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Peter Zingler, der gerne spielt: von grimmig bis entspannt.

Filmmuseum Frankfurt

„Ich war gerne Gangster“

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Vor 30 Jahren verließ der Einbrecher-König Peter Zingler das Gefängnis und stieg in Frankfurt zum erfolgreichen Drehbuchautor auf. Das Filmmuseum zeigt seine schönsten Werke.

Die Tür des „Orfeo“ öffnet sich. Und aus dem Dunkel des Kinos tritt ein kleiner Mann mit weißem Hut und braun zerfurchtem Antlitz ans Licht. Mehr als sechs Stunden hat Peter Zingler wieder seiner Leidenschaft gewidmet, dem Kino. Diesmal im Auftrag der Filmförderungsanstalt, in deren Jury er neue Werke sichtete. Der 72-Jährige muss müde sein. Dennoch fackelt er wie stets nicht lange. „Wat willste wisse, Jong?“, fragt er in seinem singenden Kölsch. Und schon tauchen wir ein in eine wilde Geisterfahrt quer durch bewegte Jahrzehnte.

Vor dreißig Jahren begann ein neues Leben für den Mann, der in der Trümmerwüste Nachkriegs-Kölns seine Jugend verbrachte. 1986 kam Zingler, der Einbrecher-König, nach zwölf Jahren endgültig aus dem Knast frei, verließ die Haftanstalt Darmstadt-Dieburg als freier Mann. In Frankfurt begann sein Aufstieg zu einem der erfolgreichsten Drehbuchautoren Deutschlands – 80 Filme entstanden bisher nach seinem Skript, darunter etliche „Tatorte“. Er hat auch viele Krimis und andere Romane geschrieben, ist Träger des renommierten Grimme-Preises.

Vom Kriminellen zum Schriftsteller: Weil diese Karriere vor drei Jahrzehnten startete, zeigt das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt vom heutigen Donnerstag, 1. September, an bis zum Samstag seine schönsten Filme. Und es kommen zur Vorführung im Kino vertraute Freunde aus der Branche: Ben Becker, Elke Sommer, Dennenesch Zoudé, Claude-Oliver Rudolph, Hajo Gies zum Beispiel. Und sie alle und Zingler werden erzählen.

Alles begann mit dem Klauen als Kind auf dem Schwarzmarkt, erst Fahrräder, dann im Alter von elf die ersten Luxusautos. Peter wuchs ohne Vater auf, seine vermeintliche Mutter war in Wahrheit seine Großmutter, seine angebliche ältere Schwester hatte ihn geboren. Als der Junge durch Zufall diesen Schwindel aufdeckte, drehte er völlig durch. Mit 15 zum ersten Mal Knast, weil er das mit dem Stehlen luxuriöser Amischlitten zur Profession gemacht hatte. Mit einem der Autos war er nach St. Tropez gefahren, weil er hoffte, dort auf dem Markt die Frau seiner Träume zu treffen, Brigitte Bardot. Das klappte nicht. Dafür wurde er verhaftet.

Aus dieser kriminellen Zeit kultiviert der Autor noch heute sein Image als ruppiger Raubauz, der kurz und knapp auch Leute abkanzeln kann. Hinter dieser rauen Fassade versteckt sich ein sensibler, warmherziger Mensch, der allerdings eines in seinem Leben gelernt hat: große Selbstdisziplin.

Der Mann mit dem kleinen Rubin im rechten Ohr lächelt sein charakteristisches schelmisches Lächeln und brummt: „Ich war gerne Gangster – ich habe gut verdient.“ Mindestens 500 große Brüche hat er ausbaldowert, erfolgreich waren etwa 150. Bevorzugt raubte er die Villen der Reichen und Superreichen aus – wertvolle Teppiche, Gemälde, Silber und immer wieder seine Spezialität: die großen Luxus-Schlitten.

Immer wieder ging er in den Knast. Einmal nutzte er eine Justizpanne aus: Sein Haftbefehl wurde nicht verlängert, weil am Wochenende kein Staatsanwalt aufzutreiben war. Sofort setzte er sich ins Flugzeug und tauchte in Jamaika unter. Das war 1981.

Zingler rührt im Kaffee. Brummt. Jamaika war kein Paradies. Im Gegenteil: Er störte die Kreise der dortigen Gangster, lebte gefährlich. Nach acht Monaten kehrt er nach Deutschland zurück, stellte sich. Es musste etwas geschehen. „Bei der nächsten Verurteilung hätte mir Sicherungsverwahrung gedroht, da wär ich nie mehr aus dem Knast rausgekommen.“

Schon in der Zelle hatte er mit dem Schreiben begonnen, erst erotische Geschichten für die Mitgefangenen, die äußerst beliebt waren. Er schickte sie an die Zeitschriften, die er kannte: Playboy, Lui, Penthouse. Und siehe da: Er wurde gedruckt.
In der Justizvollzugsanstalt Darmstadt-Dieburg lernte er die Schriftstellerin Ursula Sigismund kennen, die mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche verwandt war – sie leitete die Knast-Literaturgruppe und wurde seine Förderin.

