+
Theodor W. Adorno ließ es sich nicht nehmen auch im Radio zu lehren.

Ina Hartwig

"Hass auf vermeintlich Fremde, Ressentiments gegen die Elite"

  • schließen

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) spricht mit der FR über die Aktualität von Adorno, über das rasante Wachstum Frankfurts und über Gefahren und Chancen für die Kunst in einer boomenden Stadt.

Frau Hartwig, bei Ihrer Antrittspressekonferenz 2016 hatten Sie angekündigt, Sie wollten versuchen, die Kritische Theorie in Frankfurt aufleben zu lassen. Was ist geschehen seither?
Die Frage, ob die Kritische Theorie heute noch, oder wieder, als Bewertungsinstrument der gesellschaftlichen Situation taugt, erscheint mir nach wie vor aktuell. Nehmen wir nur den in der Postmoderne in Vergessenheit geratenen Begriff der Affirmation. Affirmation gilt, das ist in Frankfurt Ehrensache, als negativ codiert, als unkritisch. Was ist denn heute affirmativ? Wir können uns sicherlich darauf einigen, dass die durchkommerzialisierte Stadt im Geiste Adornos mit diesem Adjektiv zu belegen wäre.

Lässt sich das in der Wirklichkeit wiederfinden, die total durchkommerzialisierte Stadt?
Die durchkommerzialisierte Stadt ist als Bedrohung zumindest spürbar. Frankfurt ist wie jede vom Boom betroffene, wirtschaftlich erfolgreiche, kulturell attraktive Stadt betroffen von dieser Bedrohung: und dies nicht zuletzt, weil infolge der Niedrigzinspolitik die Immobilien als globales Anlagekapital gehandelt werden. Sie selbst berichten ja regelmäßig davon, was diese Entwicklung für das Gemeinwesen, seine gewachsene Struktur und die städtischen Milieus bedeutet. Im Übrigen betrifft die Entwicklung keineswegs nur den Wohnraum, der teilweise schon für den Mittelstand unerschwinglich geworden ist. Sie betrifft auch jene Räume, die wir subventionieren: Räume für die Kunst und die Künstler.

Und es wird immer schwieriger?
Unsere Aufgabe ist es, die Freiheit der Kunst zu sichern in Räumen, auf denen ein enormer Kapitaldruck lastet. Die Freiheit der Kunst ist gesetzt, glücklicherweise. Aber die Räume dafür zu sichern wird tatsächlich schwieriger.

Die Stadt hat sich ja sogar vorgenommen, neue Räume zu erschließen. Sie will wieder Grundstückspolitik betreiben, Flächen erwerben und das umkehren, was wir in den 90er Jahren hatten: den Ausverkauf vieler städtischer Kulturstätten, vom Theater am Turm angefangen. Spüren Sie etwas von dieser neuen Politik?
Ich begrüße diese Bemühungen. Und die Erkenntnis, dass Kunst und Kultur nicht ausschließlich nach marktwirtschaftlichen Kriterien bewertet werden können und dürfen, kann ich nur unterstreichen. Noch einmal: Die großen Städte boomen. Davon profitiert auch die Kulturlandschaft. Wir werden bald die Grenze von 750 000 Einwohnern erreicht haben, gerade ist die neue Statistik veröffentlicht worden. Als ich vor 20 Jahren nach Frankfurt kam, hatten wir hier 600 000 Menschen. Frankfurt als rasant wachsende Stadt ist auch ein internationales Kraftzentrum geworden, für Touristen und Kunstinteressierte aus aller Welt. Die Kultur als Schauseite der Städte hat an Bedeutung zugenommen. Einige unsere Kulturinstitutionen besitzen eine Strahlkraft für ganz Deutschland und darüber hinaus.

Wie kann sich die Stadt in dieser Situation neu aufstellen?
Gerade in einer Zeit, in der wir eine Homogenisierung durch globale Bildsprachen wahrnehmen, ist es den Menschen ein Bedürfnis, sich ihrer kulturellen Identität zu versichern. Eine herausgehobene Rolle spielen hier die Museen: Die kritischen Themen des frühen 21. Jahrhunderts haben Einzug gehalten in die Museen, die sich, so meine Beobachtung, von Schauräumen in Reflektionsräume verwandeln. Unter den Stichworten Koloniales Erbe, Provinienzforschung, Restitution ereignet sich eine Neubewertung der Sammlungsbestände. Die drängenden ethischen Fragen der Gegenwart werden in den Museen ausgetragen, das ist doch interessant. Die Wege der Objekte, die in den Museen ausgestellt sind, werden verstärkt in den Blick genommen. Da schließt sich ein Bogen, denn die Kritische Theorie machte das Ding in seiner Darstellung, in seiner gesellschaftlichen Wahrnehmung, zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, wenn man etwa an Kracauer oder Benjamin denkt.
 
In Frankreich haben Bénédicte Savoy und Felwine Sarr ihren Bericht zur kolonialen Herkunft der Kunstobjekte vorgelegt. Die ersten Restitutionen aus Frankreich nach Afrika sind angelaufen. Müsste das nicht auch in Frankfurter Museen Thema werden?
Ich habe mich sehr gefreut, dass einige Häuser in Frankfurt bereits in diesem Jahr das Thema Raubkunst aufgegriffen haben. In Berlin, im Humboldt-Forum, gibt es Schwierigkeiten, sich auf ein Konzept zu einigen. In Frankfurt haben sich das Jüdische Museum, das Historische Museum, das Museum Angewandte Kunst und das Weltkulturenmuseum ganz unkompliziert zusammengetan, um das Thema in einem Ausstellungsreigen aufzugreifen. Eine schöne, gute, symbolische Geste war auch die Rückgabe von neun Objekten des Historischen Museums an das Jüdische Museum; keine Rückgabe im eigentlichen Sinne, weil der Eigentümer nicht wechselte. Die Museumsdirektoren und -direktorinnen sind sich des Themas sehr bewusst.

