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Im Café Albatros sprachen Georg Gabler und Christa Schlett bei Milch mit Honig über die Behindertenbewegung in Frankfurt.

Interview

"Es ging um Augenhöhe mit Nichtbehinderten"

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Die Aktivisten Christa Schlett und Georg Gabler über die Anfänge der Behindertenbewegung in Frankfurt Mitte der 1970er Jahre und ihre Errungenschaften.

Christa Schlett und Georg Gabler kommen nicht ohne weiteres in ein Café, denn Schlett sitzt im Rollstuhl. Doch im Frankfurter Café Albatros ist das kein Problem für die beiden Frankfurter. Sie ist vor mehr als 40 Jahren mit Büchern aus der Perspektive einer Behinderten bekanntgeworden, er engagiert sich ebenso lange in der Behindertenbewegung. Die Kaffeetassen stehen bereit, aber beide trinken lieber heiße Milch mit Honig – Christa Schlett mit Hilfe eines Strohhalms. Wegen ihrer spastischen Lähmung kann sie nur mühsam und langsam Worte formen. Deswegen spricht sie im Interview deutlich weniger als Georg Gabler.

Ist Frankfurt eine gute Stadt, um dort mit Behinderung zurechtzukommen?
Georg Gabler: Frankfurt hat keine besondere Spitzenstellung. Es hat seine guten und seine weniger guten Seiten. Aber im Großen und Ganzen kommt man klar.

Was hat sich getan in Sachen Barrierefreiheit?
Gabler: Die Frankfurter haben ein Bauprogramm für barrierefreien öffentlichen Nahverkehr, das sie nach und nach abarbeiten. Am Eschenheimer Tor sind jetzt die U-Bahn-Aufzüge da. Das ist ein ganz wichtiger Ort für uns. Im Volksbildungsheim hat in den 70er Jahren immer der VHS-Kurs von Gusti Steiner und Ernst Klee stattgefunden, dort, am Oeder Weg, hat man die ersten Behindertenparkplätze in Frankfurt hingepinselt. Da waren auch die ersten Bürgersteige abgeflacht.

Welche Rolle hat der Volkshochschulkurs von Steiner und Klee gespielt?
Gabler: Gusti Steiner war Rollstuhlfahrer, Ernst Klee Journalist. 1973 haben sie einen Kurs aufgemacht: „Bewältigung der Umwelt für Behinderte und Nicht-Behinderte“, an dem Christa und ich teilgenommen haben. Das war ein Leitkurs für viele in der Bundesrepublik. Es ging darum, die Barrieren öffentlich zu machen. Ernst als Journalist konnte das bundesweit sehr plakativ rüberbringen. Ausgangspunkt war die Idee, das unmittelbare Umfeld der Betroffenen zu untersuchen: Komme ich in das nächste Geschäft rein? Komme ich in die Post rein?

Schlett: Sind die Bürgersteige geeignet oder zu hoch?

Gabler: Wie gewährleiste ich Mobilität? Man muss sich klarmachen, dass der öffentliche Nahverkehr überhaupt nicht barrierefrei war. Man konnte als Rollstuhlfahrer nicht Straßenbahn oder U-Bahn fahren.

Schlett: Ich bin damals mit meiner Begleiterin an den Ostbahnhof gegangen, und sie hat gesagt: „Du gehst jetzt mal an den Schalter und kaufst dir selber deine Karte.“ Da bin ich an den Schalter gegangen und habe gesagt: „Ich möchte nach Hanau.“ Der Schalterbeamte wollte mit meiner Helferin reden, aber die hat nicht reagiert. Dann musste er mit mir verhandeln. Das ging hin und her, und dann sagte er: „Mein Kind, pass mal auf, du willst bestimmt mit dem Zug nach Lourdes.“ (lacht) Ich habe darauf bestanden, dass wir nach Hanau wollen, und dann habe ich meine Karte bekommen. Wir sind zum Bahnsteig gegangen, dort mussten wir in den Gepäckwagen. Man musste mich im Rollstuhl hochheben. Im Gepäckwagen gab es nur ein Fenster, und meine Helferin musste sich auf den Boden setzen.

Was hat Ihre Bewegung beigetragen, um das zu verbessern?
Gabler: Der VHS-Kurs hat das Thema bundesweit öffentlichgemacht. Als 1974 die Straßenbahngleise auf der Zeil besetzt wurden, war ein WDR-Team dabei.

