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Besuch über den Wolken: bei Christoph Mäckler am Schreibtisch in Frankfurt.

Stadtentwicklung

Eine Stadt soll glücklich machen

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Der Architekt Christoph Mäckler kämpft energisch für die Qualität von Plätzen und Bauwerken.

Uns zu Füßen liegt die Stadt. Es ist früher Morgen und die Sonne steigt empor über dem Bahnhofsviertel. Die Gleise und die Tonnendächer des Bahnhofs glitzern. Ein feiner Dunst treibt über die Häuser und kleine Autos schieben sich langsam in Kolonnen über den Platz der Republik. Der morgendliche Stau. Christoph Mäckler genießt von seinem Schreibtisch aus einen exklusiven Blick auf Frankfurt.

Wo der Architekt heute arbeitet, wurde Stadtgeschichte geschrieben. In der Nacht zum 23. August 1973 brannte es auf der Baustelle des neuen Selmi-Hochhauses. Glühende Holztrümmer vom Gerüst stürzten in die Tiefe, unten begrüßt von einer johlenden Menschenmenge. Studierende sangen höhnische Lieder. „Heute verbrennen wir dem Selmi sein klein Häuschen.“ Der Bauherr des neuen Büroturms war in der Stadt als Spekulant verschrien. Mäckler studierte damals nicht in Frankfurt, sondern in Darmstadt Architektur. Er war an diesem Abend nicht dabei. Um sein Studium zu finanzieren, fuhr er stets freitagabends die Frankfurter Rundschau aus. Mit seinem alten Citroen 2 CV, einer „Ente“ also, kurvte er auf den Hof des Zeitungsgeländes am Eschenheimer Turm, lud das kleine Gefährt so voll, „dass die Ente richtig runterhing“. Am Zeitungsladen des FR-Gebäudes wartete derweil eine lange Menschenschlange auf die Wochenendausgabe. Die Kleinanzeigen mit Autos und Wohnungen waren seinerzeit besonders begehrt.

Der Student von damals zählt heute zu den bekanntesten deutschen Architekten. Am 17. April feiert er seinen 66. Geburtstag. Der schlanke Mann mit dem zurückgekämmten Haar hat sein Büro in dem Hochhaus, das damals brannte und das heute den schönen Namen City-Haus 1 trägt. 2007/2008 hat das Büro Mäckler das 142,1 Meter Selmi-Hochhaus komplett saniert, hinter einer neuen Fassade verschwinden lassen. Im Gegenzug konnte der Architekt mit seinem Team in eines der obersten Stockwerke einziehen. 60 Arbeitsplätze: Damit gehört es zu den großen deutschen Büros.

Der Inhaber ist als junger Mann bei zwei legendären Kollegen in die Schule gegangen: Bei Gottfried Böhm und Oswald Mathias Ungers, dem Meister des Quadrats. Seit 35 Jahren setzt Mäckler Zeichen, in seiner Heimatstadt Frankfurt und darüber hinaus. Mit Entwürfen, die klassisch elegant sind, die meist die Baustoffe Stein, Glas und Metall vorziehen. Die klare Formen besitzen, nichts Verspieltes, Verschnörkeltes. Die Besucher, die aus aller Welt nach Frankfurt kommen, kennen seine Bauten, ohne sie zu erkennen: den Opernturm am Opernplatz, den Tower 185 nahe der Messe, vielleicht Frankfurts schönstes Hochhaus, den Wiederaufbau der Alten Stadtbibliothek an der Schönen Aussicht. Zurzeit wächst am Großen Hirschgraben das Deutsche Romantikmuseum, das 2019 eröffnet werden soll.

Den wirtschaftlichen Bestand des großen Büros sichern eher andere Aufträge, etwa das Terminal 3 des Rhein-Main-Flughafens samt Andockstationen für Charterflugzeuge. Mäckler nimmt im Sessel Platz und lässt den Blick über die Stadt schweifen. Tatsächlich denkt er gerade darüber nach, sein Unternehmen in die Hände der nächsten Generation zu legen: Da ist seine 28-jährige Tochter Julia, da sind seine jüngeren Partner Mischa Bosch und Claudia Gruchow.

Es bliebe mehr Zeit für sein Herzensanliegen: Das 2008 von ihm gegründete Deutsche Institut für Stadtbaukunst in Dortmund. „Das ist für mich viel wichtiger als meine eigene Architektur.“

Mit Symposien, Diskussionen, Büchern streitet der gebürtige Frankfurter für Qualität im Städtebau. Und zitiert dabei das Motto von Aristoteles: „Eine Stadt soll so gebaut sein, um die Menschen sicher und zugleich glücklich zu machen.“ In der Branche ist Mäckler umstritten, es gibt Kollegen, die hinter vorgehaltener Hand zugeben, ihn zu hassen. Denn Mäckler kann austeilen, findet offene Worte und urteilt öffentlich über die Architektur anderer. In Sendereihen wie „Die sieben Todsünden des Städtebaus“ im Hessischen Fernsehen ist der Architekt mit seinem berüchtigten Notizblock durch Städte gegangen und hat die Qualität von Plätzen und Bauwerken oft gnadenlos niedergemacht.

