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Zweckmäßig und doch lebensfreundlich sollten die neuen Wohnsiedlungen sein.

Architekturführer

Vom Sozialen des Wohnungsbaus

Zum Jubiläum des Dessauer Bauhauses gibt es mehrere Ausstellungen über die Frankfurter Projekte jener Zeit. Die Gestaltung des Neuen Frankfurts hat maßgeblich der Stadtplaner Ernst May geprägt.

Der Architekt DW Dreysse hat für die FR  seinen historischen Aufsatz über diese Epoche überarbeitet:

Die quantitativ und qualitativ beachtlichen Leistungen, die links neben diesem Text aufgeführt sind, allein begründen nicht das Renommee May’scher Wohnungspolitik. Hinzu kommen die umfassende Behandlung der Stadt, die Gestaltung der Räume und Objekte mit neuen Mitteln und Formen sowie die organisatorische Innovation und die Methoden der Umsetzung. Es ist die radikale Modernität, mit der May auf die gewandelte Situation der Stadt antwortete. Die Wohnung spielte dabei die Rolle eines gesellschaftlichen Gutes wie Schule und Kanalisation und nicht die einer beliebig handelbaren Ware.

Das Charakteristische der Frankfurter Wohnungspolitik war, dass nicht nur für sich genommen schon beachtliche Einzelaspekte innovativ behandelt wurden, sondern die Umsetzung der Erkenntnis, dass erst die vernetzte Kombination verschiedener Parameter und die richtige Einschätzung ihrer jeweiligen Tragweite die gewünschten Ergebnisse erbringen würden. So beeinflussen Grundstücksbeschaffung, Zinshöhe, Wohnungsgröße oder Baustoffpreise ebenso den Mietpreis wie die Wohnqualität, oder umgekehrt sind Ziele nach Quantität und Qualität nicht zu trennen von Baukapazitäten, Stadtplanung, Trägerschaft oder gesellschaftlichem Konzept.

Die Wohnungspolitik wird in den Jahren 1925–30 den sich fortlaufend verändernden Bedingungen angepasst. Zum Beispiel wird mit Zunahme der Arbeitslosen die rationelle Vorfertigung von Bauteilen zugunsten arbeitsplatzschaffender Baumethoden aufgegeben oder werden mit Verteuerung der Finanzmittel die Wohnungsgrößen weiter verkleinert. Was wiederum nur zu verwirklichen ist, indem durch Einbauten die Funktionsfähigkeit der Wohnung aufrechterhalten werden kann. Diese Einbauten stammen aus den eigens dafür eingerichteten Arbeitslosen-Werkstätten der Stadt. In der konkreten Umsetzung ist die May’sche Politik zwar veränderlich, in ihrer Logik und Konsequenz bleibt sie sich treu: Eine dem gesellschaftlichen und technischen Niveau zeitgemäße Wohnungsversorgung zu sichern. Als 1930 diese Logik aufgegeben werden muss, und die Siedlung Goldstein nur noch im Rückschritt verwirklicht werden kann, kommt es zum Bruch und Weggang Ernst Mays und vieler seiner Mitarbeiter.

Sonnenbaden auf dem Flachdach – ein damals neuer Trend.

Ich möchte vier Aspekte herausgreifen:

1) Die Masse der neuen Wohnungen wurde in Siedlungen am Stadtrand mit bis zu 1500 Wohnungen errichtet. Dafür konnte erstens der notwendige Bauboden unter Androhung von Enteignung zügig und preisgünstig erworben werden. Zweitens konnten „rationelle“ Baumethoden zur Kostensenkung eingesetzt werden, und drittens entsprach dies einem damals neuen Konzept von Stadt: Zentralstadt mit einem Kranz von Satellitenstädten rundum. Kurz: die funktionelle Stadt.

Das, was damals eine konsequente Entscheidung war, kann für heute nicht mehr gelten. Sicherlich könnten auch heute noch zusammenhängende Neubaugebiete auf der grünen Wiese kostengünstiger gebaut werden. Aber welche Stadt kann es sich noch leisten, solche Gebiete zumal am ökologisch wertvollen Stadtrand auszuweisen und damit die Randwanderung gerade von Sozialmietern zu betreiben? Im Interesse eines funktionierenden Stadtkörpers ist für heute unerlässlich, der Zonierung und Ausgrenzung entgegenzuwirken, d. h. durchmischte, komplexere Stadtteile zu entwickeln. Und damit aber auch eine „kompliziertere“, eventuell auch langwierigere Realisierung in Kauf zu nehmen.

