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Seine Idee fruchtet: Hamidul Khan, Gründer der Immigrantenbuchmesse, vor dem Saalbau-Titus-Forum am Nordwestzentrum.

Migranten in Frankfurt

Einfach ein Stück Heimat

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Lesungen, Musik, Tanz und Diskussionen ? vom heutigen Freitag an bietet die Immigrationsbuchmesse in Frankfurt viele Anregungen. Hamidul Khan hat die Messe gegründet.

Man merkt dem Mann mit den wachen braunen Augen hinter der Brille auf den ersten Blick nicht an, wie viel Energie in ihm steckt. Doch wenn der 58-jährige Hamidul Khan aus dem Frankfurter Stadtteil Heddernheim ins Erzählen kommt, dann sprüht er nur so vor Ideen.

Viele davon hat er umgesetzt: die Gründung einer deutsch-bengalischen Gesellschaft etwa, die Organisation von Veranstaltungen für ein gutes Zusammenleben von Menschen aller Kulturen oder das Engagement für die Grünen. Besonders am Herzen liegt ihm jene Veranstaltung, die am heutigen Freitag zum sechsten Mal beginnt: die Frankfurter Immigrationsbuchmesse.

Etwa zehn ehrenamtliche Mitstreiter hat der Mann, der vor mehr als 30 Jahren aus Bangladesch nach Frankfurt kam, für die Organisation mobilisiert. Zu der Veranstaltung kann – anders als bei der großen Frankfurter Buchmesse – jeder kostenlos kommen. Zwei Dutzend Verlage mit originellen Büchern stellen bei der dreitägigen Messe aus. Sie präsentieren Werke von Migranten, über Migration oder über ferne Länder und Kulturen.

Blick von Frankfurt in die Welt

Es ist ein Blick von Frankfurt in die Welt – oft aus der Sicht von Migranten auf ihre alte und ihre neue Heimat. Zahlreiche Lesungen, Diskussions- und Kulturveranstaltungen sind im Titus-Forum im Frankfurter Nordwestzentrum im Angebot. „Ich kenne mittlerweile so viele Immigranten, die gute Bücher schreiben“, sagt Hamidul Khan. „Die kennt nur keiner.“ Er will diesen unbekannten Autorinnen und Autoren eine Bühne verschaffen.

Rund 10 000 Euro müssen die Organisatoren um Hamidul Khan alljährlich auftreiben, um die bundesweit einmalige Spezial-Buchmesse auf die Beine zu stellen. Dafür gehen sie beim Land, bei der Stadt und bei Stiftungen um Geld bitten. Auch seine grünen Parteifreunde hat Khan mit dem Aufruf angeschrieben, sich an den Kosten zu beteiligen, die für eine Anne-Frank-Ausstellung aus Berlin ausgegeben werden.

Manche fragten ihn, was denn das jüdische Frankfurter Mädchen, das von den Nazis ermordet wurde, mit Immigration zu tun habe. Doch Khan sieht die großen politischen Zusammenhänge. Der zwangsweise Gang ins Exil, die tödliche Bedrohung durch einen diktatorischen Staat – all das komme vielen Flüchtlingen heute sehr bekannt vor.

Ein Prinzip will der begeisterte Intellektuelle und Freund der Dichtung bei der Immigrationsbuchmesse beibehalten. Alle Lesungen finden in deutscher Sprache statt oder es gibt eine Übersetzung ins Deutsche wie bei dem ersten Akteur am heutigen Freitag, dem politischen Autor Ennoh Meyomesse aus Kamerun. „Wir haben eine gemeinsame Sprache“, sagt Khan. „Die brauchen wir, wenn wir friedlich zusammenleben wollen.“

Ganz klein fing die Immigrationsbuchmesse 2012 an, mit wenigen Verlagen und einem spärlichen Zuspruch von Besuchern. Seither ist sie stets gewachsen, aber überschaubar geblieben. „Man muss immer am Ball bleiben“, sagt Hamidul Khan. Auch außerhalb von Wahlkampfzeiten müsse man um gegenseitiges Verständnis kämpfen.

Für Khan, der einst von Daniel Cohn-Bendit für die Grünen begeistert wurde und für die Partei zeitweise im Ortsbeirat 8 saß, sind Ausländer- und Integrationsfragen ein Lebensthema. Das gilt auch in der eigenen Familie. Seine Frau, sein Sohn und er haben 2015 einen Jungen aus Afghanistan aufgenommen. Beruflich ist Hamidul Khan seit fast drei Jahrzehnten für ein Cateringunternehmen am Frankfurter Flughafen tätig.

Die Messe bietet Raum für viele Themen. Da geht es nicht nur um traditionelle Migrantenthemen, sondern auch um den Umgang mit Demenzerkrankungen oder um Protest gegen Fluglärm. Darüber spricht Stadträtin Ursula Fechter, die Leiterin der städtischen Stabsstelle gegen Fluglärm, bei der Messe am Sonntag um 16.30 Uhr.

Einfach ein Stück Heimat

Seit einigen Jahren ist die Politik auf die Veranstaltung aufmerksam geworden. Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) und der Moderator Michel Friedman hielten Reden, der frühere Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) und die damalige Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) kamen.

In diesem Jahr hat Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) schon mal ein Grußwort geschickt. Darin lobt er, die Immigrationsbuchmesse fördere „das Kennenlernen und den Austausch über kulturelle und sprachliche Barrieren hinaus“.

Zur Eröffnung werden Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD) und Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU) erwartet. Weber urteilt im vorhinein, die Messe unterstreiche „auf faszinierende Weise das kreative Potenzial einer kulturell vielfältigen Gesellschaft“.

Sie sei damit „eine Bereicherung für die Literatur- und Messestadt Frankfurt und ein fester Bestandteil des jährlichen Kulturprogramms im Rhein-Main-Gebiet“, sagt Weber. Für viele Frankfurter gehöre „Souveränität im Umgang mit Verschiedenheit“ einfach dazu – und damit biete die Messe „ganz bodenständig, einfach ein Stück Heimat“.

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