Er lacht und verteidigt sich: „Ich habe nie Kollegen genannt, nur Zustände kritisiert.“ Oft deckte Mäckler auf, was die Zersiedelung der 70er Jahre und das fatale Motto der „autogerechten Stadt“ an Zerstörungen angerichtet haben, an Verlust von Lebensqualität. Das kam nicht immer gut an. Gerade die Vertreter von kleineren Kommunen, die gehofft hatten, durch spektakuläre städtebauliche Projekte an Prestige zu gewinnen, nahmen dies Übel. „Ich habe auch Aufträge verloren dadurch“, schmunzelt der Architekt: „In Marburg zum Beispiel durfte ich mich überhaupt nicht mehr blicken lassen.“

Am 27. und 28. April ruft Mäckler Architekten und Planer, auch Politiker aus ganz Deutschland wieder in Dortmund zusammen, zur „achten Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt“. Diesmal lautet die Frage: „Wie wird aus Wohnhäusern Stadt?“ Referenten sind etwa der frühere Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann oder der ehemalige Frankfurter Planungsdezernent Martin Wentz.

Mit der Qualität des öffentlichen Raums in Frankfurt, gerade der großen Plätze, ist Mäckler „nicht zufrieden“. Er unterstützt die Forderung des Bundes Deutscher Architekten (BDA) und des Architekten- und Ingenieurvereins (AIV) nach einem Gestaltungsbeirat für Frankfurt. „Es müssen Leute sein, die tatsächlich über Städtebau gearbeitet haben und ein bisschen abgeklärt sind.“ Sie sollen über die Qualität der Stadtplanung in der rasch wachsenden Kommune Frankfurt wachen – und städtebauliche Sünden verhindern.

In dem Buch „Plätze in Deutschland 1950 und heute“ hat Mäckler gemeinsam mit der Architektin Birgit Roth erschütternde Beispiele der Zerstörung von öffentlichem Raum zusammengetragen. Aus Frankfurt finden sich darin die Hauptwache und der Vorplatz des Hauptbahnhofs. Viel zu sehr habe die Kommunalpolitik Fehlentwicklungen zugelassen. „Die Politik muss sich energisch einbringen.“ Der letzte Planungsdezernent, den der Architekt da gelten lässt, ist Martin Wentz (SPD), der von 1989 bis 2000 das Dezernat führte. Der sei zwar Physiker gewesen, habe sich aber Experten zur Unterstützung geholt.

Negativ fällt sein Urteil über den früheren Planungsdezernenten Olaf Cunitz (Grüne) in den Jahren 2012 bis 2016 aus. „Der hat zum Beispiel am ältesten Turm Frankfurts, dem Eschenheimer Turm, ein Gebäude aus Blech und Glas zugelassen, das da nicht hingehört.“ Überhaupt sei die politische Entwicklung der Grünen „eine Katastrophe“. Punktum.

Jetzt ist der Architekt doch noch ins Schimpfen geraten. Da kann seine Stimme schneidend werden. Der neue Planungsdezernent Mike Josef (SPD) immerhin stimmt ihn hoffnungsvoll: „Er hört zumindest hin, er braucht aber noch Zeit.“

So viel bliebe zu tun in Frankfurt, um die Qualität des Städtebaus zu verbessern. Die Konstablerwache zum Beispiel, die an ihrer „schlechten Architektur der 50er und 60er Jahre“ leide, müsse mit neuen, doppelt so hohen Gebäude neu gefasst werden. Die größte Fußgängerzone, die Zeil, würde Mäckler am liebsten wieder für den Autoverkehr öffnen. „Fußgängerzonen sind aseptisch, sie sind der Tod des städtischen Lebens.“

Ihm schwebt vor, den Autoverkehr auf nur zwei Spuren wieder über die Zeil zu führen, vorbei an breiten Bürgersteigen. „Wie in Paris auf der Champs Elysees, da fahren 60 000 Autos am Tag, man sitzt aber trotzdem im Café am Rand der Straße.“

Der Architekt lächelt. Er liebt halt die europäischen Kulturen, die von Italien und Frankreich. „Ich bemühe mich um europäischen Städtebau“, sagt der Sohn des Frankfurter Architekten Hermann Mäckler (1910–1985). Er ist stolz darauf, dass zu seinen Vorfahren „Stadtbauräte und Steinmetze“ zählten, Letztere hätten schon an der Feste Ehrenbreitstein in Koblenz mitgemeißelt – und die entstand im 16. Jahrhundert. Er wäre nie auf die Idee gekommen, Türme für Dubai zu entwerfen: „Ich baue meine Hochhäuser hier!“ Er pflegt sein Image als kantiger Einzelgänger. 2010 trat er aus Protest aus dem Bund Deutscher Architekten aus, weil er sich „an den Pranger gestellt“ fühlte: „Es wurden interne Briefe von mir an die Presse lanciert.“

Mäckler faltet seine große, hagere Gestalt aus dem Sessel hoch. Der Vater von zwei Töchtern und drei Söhnen fühlt sich als 68er mit sozialer Verantwortung. Er hofft, dass Deutschland eine AfD im Bundestag erspart bleibt: „Das wäre eine Katastrophe.“ Den Gedanken mit der Übergabe seines Büros an die nächste Generation hat Christoph Mäckler an diesem Morgen übrigens nicht weitergesponnen.

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