2) Der Zeitraum der Realisierungen war erstaunlich gering. Für die Römerstadt (1200 Wohnungen) beispielsweise waren von dem Entschluss bis zur Fertigstellung knapp 3 Jahre notwendig. Dies war einerseits der Tatsache zu verdanken, dass Bebauungs- und Ausführungsplanung in einer Hand lagen.

Der wesentliche Zeitgewinn ergab sich jedoch aus der Haltung der Planer zur Konzeption der Wohnungen: Nicht der Zweifel über die Lebensgewohnheiten oder eine unterstellte Vielfalt der Lebensweisen oder gar die Mitgestaltung der zukünftigen Mieter bestimmten die Art der Wohnung, sondern die selbstgefasste, paternalistische Sicherheit und Erkenntnis der Planer über die einzig richtige Wohnung für alle. Und das war eine Wohnung für eine Kleinfamilie mit 2 bis 3 Kindern, für die ein relativ gleichartiger Tagesablauf angenommen wurde und in der zumeist der Vater einer lohnabhängigen Arbeit nachging. Ziel war: ein Raum für jede Person und ein Zuschnitt, der ein möglichst reibungsloses Leben mit- und nebeneinander ermöglichte.

Das führte zur Typisierung von Grundrissen und zur Standardisierung von Ausstattungen, die erheblich zur Beschleunigung von Bauabläufen beitrugen. Offensichtlich waren die Erkenntnisse nicht so schlecht: Denn trotz der Anfeindungen und Unkenrufe von rechts und links fühlte sich die überwiegende Mehrzahl der Mieter in den neuen Wohnungen wohl. Und viele der eingeführten Standards haben bis heute ihre Gültigkeit behalten, was wiederum für die Solidität ihrer Entwerfer°innen spricht.

3) Die Mieten waren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, tragbar. Die hauptsächlich ins Gewicht fallenden Faktoren sind bekanntlich Zins und Baukosten. Die Zinsen konnten anfänglich gering gehalten werden, und zwar nachhaltig, weil die gewährten Darlehen als Baukostendarlehen und nicht, wie heute üblich, als Verzinsungsdarlehen gewährt wurden.

Die Baukosten wurden durch Verkleinerung der Wohnungen, große Serien und Standardisierung niedrig gehalten. Hinzu kam anfangs noch die Tätigkeit der Stadt als eigener Bauunternehmer. Das Hochbauamt organisierte Baukolonnen, Transporte und die Beschaffung von Baustoffen bis hin zur Einrichtung zweier Vorfertigungsbetriebe am Osthafen und in einer Messehalle, in denen die „Frankfurter Plattenbauweise“ nicht nur experimentell entwickelt, sondern schließlich für etwa 1600 Wohnungen produziert wurde. Zur Standardisierung von Bauteilen wurde im Hochbauamt eine spezielle Abteilung eingerichtet. Hier wurden Türen, Fenster, Beschläge, Flachdachkonstruktion, Öfen usw. entwickelt und in Normblättern festgehalten, die später der DIN als Grundlage dienten. Dadurch wird deutlich, mit welcher Komplexität und Innovation die Wohnungsfrage angegangen wurde. Ernst May konnte sich in diesem Fall auf die Erfahrungen der Bauhüttenbewegung stützen, einer Bewegung, die, in Oberschlesien beginnend, arbeitslose Bauhandwerker zu selbstorganisierten Baubetrieben zusammenschloss. Diese bemühten sich aus eigenem Interesse, Bauabläufe zu vereinfachen und zu verbilligen.

Die Miete sollte ¼ des Monatseinkommens nicht übersteigen. Arbeiterfamilien konnten sich trotz der vielseitigen Anstrengungen zumeist nur die kleineren, etwa 42 bis 65 qm großen Wohnungen leisten. Und dies häufig nur, weil Gemüseanbau im eigenen Garten den Lebensunterhalt verbilligte oder eigens zu diesem Zweck gebaute Dachkammern untervermietet werden konnten.

Zu erwähnen ist schließlich, dass den Mietern ein Dauerwohnrecht zugesichert wurde und dass zu keinem Zeitpunkt daran gedacht war, die Wohnungen, z. B. nach Rückzahlung der Darlehen, dem freien Markt zuzuführen, so wie es mit dem Sozialen Wohnungsbau nach 1949 intendiert war.

