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Bürger formieren sich für den Erhalt bezahlbaren Wohnraums, hier in der Schloßstrasse.

Frankfurt-Bockenheim

Spazieren gegen die Verdrängung

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Bockenheims Bürger sind skeptisch gegenüber Neubauprojekten. Sie fürchten, dass auf den Stadtteil ein großes soziales Problem zukommt.

Langsam bewegt sich der Menschenpulk auf der Adalbertstraße in Richtung Westen. An der Spitze der Gruppe hält Anette Mönich ein Banner in die Höhe: „Was geschieht in unserem Stadtteil?“ Bis zu 60 Menschen folgten dem Aufruf zum Rundgang durch Bockenheim am Samstag. Statt eines gemütlichen Spazierganges wirken die Anwohner eher wie eine Gruppe Demonstrierender – was bestens zu Mönichs Gemütslage passt. „Immer mehr Menschen werden aus Bockenheim verdrängt“ ruft die Leiterin des Stadtteilbüros ins Mikrofon. Statt den 2015 einberufenen Milieuschutz im Stadtteil einzuhalten, baue die Stadt nur hochpreisige Neubauten. Da bei hunderten Sozialwohnungen bald die Bindung auslaufe, stehe Bockenheim vor einem „großen sozialen Problem“.

Jüngster Aufreger beim Thema Wohnen ist die Ladengalerie – ein Wohn-und Geschäftskomplex mit mehr als 150 Wohnungen an der Leipziger Straße. Ein privater Investor hatte das Gebäude unlängst erworben (die FR berichtete). Nun, so Mönich, befürchten viele Mieter eine steigende Miete durch Luxussanierungen. Zwar dementiere der neue Eigentümer derlei Pläne, laut Mönich habe er aber in vielen anderen Städten ähnliche Gebäude zu „hochwertigen Einzelhandelsstandorten“ umgewandelt.

Eine Mieterin, die seit knapp 30 Jahren in der Ladengalerie wohnt, teilt die Sorge. „Wir werden unzureichend informiert“, moniert sie. Eine steigende Miete sei als alleinstehende Rentnerin nur schwer zu stemmen. Mieterin Birgit Jones sieht der Sache eher gelassen entgegen: „Bis jetzt gibt es ja noch gar keine Pläne zur Sanierung.“

Auch Eyup Yilmaz, wohnungspolitischer Sprecher der Linken im Römer, hat sich dem Spaziergang angeschlossen. „Die Stadt hätte von ihrem Vorverkaufsrecht Gebrauch machen müssen“, findet er. Ähnlich wie etwa im Gallus seien auch in Bockenheim Verdrängungsprozesse zu beobachten. Doch nicht jeder Bürger hängt an der Ladengalerie. „Wir sollten aufhören, jede Bausünde aus den 70er-Jahren zu glorifizieren“, ruft ein Anwohner. Die „potthässliche“ Ladengalerie sei im Gegensatz zu Altbauten nicht schützenswert.

Nach der Baustelle auf Höhe des Von-Bernus Parks – 13 Wohnungen ab 16 Euro Miete pro Quadratmeter entstehen hier – macht die Gruppe am Schönhof Station. Wo bis vor kurzem noch ein Geschäftshaus mit Wohnungen stand, ragen nun Bauzäune in die Höhe. Ein Hotel entsteht hier. Dore Struckmeier-Schubert ist wenig begeistert. „Der Blick auf den historischen Schönhof wird zugebaut“, beklagt sie.

Anne Bauer liebt ihren Stadtteil. Für die gebürtige Bockenheimerin war es ein großer Erfolg, dass am ehemaligen Tibethauses ein geplanter Neubau mit Eigentumswohnungen abgewendet wurde und die kleine Grünfläche erhalten bleibt. Interessant findet Bauer die Idee der Initiative Social Hub Bockenheim (ISH). Diese möchte auf dem Gelände ein soziales Zentrum mit Bibliothek, einer offenen Werkstatt und einem kollektiv betriebenen Café als Treffpunkt für Nachbarn und Vereine einrichten.

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