Stephan Hebel (r.) im Club Voltaire, vom Publikum bis auf die Bühne verfolgt.
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Stephan Hebel (r.) im Club Voltaire, vom Publikum bis auf die Bühne verfolgt.

Club Voltaire

„Jetzt ist die Zeit, zu kämpfen“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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FR-Autor Stephan Hebel lädt zu einer aktuellen Politikstunde. Dabei geht es um den neuen US-Präsidenten Trump und die Frage, warum die linken klugen Köpfe nicht schaffen, was Rechten mit dumpfen Parolen gelingt.

Nicht verzweifeln, liebe Leute: „Es gibt noch keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken“, sagt Stephan Hebel seinen Zuhörern. Das Jahr 2016 habe immerhin auch gezeigt, was gesellschaftliche Bewegungen schaffen können, wenn sie hartnäckig bleiben: dass sie Politiker durchaus zum Nachdenken bringen – „siehe TTIP“, das ungeliebte Handelsabkommen mit den USA.

Es war also nicht alles schlecht, aber hart war es schon, im Jahr 2016, für alle, die weltanschaulich nicht der AfD oder dem IS anhängen. Und wenn man vom Stammpublikum im Frankfurter Club Voltaire eines sicher weiß, dann, dass es beiden genannten Gruppierungen tief abhold ist. Ähnliches gilt in weiten Teilen für sein Verhältnis zum neuen US-Präsidenten. Zu behaupten, dass 2017 insofern für Club-Voltaire-Besucher nicht viel besser begonnen hat, als 2016 endete, wäre also kein alternativer Fakt.

Was den Jahresbeginn jedoch deutlich aufwertet, ist die Januar-Ausgabe von „Hebels aktueller Stunde“, der quartalsmäßigen Betrachtung der Welt durch Stephan Hebel, den Publizisten und politischen Autor der Frankfurter Rundschau. Wie immer im Club Voltaire. Wie immer überfüllt.

Und wie immer mit einem Lächeln im Angesicht des Grauens. Hebel empfiehlt zu Beginn, sich den Film „Toni Erdmann“ anzusehen: „Eine schöne Alternative zu den anderen Dingen, über die wir heute sprechen müssen – denn jetzt wird es ganz furchtbar.“

Nationalismus zeichne sich ab auf dem Weg, den nicht nur Trump und Putin einschlagen. Der Wille, Übereinkünfte zu finden, wie es in Obamas Amtszeit etwa mit dem Iran über dessen Atompläne gelang, dieser Wille werde nachlassen, prophezeit Hebel. Niemand solle denken, dass mit Trump irgendetwas besser werde als unter Obama: „Es wird brutalste Interessenpolitik sein ohne Rücksicht auf Verluste.“

„Radikale Rechte mit bürgerlicher Maske“

Natürlich nicht nur im Ausland. Die jüngste Propaganda des AfD-Frontmannes Höcke untersucht Hebel eindrucksvoll, indem er ihr Teile der Sportpalast-Rede von Joseph Goebbels (1943) gegenüberstellt. Die Nazi-Sprüche gehörten zur bekannten Arbeitsteilung in der AfD: „Radikale Rechte mit bürgerlicher Maske.“

Das Problem seien weniger die Rassisten als der Umstand, dass es keine nennenswerte Bewegung von links gebe, die „die Unzufriedenen des Neoliberalismus“ abhole. Warum nicht, fragt Hebel: „Haben die klügsten linken Köpfe denen nichts entgegenzusetzen, die mit den dümmsten Argumenten die Leute fangen?“

„Jetzt ist nicht die Zeit der Defensive“, ermuntert er sein Publikum, das gespannt zuhört. „Jetzt ist die Zeit, sich die andere Welt noch einmal gründlich zu überlegen.“ Und die Zeit, den Kampf um System und Kultur zu führen. Übrigens auch für die SPD, warnt Hebel. Sie müsse sich entscheiden, das sei ihre letzte Chance: „Nach der nächsten Wahl – Kanzler oder Opposition, nicht noch einmal Große Koalition.“

Im Club gibt es dafür großen Applaus. Und wenn auch nicht direkt pralle Aufbruchstimmung, so doch immerhin Träume: Eine „solidarische Moderne“ erhofft sich einer. Und dass zur nächsten „aktuellen Stunde“ am 27. April viele junge Leute kommen mögen.

Schon zuvor, am 3. April, erscheint Stephan Hebels nächstes Buch: „Mutter Blamage und die Brandstifter“. Die Kanzlerin kommt auch drin vor.

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