Wer hat blockiert?
Gabler: Der Rollifahrer Gusti Steiner, der Koleiter des Volkshochschulkurses. Der war ziemlich furchtlos. Der hat es ausgehalten, da eine halbe Stunde stehenzubleiben. Das war mitten im Berufsverkehr, und die Fahrgäste waren stinksauer. Er hat per Megafon verkündet: Behinderte zeigen mal, wie es ist, wenn man nicht in die Straßenbahn kommt. Das hat deutlich gemacht: Man kann etwas tun! Viele Leute, die heute aktiv sind, sind durch solche Ereignisse dazugekommen.

Wie ging es weiter?
Gabler: 1976 hat das Stadtplanungsamt sogenannte Behindertenleitlinien herausgegeben. Das war für damalige Verhältnisse ein bisschen revolutionär. Sie haben gesagt: Wir wollen nach und nach die öffentlichen Gebäude und die Gehwege barrierefrei machen. Auf diesem Wege sind die Bürgerhäuser, die dann entstanden sind, von vornherein barrierefrei gemacht worden.

War Frankfurt da weiter als andere Städte?
Gabler: An dem Punkt ja. Aber jetzt kommt’s: Es wurde ein Beförderungsdienst für Behinderte eingerichtet. Man konnte sich zweimal in der Woche fahren lassen, also vier Fahrten. Aber dann wurde gesagt: Dafür müssen wir nichts für den öffentlichen Nahverkehr tun.

Wann hat sich das geändert?
Gabler: Das kann ich sagen, denn ich war dabei. Das war in den rot-grünen Koalitionsverhandlungen 1989 mit Volker Hauff, der dann Oberbürgermeister wurde. Wir hatten bei den Grünen eine Arbeitsgruppe Sozialpolitik. Die Grünen nahmen auch die Mitglieder ihrer Arbeitsgruppen mit in die Verhandlungen, deswegen war ich dabei. Die SPD hatte ihr Papier zur Sozialpolitik vorgelegt. Aber dann sagten sie auch etwas zur Verkehrspolitik: Wir müssen den Senioren die Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs erleichtern.

Das war Ihre Chance?
Gabler: Genau. Ich sagte zu Volker Hauff und Martin Wentz, der später Planungsdezernent wurde: Dann muss der öffentliche Nahverkehr auch für Rollstuhlfahrer zugänglich sein. Die hatten das Thema eigentlich gar nicht auf dem Schirm und schwiegen erst einmal verblüfft. Hauff hat vorsichtig zu Wentz geschaut, und Wentz hat genickt. Dann hat Hauff gesagt: Ja, das machen wir.

Hört sich an, als wenn Behindertenpolitik erst zum Thema wird, wenn es auch um andere Bevölkerungsgruppen geht!
Gabler: Die Behinderten waren auch in der Sozialpolitik kein besonderes Thema. Behinderte sind eine Randgruppe, um die man sich zwar kümmern muss. Aber Forderungen haben die nicht zu stellen. Das ist inzwischen dank der UN-Behindertenrechtskonvention Gott sei Dank anders. Rollstuhlfahrer sind ungefähr ein Prozent der Bevölkerung, das ist zu wenig. Wenn es gelingt darzustellen, dass das Problem alle betrifft, dann hat man es geschafft. Ein gutes Beispiel aus jüngerer Zeit ist der Dom-Römer-Beirat. Der Gestaltungsbeirat für das Dom-Römer-Quartier hatte beschlossen, dass es Bürgersteige mit fünf Zentimetern Kantenhöhe geben soll. Der Vorsitzende des Gestaltungsbeirat, der Architekt Christoph Mäckler, hat dafür geworben. Dann kam die Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft und hat gesagt, warum das nicht geht. Die galten aber als Randgruppe. Ich bin im Seniorenbeirat und habe den Leuten klargemacht: Wenn ihr da solche Dinger macht, könnt ihr alle selber stolpern, wenn ihr nicht nach unten guckt. Das fanden alle sehr richtig – logisch, weil auch die Nichtbehinderten davon betroffen wären.

