Blick vom Europaturm Frankfurt
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Was eine Aussicht.

Europaturm

Spargelzeit für die FR-Gemeinde

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Eine Gruppe Leserinnen und Leser besucht mit OB Feldmann den Frankfurter Europaturm. Der Oberbürgermeister wirbt für ein hohes Ziel.

Anne Marek war als kleines Kind schon mal oben. Heißt es. „Aber es gibt kein Foto“, bemängelt sie. „Doch!“ Papa Manfred ist ganz sicher. Er erinnert sich noch genau, wie die Kinder damals auf die Fensterplatten geklettert sind – zwischen sich und dem Abgrund nur noch eine dünne Schicht Glas. „Uns wurde ganz mulmig.“

Erinnerungen, wie sie viele Frankfurterinnen und Frankfurter an ihren „Spargel“ haben, den Fernseh-, Pardon, Europaturm. Seit 1999 müssen sie von den Erinnerungen zehren, denn seit 21 Jahren muss die interessierte Öffentlichkeit am Boden bleiben. Umso größer war das Interesse der FR-Leserinnen und -Leser, als es hieß: Zehn von Ihnen dürfen ausnahmsweise hinauf. Mehr als 200 Bewerbungen gingen ein.

Prominenter Lotse gen Himmel ist der Oberbürgermeister. Und da kommt er ja auch schon. „Unser Turm ist im Prinzip der größte“, sagt Peter Feldmann (SPD). Der Berliner Lulatsch, angeblich noch höher, habe lediglich die längere Antenne, während bei unserem die Kanzel weiter oben sitze, und darauf komme es ja schließlich an.

Dann fahren wir doch einfach mal nach hoch. Mit an Bord in maskierten Kleingruppen und zwei verschiedenen Aufzügen: Martin und Petra Völkner, die noch nie vom Spargel heruntergeschaut haben. Was erhoffen sie sich? „Schöne Aussicht“, sagt Petra Völkner. „Und dass wir etwas über den geplanten Umbau erfahren“, sagt ihr Gemahl.

Wo einst getanzt wurde

Manfred Marek weiß noch von der Disco, die einst dort droben das Partyvolk anzog. Christoph Stübbe kann das bestätigen – er hat mitgetanzt. Heute will er seinen Töchtern zeigen, wo das war. Seinen Töchtern? Eigentlich darf jede und jeder der fünf Gewinnerinnen und Gewinner nur eine Begleitperson mitbringen. „Wir sind eineiige Zwillinge“, beteuern Katharina und Theresa. Das ist natürlich was anderes.

Auf die Plätze, fertig ... 59:13 Sekunden ist der Lift nach oben unterwegs (handgestoppt von Ihrer FR), dann stehen alle auf der ersten Ebene und können nicht anders – sie müssen sofort zu den Fenstern laufen, aus 230 Metern hinabschauen. Da unten: die Sportuni. Da hinten: Bonames. Da drüben: Enkheim. Und ist eigentlich mein Fahrrad noch da?

Der runde Raum, in dem das Restaurant einst war: leer. „Für mich als Kind war das eine große Sache“, berichtet OB Feldmann: „Wenn meine Eltern Gäste hatten, sind wir hier essen gegangen.“ Viele hätten bedauert, dass das nicht mehr geht. Aber die Hoffnung auf bessere Zeiten lebt: Seit 2019 steht der Spargel unter Denkmalschutz – eine wichtige Voraussetzung für den Sanierungsplan, denn nun schösse der Bund die Hälfte der Kosten dazu.

EUROPATURM

Der „Ginnheimer Spargel“ steht, wie alle wissen, in Bockenheim. Er ist 337,5 Meter hoch und wurde 1974 bis 1979 für 75 Millionen Mark errichtet. Fernmeldeturm wäre die angemessene Bezeichnung für das Bauwerk der Deutschen Bundespost gewesen, aber der Volksmund entschied sich für „Fernsehturm“, obwohl damals kein Fernsehen von dort ausgestrahlt wurde. Offiziell heißt er Europaturm. Die Deutsche Börse nutzt den Turm für den Hochfrequenzhandel: Das Funksignal aus der Höhe ist schneller als das Internet.

49 Millionen Euro seien veranschlagt, sagt Feldmann. Brandschutzauflagen müssen erfüllt werden. Dafür war 1999 kein Geld da, drum ist der Turm seither dicht. Die Stadt und das Land Hessen müssten nun in die Gänge kommen, Private sollten sich an den Kosten beteiligen. „Wir wollen für den Turm, für die Öffnung werben“, sagt der OB.

Ein Stockwerk höher: die ehemalige Disco. Wände und Decken schroff, die Fensterscheiben leider ebenso dreckig wie im Ex-Restaurant. „In langen Schlangen haben die Leute damals angestanden“, schildert Feldmann. Und Vater Stübbe? Sieht er sich selbst? Als jungen Tänzer, Hunderte Meter über der Stadt? Er nickt. Und fotografiert.

Ob denn an eine klimaneutrale Sanierung gedacht sei, fragt Teilnehmer Norbert Szep. Solarpanels und vertikale Windräder regt er an: „In die Zukunft denken!“ – „So weit sind wir noch nicht“, antwortet der OB. Die Vorplanung laufe, der Weg hin zu einer Finanzierung. „Das muss die Gemeinschaft stemmen.“

Schade, dass die schmutzigen Fenster keinen klaren Blick über die Stadt hergeben. Das ändert sich nach zwei weiteren Etagen zu Fuß dramatisch. „Noch mal ein ganz anderes Erlebnis“ hat Feldmann versprochen. Nicht zu viel: Plötzlich steht die Gruppe auf einer Plattform im Freien, schaut hinab auf fliegende Jets – und auf die Stadt. Wächst sie weiter, dann am besten im Verbund mit den Umlandgemeinden, wirbt der OB von höchster Warte, und die Gäste schauen, schauen bis in den Taunus, über die geplanten Baugebiete an der A5 hinweg. Die Sorgen sind gut aufgehoben da unten, wenn man so nah am Himmel ist. „Stoltze umgekehrt“, rät Martin Völkner in der Debatte ums städtische Wachstum: „Es will mer net in de Kopp enei, muss dann jeder Mensch von Frankfort sei?“

Das Erlebnis in der Höhe fanden die Völkners wunderschön, zumal sie gar nicht mit dem Ausflug ins Freie gerechnet hatten. Und das am vermutlich letzten richtigen Spätsommertag. „Die Rundschau hat das mit dem Wetter gut gelegt“, lobt der OB.

Wen wundert’s. Ist ja auch die Klimazeitung.

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