, sei es für manche nicht ganz einleuchtend gewesen, weshalb „diese Person so herausgehoben werden soll, dass man einen Platz nach ihr benennt“.

Womöglich ist Michael Zeuger trotz seiner bewegten Lebensgeschichte in Frankfurt nicht bekannt genug. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der gebürtige Lemberger ins Warschauer Ghetto gebracht, wo er an einem bewaffneten Aufstand beteiligt war und schwer verletzt entkommen konnte. Danach landete er im sibirischen Straflager, da Soldaten der Roten Armee ihn für einen Kollaborateur der Deutschen hielten. Nach seiner Freilassung zog Zeuger 1962 mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Frankfurt – in dasselbe Haus im Gallus, in das zeitgleich auch Egon Matthes einzog.

Obwohl ihr Balkon anfangs mit Hakenkreuzen beschmiert wurde, wurden die Zeugers in Frankfurt sesshaft. Michael Zeuger, der 1976 verstarb, ist auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt, Witwe Teresa Zeuger wohnt auch heute noch Tür an Tür mit Egon Matthes in der Idsteiner Straße.

Der Senior hatte sich auch deswegen für die Platzbenennung starkgemacht, weil ihm der momentane Rechtsruck in Deutschland Angst bereitet. „Im Zuge der Entwicklung, die sich hier wieder vollzieht, hätte ich das für ein gutes Zeichen gehalten“, sagt Matthes. Laut Strank könnten sich viele im Ortsbeirat vorstellen, dass man auf dem Platz zumindest eine Gedenkplakette zu Ehren Michael Zeugers anbringt. Nicht die Lösung, die sich Egon Matthes gewünscht hat, aber immerhin. „Im Leben“, sagt er, „muss man immer Kompromisse schließen.“

Der Ortsbeirat 1 tagt am Dienstag, 27. November, um 19 Uhr im Gesundheitsamt – Auditorium -, Breite Gasse 28 (Innenstadt).

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