4) Einen wichtigen Teil des sozialen Projektes im Neuen Frankfurt machte die architektonische Gestaltung und Formensprache aus. Es ist erstaunlich festzustellen, dass trotz der Vielzahl der beteiligten Architekten eine unverwechselbare Homogenität der Gestaltungsprinzipien durchgehalten wurde. Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass das Team um Ernst May den Gebrauchswert der Wohnung, die „rein praktischen Erwägungen“, wie es hieß, als Ausgangspunkt für neues Gestalten setzte. Der Mensch mit seinen ganz alltäglichen Bedürfnissen an Wohnung, Haus und Außenraum sollte den Maßstab geben. Der Gedanke, zu „Monumental-Lösungen“ oder formalen Spielereien zurückzukehren, kam erst gar nicht auf.

Die Gärten zwischen den Häusern gehörten zum Programm.

Ergebnis waren lichte und luftige Wohnungen, die sich zur Sonne und zum Außenraum orientierten, sowie gut proportionierte Räume und liebevoll gestaltete Schwellenbereiche. Letztere unterstrichen die Auffassung, dass Innen- und Außenraum ein untrennbares Ensemble bilden. Die Siedlungen und selbst die wesentlich dichteren Quartiersergänzungen strahlten mit ihrer neuen Architektur, hellen Farbgebung und abgestufter Bepflanzung Heiterkeit und Weltoffenheit aus. Die Mehrheit der Mieter erkannte trotz der ungewohnten Formensprache schnell die Qualitäten der neuen Räume, während voreingenommene und vor allem reaktionäre Kreise erbitterte Tiraden gegen die „undeutsche“, „bolschewistische“ Architektur schmetterten. Neben dem einfachen, glatt verputzten Kubus, der geradlinigen Gebäudereihe, dem liegenden Fensterband und dem senkrechten Treppenhausschlitz war es insbesondere das flache Dach, das neu war und zu kontrovers geführten Debatten beitrug. In der Tat war es ein ideologischer Ausdruck der neuen Sachlichkeit, aber es war auch technisch einfacher und preisgünstiger zu bauen als ein Satteldach. Darüber hinaus bot es, als Dachgarten gestaltet, interessante Nutzungsmöglichkeiten, wie das damals aufkommende Sonnenbaden.

Die Architekten des Neuen Frankfurt waren immer wieder gezwungen, mit intensiver Öffentlichkeitsarbeit wie Bürgerversammlungen, Ausstellungen, Filmen, Zeitungsartikeln und Schulkursen die Vorzüge des neuen Bauens herauszustellen. Man kann sagen, dass damals wohl zum ersten Mal ein breiter öffentlicher Diskurs über Bauen und Architektur sowie im weiteren Sinn über das Städtische stattgefunden hat.

Je demokratischer eine städtische Gesellschaft verfasst ist, umso schwerer lassen sich neue Stadtentwürfe umsetzen, selbst solche mit einem hohen sozialen Anspruch. May hatte es da einfacher. In seiner Logik fortzufahren und eine zeitgemäße Wohnraumversorgung zu realisieren, wäre beispielsweise, die verschiedenen Partner in einem gemeinsamen, gut moderierten Verfahren sich streiten und schließlich einigen zu lassen. Was damals fast ausschließlich amtsintern abgestimmt wurde, muss heute öffentlich orchestriert werden.

Gekürzter Beitrag aus „Der Architekt“ von November 1992


Zum Bauhausjahr 2019ist der lange vergriffene Architekturführer durch die Siedlungen Ernst Mays von DW Dreysse nun in einer aktualisierten Auflage wieder lieferbar. 
DW Dreysse stelltdarin, nun um zwei Beispiele erweitert, die zehn wichtigsten Realisierungen des Neuen Bauens in Frankfurt dar. Das Buch nennt Kenndaten und Besonderheiten jeder Siedlung und schildert ihre Entwicklung bis heute. Zudem gibt DW Dreysse Hinweise zur Besichtigung.
Das Buch richtet sichan Architekturinteressierte, Bewohner und Fachleute. Es ist im Verlag der Buchhandlung Walther Koenig erschienen und im Buchhandel erhältlich. Es kostet 19,80 Euro. fr
May-Siedlungen. Architekturführer durch zehn Siedlungen des Neuen Frankfurt 1926 – 1930. - ISBN 978-3-96098-573-0

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