In den 1970er Jahren wurde auch der Club Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeF) gegründet. Welche Rolle spielte er?
Gabler: Seit 1968 haben sich  in der ganzen Bundesrepublik die CeBeeFs gegründet, gewissermaßen in Abgrenzung zu der Elterngeneration in den Spastikervereinen. Da ging es um Selbstvergewisserung unter Gleichen und um gleiche Augenhöhe mit Nichtbehinderten. Der Frankfurter CeBeeF ist relativ spät gegründet worden, nämlich 1975. Man hat sich getroffen, Kaffee getrunken und diskutiert. Dann hat sich etwas geändert: Der Vorsitzende Matthias Kusche hat gesehen, dass es keine Versorgung für Multiple-Sklerose-Kranke gab, wenn sie aus der Klinik kamen. Wie sollten die Leute in ihrer eigenen Wohnung versorgt werden? Das war eine bisher nicht erkannte Problemlage.

Gab es keine ambulante Versorgung?
Gabler: Es gab Leute, die das individuell hinbekommen haben. Aber ein System gab es nicht. Matthias Kusche hat den ambulanten Dienst als zweiten oder dritten Verein in der Bundesrepublik gegründet, ist dann aber aus beruflichen Gründen aus Frankfurt weggegangen. Da wurde ich angesprochen, das war im Frühjahr 1979, als ich mein Examen gemacht habe.

Und dann wurde der ambulante Dienst weiter aufgebaut?
Gabler: Ja, wir wurden vom Bundesamt für den Zivildienst anerkannt. Wir hatten anfangs zwei Zivildienstleistende, die ausgebildete Sozialarbeiter waren.

Sie haben dann auch eine wichtige Rolle gespielt bei einer großen Demonstration für Behindertenrechte. Worum ging es da?
Gabler: Das war am 8. Mai 1980. Eine Frau hatte sich bei ihrem Reiseveranstalter beklagt über Minderung des Reisegenusses. Sie musste immer zusehen, wie Behinderte am Nachbartisch rumhampelten. Der Richter hat ihr Recht gegeben, sie konnte 50 Prozent des Reisepreises vom Veranstalter zurückfordern. Ostern 1980 rief mich Ernst Klee im CeBeeF an und erzählte, dass die Reha-Einrichtungen, die damals in Heidelberg zentriert waren, gegen das Urteil in Frankfurt demonstrieren wollten. Gusti Steiner, der inzwischen in Dortmund war, und ich haben gesagt: Ja, wir machen mit. Wir vom CeBeeF waren der offizielle Veranstalter. Das Ordnungsamt wollte wissen, wie viele Menschen teilnehmen würden. Ich habe erst 200 gesagt, dann 600, schließlich 1200. Am Ende kamen 5000 Leute auf die Straße, aus der ganzen Bundesrepublik. Wir waren selber völlig überrascht. Die Stadt hatte versucht, das Ding politisch zu verhindern. Der Referent des Oberbürgermeisters Walter Wallmann hat die Vorsitzende des CeBeeF angerufen und sie eine halbe Stunde lang belatschert. Sie haben argumentiert, dass sich der KBW, der Kommunistische Bund Westdeutschland, anschließen wolle und seine eigenen politischen Ziele verfolgen würde. Es war schon irre.

Hat die Demo etwas bewirkt?
Gabler: Ja. Die unerwartet große Demo hat uns bewusst werden lassen, dass wir eine Bewegung geworden sind. Solche Urteile gab es nicht mehr. Man kann nicht einfach hingehen und sagen: Behinderte schränken dein Urlaubsvergnügen ein.

Haben Sie beide sich im CeBeeF kennengelernt?
Schlett: Nein, das war schon im Volkshochschulkurs, 1975. Er hat mich angesehen wie ein Weltwunder: „Du hast ein Buch geschrieben! Wie hast Du das gemacht?“

Sie haben in damals ganz neuer Weise über ihre Erfahrungen als behinderte Frau geschrieben. Sie haben in Ihrem Buch „...Krüppel sein dagegen sehr“ berichtet, sie hätten die Zeit damit verbracht, „erst Behinderter zu sein und dann erst Mensch“. Ganz schön hart. Hat sich daran etwas geändert?
Schlett: Ich denke, ja. Es gibt heute einen anderen Sprachumgang mit Behinderten. Man stellt keine so direkten Fragen mehr: Woher kommt das? Warum haben deine Eltern nichts dagegen gemacht?

Das war vor 40 Jahren anders?
Schlett: Oh ja!

Werden Sie heute noch angemacht oder beschimpft?
Schlett: Nein. Ich meine, es ist immer noch nicht ganz normal. Aber man hat eine angenehme Umgangsform gefunden.

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