Müssten wir in Frankfurt nicht eine solche Debatte organisieren?
Das würde ich sehr begrüßen.

Müssten die Museen sich nicht mehr der Frage stellen, ob eine Rückgabe von Kunst notwendig ist?
Die Diskussion wird, wie gesagt, bereits geführt. Die avisierte Digitalisierung der Sammlungsbestände wäre im Zusammenhang dieser Debatten hilfreich, weil sich zu jedem Objekt seine eigene Geschichte erzählen ließe.

Dabei klagen die Museen immer darüber, dass sie unterfinanziert sind.
Ich bin dazu in engem Kontakt mit den Museen. Angesichts wachsender Aufgaben sehe ich den Bedarf und die Notwendigkeit, die Budgets der Museen anzupassen. Die Museen sind konfrontiert nicht nur mit den erwähnten ethischen Debatten und damit Neubewertungen, sondern auch mit einer gestiegenen Vermittlungsarbeit innerhalb der Stadt, erheblichen Digitalisierungsaufgaben der Sammlungsbestände und nicht zuletzt mit steigenden Touristenzahlen aus aller Welt.

Gerade hat das Museum für Moderne Kunst als Einziges einen Ankaufsetat von 500 000 Euro im Jahr bekommen. Ein Haus wird herausgehoben, weil seine Direktorin, Susanne Pfeffer, das gefordert hatte, als sie nach Frankfurt kam.
Das Museum für Moderne Kunst ist beauftragt, seine Sammlung zu pflegen und zu erweitern, und deshalb freue ich mich sehr, dass ich den Kämmerer von der Notwendigkeit eines eigenständigen Ankaufsetats überzeugen konnte. Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung und sollte selbstverständlich ausgeweitet werden auf die anderen städtischen Häuser.

Das wird ein Thema der nächsten Jahre sein?
Wie gesagt, unsere Museen sind mit gewachsenen und teilweise neuen Aufgaben konfrontiert.

Noch mal zurück zum Raum für die Debatte. Wie könnte man eine solche Debatte organisieren?
Der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist nicht zu übersehen, und so stellt sich die Frage, wo Öffentlichkeit, wo Debatten eigentlich stattfinden und stattfinden sollten. Wo ist die Agora? Wo laufen die Argumente und Emotionen zusammen? Zu sprechen wäre dringlichst über das Verhältnis von analogem und digitalem Raum. Öffentlichkeit ist beides, die Straße und der digitale Raum. Es ist die Theaterbühne, und es ist die digitale Community. Dahinter verbirgt sich eine Individualisierung, eine Zersplitterung der Gesellschaft in Kleinstmilieus, weil paradoxerweise gerade die digitale globale Selbstdarstellung die Abschottung ermöglicht. Das eigene Ich ist vermutlich noch nie so wichtig gewesen wie heute. Auch das meint die gespaltene Gesellschaft, über die ein Adorno gewiss scharfe Analysen beigesteuert hätte.

Müsste die Stadt mit einem solchen Pfund wie dem Institut für Sozialforschung, das 1923 gegründet wurde und also bald seinen 100. Geburtstag feiert, nicht viel mehr wuchern?
Ich würde mir wünschen, dass das Potenzial der Kritischen Theorie für die gegenwärtige gesellschaftliche Debatte weiter  ausgeschöpft würde. Was mich umtreibt, ist die Frage nach dem Triebgeschehen, bei den jungen Attentätern, beim sich entladenden Hass auf alles vermeintlich Fremde, beim Ressentiment gegen die Elite. Die Kritische Theorie wusste, dass es eine gute und eine böse Lust gibt, und es wäre wünschenswert, die Dialektik des Trieblebens wieder stärker in den Fokus zu nehmen. „Dialektik der Aufklärung“ meinte ja, dass Aufklärung nur um den Preis der Unterdrückung von Lust zu haben war. Ich will nicht naiv behaupten, dass man die nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Theorie eins zu eins auf heute übertragen sollte; aber ich denke, dass wir uns mit dem Preis der Manifestationen von Triebunterdrückung sehr wohl beschäftigen müssen. Der autoritäre Charakter ist leider wieder populär. Er befördert den Hass, der sich Bahn bricht, ohne eingehegt zu werden durch Tabus. Das ist eine sehr bedrohliche Entwicklung.

Im nächsten Jahr steht der 50. Todestag von Adorno an.
Mich fasziniert, dass Adorno regelmäßig im Radio gesprochen hat, dass er sich als Volkserzieher betätigte. Er hat legendäre einstündige Sendungen im Hessischen Rundfunk bestritten und sie als Beitrag der Aufklärung begriffen. Dessen sollte man sich erinnern. Vielleicht kann der HR einige dieser Beiträge noch einmal senden?
 
Die Stadt könnte eine Veranstaltungsreihe organisieren.
Ja. In jedem Fall. Wir müssen uns im frühen 21. Jahrhundert die Begriffe der Kritischen Theorie wieder aneignen, und wir müssen sie auf ihre Gültigkeit hin untersuchen. Ein weiterer Aspekt ist die Erfahrung des Exils, die Adorno, Horkheimer, Kracauer teilten. Das spiegelt sich jetzt in den Erfahrungen der vielen Geflüchteten wider.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare