Kleingärtner in Preungesheim

Angst vor Vertreibung aus dem Paradies

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In der Kleingartenanlage An der Wolfsweide genießen die Nutzer ihre grünen Oasen.

Wer an der Straßenbahnhaltestelle „Walter-Kolb-Siedlung“ aus der Linie 18 aussteigt, der merkt schnell, dass er immer noch in Frankfurt, dieser pulsierenden Großstadt, ist: Dutzende Autos rauschen pro Minute über die nahe Autobahn, deren Brücken mit Graffitis bemalt sind, auch ein paar Wohnhochhäuser sind zu sehen. Doch geht man nur ein paar Meter nach Westen, bleibt von der Großstadt nicht mehr viel übrig. Die Hochhäuser sind zwar sogar näher, dafür ist das einzige hier Gemalte eine Reihe bunter Bildchen, die Kinder mit Kreide auf den Asphalt gekritzelt haben. Und der Lärm? Er scheint nicht zu existieren.

Willkommen in der Kleingartenanlage An der Wolfsweide in Preungesheim. In dieser „wunderbaren Oase“, wie sie eine der Nutzerinnen nennt.

Eine Oase aber, die möglicherweise bedroht ist. Denn angesichts des dramatischen Mangels an Flächen für Wohnungsbau will die Stadt „schauen, wie stark die Kleingärten in Frankfurt genutzt sind“, hatte Mark Gellert, Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD), Anfang der Woche gesagt (die FR berichtete). Konkret und spruchreif ist in dieser Causa noch nichts, aber bei den Kleingärtnern An der Wolfsweide schrillen die Alarmglocken. Zeit, sich einmal vor Ort umzusehen.

Das Gelände mit seinen 105 Gärten, das seit den 60er Jahren besteht, ist frei zugänglich. Eine bewusste Entscheidung, die im vergangenen Jahr nach einer Einbruchsserie kurzzeitig außer Kraft gesetzt wurde, nun aber wieder gilt. Erst um 19 Uhr wird abgeschlossen.

Am frühen Nachmittag sind vor allem Rentner anzutreffen. Rentner wie Joachim Heusel. Seit zehn Jahren ist er hier ansässig, im Garten 41. Er und seine Frau Cornelia haben sich ein kleines Refugium geschaffen, mit viel Liebe zum Detail. Da steht ein Trampolin, ein paar Meter weiter eine Schaukel, in der Mitte ein Pool. „Für unsere Enkel ist das hier das Paradies“, sagt Heusel nicht ohne Stolz. Der Rasen sieht zwar alles andere als grün aus, aber so ist das eben im Rekord-Hitze-Sommer. Dafür haben die beiden umso mehr Zeit, sich um den kleinen Gemüsegarten zu kümmern, den jeder der Nutzer hier hat.

Was aber treibt einen – man kann ihn guten Gewissens so nennen – rüstigen Rentner wie den 71-jährigen Joachim Heusel in den Kleingarten? Es sei eine Form von Freiheit, so die erste, prompte Antwort. Seine 20 Jahre jüngere Frau ergänzt: „Hier ist gute Luft, hier ist Sonne, das ist einfach eine gute Erholung.“ Beide strahlen, wenn sie von ihrem Garten reden.

Doch die Mienen verfinstern sich, wenn sie nach den neuesten Gedankenspielen der Stadt gefragt werden. Für Joachim Heusel wäre eins klar, sollte die Anlage zerstört werden: „Eine Ersatzfläche nehme ich nicht an.“ Nicht aus Trotz. „Ich bin einfach zu alt, um noch mal ganz von vorne mit einem Garten anzufangen.“ Er zeigt auf einen kleinen Baum. Den habe er zum Einzug vor zehn Jahren gepflanzt. „Wir haben hier so viel reingesteckt, der Aufwand für einen neuen Garten wäre zu groß“, so Cornelia Heusel.

Ein paar Meter weiter, Garten Nummer 11. Hier schneidet Klaus-Martin Thurau gerade ein paar Pflanzen zurecht. Auch er winkt sofort ab, wenn man ihn mit den Plänen der Stadt konfrontiert: „Dann wäre es das für mich gewesen.“ Wirklich vorstellen will er sich das nicht. Zu viel Energie hat er seit zwölf Jahren in seinen Garten gesteckt. Zwar hat er ihn schon halbwegs bestückt von seinem Vorgänger übernommen, aber auch noch viel selbst gemacht. „Das ist meine Freizeitgestaltung“, so der 74-jährige Rentner. „Hier habe ich meine Ruhe, hier stört mich niemand.“

Den Garten betreibt er zusammen mit seiner Partnerin, Sabine Lauer. Sie kommt gerade vom Einkaufen und reagiert geradezu böse, als Thurau ihr erzählt, was in Zukunft drohen könnte. Besonders schade wäre es um ihre Kartoffeln, die sie anbaut, sagt sie. Und um die Marmelade, die sie glasweise herstellt, mit Zutaten aus dem Garten. „Wenn ich meine Kartoffeln ausgrabe, höre ich gar nichts um mich herum.“ Ach ja, da war ja was: die nahe Autobahn, der Lärm. „Davon hört man hier fast nichts“, sagt die 77-Jährige. Es stimmt. Die größten Geräuschquellen sind die Rasenmäher oder spielende Kinder. Gerade Letztere sind etwas, das die Kleingärtner nicht einfach nur hinnehmen. „Das macht unsere Anlage aus“, sagt Thurau.

Dennoch ist er sich sicher: „Wenn die Stadt das wirklich will, dann zieht sie es auch durch.“ Aber er nimmt es mit Humor: „Wenn die hier was hinbauen, dann können wir um die Häuser ziehen.“

Aber noch ist es nicht so weit. Doch sowohl die Thuraus als auch Joachim Heusel sagen: „Es war klar, dass das wieder Thema wird.“ Denn dass die Alarmglocken schrillen bei den Kleingärtnern, hat auch mit der jüngeren Vergangenheit zu tun. Im Jahr 2013 stand die Gartenanlage vor dem Aus, denn damals gab es ganz konkrete Pläne, auf dem Gelände 450 Wohnungen zu bauen. Joachim Heusel erinnert sich: „Wir sind damals zu jeder Sitzung gefahren, Ortsbeirat, Ausschüsse, Stadtverordnetenversammlung.“ Dutzende Kleingärtner trugen ihren Protest in die Stadtpolitik, der am Ende Erfolg hatte. 2014 nahm die Stadt von ihren Plänen Abstand, 2015 war der Bebaunngsplan vom Tisch.

Für Robert Lange ein klares Zeichen, welche Bedeutung die Kleingärten haben. Der Ortsvorsteher des Ortsbezirkes 10, der selbst aus Preungesheim kommt und dem KGV seit Jahren freundschaftlich verbunden ist, kann und will es sich nicht vorstellen, dass die Anlage Wohnungen weicht. Die „grüne Lunge“, wie er sie nennt, sei „Naherholung pur“. Sie stillzulegen, „davon kann ich nur abraten“.

Widerstand gegen eine Bebauung von Kleingärten kündigt auch Oliver Lang, Vorsitzender des Regionalverbands Kleingärtner Frankfurt/Rhein-Main, an. Im Gespräch mit der FR warnt er eindringlich davor, diese an den Stadtrand zu verdrängen. Kleingärten gehörten in die Nähe der Wohnungen, das direkte Umfeld der Bewohner, sagt der Bornheimer. Die Bebauung von Kleingärten sei ein unkalkulierbarer Raubbau an der Natur. „Klima kann nicht gekauft werden.“

Der Kleingärtner stellt zudem die Notwendigkeit, immer neue Wohngebiete auszuweisen und damit die dort vorhandene Natur zu zerstören, in Frage, weist etwa auf ungenutzte Industriebrachen und leerstehende Büros in der Stadt hin. In 15 oder 20 Jahren könne sich der Trend zum Zuzug nach Frankfurt wieder umkehren, vermutet Lang. „Die Stadtflucht ist nicht allzu lang her und sie kommt auch wieder. Nur, dann ist die City nicht mehr lebenswert.“ mit cm

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