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Konzentriert und feierlich verlesen die Schauspieler das Manifest, immer wieder unterbrochen vom Applaus der Besucher.

Frankfurt

Europäische Republik ausgerufen

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Spektakel auf dem Römer: In Frankfurt und anderen Städten erklären Künstler die Nationalstaaten für gescheitert - und appellieren an die Idee von einem geeinten Europa.

Trotz des Nieselregens herrscht an diesem Samstagnachmittag auf dem Römerberg geschäftiges Treiben. Der Römerbalkon ist hell erleuchtet, gleich wird die große Uhr an der Fassade vier Mal schlagen: Zeitgleich, um 16 Uhr, werden von mehr als 500 Balkonen in ganz Europa Künstlerinnen und Künstler die „Europäische Republik“ ausrufen – so hatten es die Organisatoren des European Balcony Projects, Ulrike Guérot und Robert Menasse, vorab vermeldet.

Der alte Herr, der vergeblich versucht, unter dem noch ungeschmückten Weihnachtsbaum ein wenig Schutz vor dem Regen zu finden, weiß, was gleich passieren wird: „Ich bin bei jeder Veranstaltung von Pulse of Europe dabei.“ Dort sei für die Balkon-Aktion geworben worden. Es sei „eine Schande“, dass es mit Europa nicht vorankomme. Der Egoismus vieler Nationalstaaten sei „unerträglich“.

Viele, die dort vor dem Rathaus versammelt sind, haben die blaue Europa-Fahne mitgebracht. Andere bleiben einfach stehen, weil sie neugierig sind und fragen, was denn hier passieren wird.

Gewöhnlich sind es Sportler, die auf dem Römer-Balkon geehrt werden. So Max Schmeling, als er 1936 seinen spektakulären Sieg gegen Joe Louis errang. Oder die Fußball-Weltmeister von 1990 und die Weltmeisterinnen von 2003. „Wer hier oben steht, hat es geschafft“, heißt es auf der Website der Stadt Frankfurt.

Unterstützung vom OB

Immerhin haben es die Theatermacher Willy Praml und Michael Quast geschafft, die Unterstützung von Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) zu bekommen, der ihnen den Balkon zur Verfügung stellte. Der OB fühlt sich offenbar der Tradition verpflichtet: Frankfurt sei die Stadt der Paulskirche, des Geburtsortes der deutschen Demokratie. Es sei nicht verwunderlich, dass sich Pulse of Europe hier gegründet habe.

Schlag 16 Uhr machen zwei Schauspieler und zwei Schauspielerinnen den Balkon zur Bühne: Quast und Praml, Andreina Marcella Coatto und Katerina Zemankova verlesen auf Deutsch, Italienisch und Tschechisch, immer wieder unterbrochen vom Jubel und Applaus des Publikums, das Manifest vor, das mit den Worten endet: „Es lebe die Europäische Republik!“

Das Manifest erinnert an das Ende des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren, der „auf Jahrzehnte die europäische Zivilisation zerstört hatte“. Jeder Satz hallt, getragen von viel Pathos, über den Römerberg. „Wir erklären alle, die sich in diesem Augenblick in Europa befinden, zu Bürgerinnen und Bürgern der Europäischen Republik“, heißt es weiter. Man sei sich bewusst, dass der Reichtum Europas auf Jahrhunderten der Ausbeutung anderer Kontinente und der Unterdrückung anderer Kulturen beruhe. „Wir teilen deshalb unseren Boden mit jenen, die wir von ihrem vertrieben haben. Europäer ist, wer es sein will.“

Nur wenige Minuten dauert die Proklamation, dann ist der Balkon wieder leer. Drinnen, im Kaisersaal, erklären die vier Künstler im Gespräch mit der FR, sie hätten gerne mitgemacht. Michael Quast, der Leiter der Fliegenden Volksbühne, war von einem Kollegen des Staatstheaters Darmstadt zur Teilnahme aufgefordert worden. In Darmstadt traf man sich ab 15.30 Uhr auf dem Georg-Büchner-Platz.

Katerina Zemankova bedauert, dass sich die Tschechen so „schwer tun“ mit Europa und sich „nichts von Brüssel“ sagen lassen wollten. Andreina Marcella Coatto hat auf dem Balkon „an Italien gedacht“. Das Auseinanderdriften vieler Nationen weg von Europa beunruhige sie. Die europäische Einheit sei „ein phantastisches Projekt“ – da sind sich die vier Künstler einig.

Dass sie mit dieser Auffassung und ihrem Engagement nicht allein dastehen, zeigen die vielen Tweets auf Twitter: vom Burgtheater Wien, dem Schauspielhaus Zürich und vielen anderen Häusern. Auch die „ Humanisten Sachsen“ melden sich am Sonntag bei dem Kurznachrichtendienst zu Wort: „Auch wir haben gestern Geschichte geschrieben und uns am European Balcony Project beteiligt.“

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