Zingler muss lachen. „Aus dem kleinen Kreis im Spazierhof im Knast kam ich in den Ehrenkreis der Autoren.“ Er schrieb ein Buch über seine Zeit auf Jamaika. „Das Haus in den Bergen.“ Über Sigismund lernte er den populären Schauspieler Günter Strack kennen. Der spielte seit 1981 den dicken Rechtsanwalt Dr. Dieter Renz in einer neuen Serie des ZDF, die unglaublich populär war: „Ein Fall für zwei“. Zingler schrieb eine Folge für die Serie, Strack gefiel sie. So nahm alles seinen Lauf …

Trotzdem hört Zingler die Geschichte gar nicht gern von der erfolgreichen Resozialisierung des Kriminellen. Die ist ihm zu rührselig, in seinen Worten „Kappes“. Der frühere Meisterdieb spricht lieber von Freunden, die ihm geholfen haben. Einer war der Kölner Dieter Engel, seit 1971 Besitzer von Frankfurts berühmtesten Bordell, dem „Sudfass“ an der Flößerbrücke. (Seit kurzem abgebrochen zugunsten neuer Luxuswohnungen.)

„Der Dieter ist ein richtiger Freund, der hat mir damals schon den Anwalt bezahlt.“ In einem Haus in der Uhlandstraße im Ostend, das Engel gehört, kann der Gefängnis-Freigänger Zingler wohnen. Dort gründet er am 1. September 1985 eine Frankfurter Literatur-Institution: die Romanfabrik.

Ein anderer Freund, der 1986 ganz wichtig war, kommt an den Tisch im „Orfeo“: Es ist Hans Joachim Mendig, heute Chef der Hessenfilm und Medien GmbH und ein einflussreicher Mann in der Branche. Vor 30 Jahren war er Produzent der ZDF-Serie „Ein Fall für zwei“. Er schwärmt noch heute von den Drehbüchern Zinglers: „Das waren Milieufilme, die einfach gestimmt haben.“ Und die sich wohltuend abhoben von anderen Fernsehkrimi-Serien, die stets nur in der gleichen Villa im vornehmen München-Bogenhausen zu spielen schienen.

Vor allem aber, und das war entscheidend, brachten die Drehbücher Zinglers viele Zuschauer. Mendig: „Wir hatten hohe Einschaltquoten.“ Die erste von Zingler verfasste Folge hieß „Fasolds Traum“ und wurde am 19. Dezember 1986 im ZDF gezeigt. Der verurteilte Kriminelle Fasold wird auf Druck von Rechtsanwalt Renz aus der Haft entlassen und bekommt sogar eine Schankerlaubnis für die erhoffte Kneipe. Doch dann geschieht etwas Unerwartetes …
Ein Jahr zuvor hatte in der Wirklichkeit ein anderer Freund von Zingler dem Ex-Knacki eine Schankerlaubnis für die Romanfabrik im Ostend verschafft. Das war der damalige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD), der bald auch einen städtischen Zuschuss für den Literaturtreff organisierte. Noch heute treffen sich Hoffmann und Zingler regelmäßig.

Der Drehbuchautor verfasst seine Bücher im Laufen. „Ich gehe am Mainufer spazieren, da kann ich mich entspannen und spreche den Text auf Kassette.“ Der Vorteil bei dieser Methode: „Ich hör sofort, ob die Dialoge stimmen.“ Oder ob sie sehr nach Papier klingen. Dennoch: Der Aufstieg von Peter Zingler war kein Selbstläufer. „Es gab immer wieder Durststrecken.“ Man muss dranbleiben, immer neue Drehbücher anbieten. Bald hatte er sich den „Tatort“ erarbeitet: „Du musst akquirieren!“ Dann kam der österreichische Markt: „Für den ORF habe ich zwölf Filme in sieben Jahren geschrieben.“
Es ist schwierig, ein solches Leben in wenige Worte zu fassen. Der Autor hat es selbst versucht. Vor anderthalb Jahren stellte er seine Autobiografie mit dem knackigen Titel „Im Tunnel“ vor. Das ist ein Trumm von 600 Seiten. Aber eigentlich nur der erste Band. Er beschreibt lediglich die Jahre des Kriminellen Zingler, der sich im Tunnel fühlt, aus dem er nicht mehr rauskommt.

Mittlerweile ist der zweite Band fast fertig, noch einmal 500 Seiten. Der logische Titel: „Nach dem Tunnel“. Erscheint zur Frühjahrsbuchmesse 2017 in Leipzig. Und erzählt die 30 Jahre nach dem Knast bis heute.

Zingler atmet tief durch. Stellt sich dem Fotografen. Die Schauspielerin Dennenesch Zoudé, die mit ihm in der Jury der Filmförderungsanstalt sitzt, umarmt ihn. Sie wird an seiner Seite im Deutschen Filmmuseum am Schaumainkai sein, wenn er am heutigen Donnerstagabend dort den von ihm geschriebenen zweiteiligen Fernsehfilm „Die Himmelsleiter“ vorstellt. Ein Panorama aus dem Nachkriegsköln, stark autobiografisch gefärbt: Ein Junge schlägt sich in der zerstörten Stadt durch …

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