+
Spielten ihre ersten Proben in Zelten im Wüstensand: Tamikrest in der aktuellen Besetzung.

Frankfurt

Der Sound der Sahara

  • schließen

Sie kommen aus Mali und Algerien, ihre Vorbilder sind die Desert-Rock-Ikonen von Tinariwen. Ende Oktober tritt die Tuareg-Band Tamikrest in Frankfurt auf.

Sie heißen Imarhan, Bombino, Mdou Moctar oder aber Tamikrest; sie sind Sprösslinge mit denselben Wurzeln, junge Bands der Tuareg-Kultur, den Nomadenvölkern der Sahara. Tamikrest und ihre Artverwandten sind kollektiv mit dem Desert Rock der Pionierrocker Tinariwen aufgewachsen: Seit den Siebzigerjahren existiert das alte Musikerkollektiv schon, das als erstes auf den Gedanken kam, die meditativen Rhythmen Nordwestafrikas mit Bluesklängen Amerikas zu verschmelzen. Die Pioniere führten damals die E-Gitarre in die Musik des Saharavolks ein, allein dafür besitzt die Truppe so etwas wie Heiligenstatus unter den Tuareg: Keine junge Truppe in Mali oder Algerien, die sich nicht in einer Weise auf den Desert-Rock von Tinariwen bezieht.

So kommt es, dass sich für Songschreiber aus den kulturellen Zentren der Region der Beiname „the children of Tinariwen“ geprägt hat. Sie verstehen sich als Mitglieder einer großen Musikfamilie, teilen sich dieselben gesellschaftskritischen, oft schmerzerfüllten Themen. Auch für Ousmane Ag Mossa, der Tamikrest vor zwölf Jahren gründete, ist der Bezug auf die Vorbilder Ehrensache. Geboren Mitte der Achtzigerjahre wuchs der Gitarrist und Sänger mit Reggae und Rai auf und natürlich mit alten Tinariwen-Kassetten. Anders als die Vorbilder war er nie selbst Teil des bewaffneten Widerstandes: Anfang der Neunziger hatten Teile des Volks gegen das malische Militär rebelliert und im Kampf einen autonomen Tuareg-Staat gefordert. Den Soundtrack zur Revolte lieferten damals die Jimi-Hendrix-Verehrer Tinariwen. Die E-Gitarre ist somit auch bei Tamikrest symbolstark aufgeladen. Das Instrument verkörpert Freiheit, nicht nur in musikalischer Hinsicht.

Proben in Zelten im Wüstensand

Ihre ersten Proben spielten Tamikrest denn auch ihrer Tradition folgend in Zelten im Wüstensand, mit Strom von brummenden Generatoren. Bei solchen „tent sessions“ jammte die Band auch schon mit Bewunderer Chris Ekman. Der Kopf von Seattles Americana-Veteranen The Walkabouts produzierte die ersten Platten seiner Kollegen. Auf den bislang fünf Alben ist warmer, von Wah-Wah- und anderen Effekten verfremdeter Gitarrensound zentral und verbindet sich beiläufig mit traditionellen Percussion-Instrumenten wie Djembe. Die Revolte klingt in Ag Mossas Songs vor allem nach einer geistigen Angelegenheit; als Sänger strahlt er eine nachdenkliche Festigkeit aus, die sich wiederfindet in ebenmäßigen Bassgrooves. Seit einer Weile gehören zudem zwei gebürtige Franzosen zur Besetzung: Mit Schlagzeuger Nicolas Grupp und Gitarrist Paul Salvagnac kommt vor allem live eine härtere und raue Kante ins Spiel, ohne aber die Grundgelassenheit von Frontmann Ag Mossa in Aufruhr zu versetzen.

In seinen Texten, die der 33-Jährige auf der Tuareg-Sprache Tamascheq singt, greift er existenzielle Fragen auf, die die jüngere Generation der Nomadenvölker ebenso berühren wie die der Väter: die Sorge um das Verschwinden der eigenen Kultur, Sehnsucht nach einer Heimat und das Bewahren der eigenen Geschichte. Auch Tamikrest leben nicht mehr in ihrer ursprünglichen Heimatstadt Tidal im Norden Malis, sie flohen vor islamistischen Milizen und deren gewaltvollen Scharia-Gesetzen. Ihre Platten nehmen Tamikrest seither in Algerien auf. „Tidal“ heißt das jüngste Album von 2017, eine Hommage an die verlassene Heimatstadt. Wehmütig und brütend klingt die Musik; auch ohne Sprachverständnis des Tamascheq übertragen sich die Themen von Sehnsucht und Verlust.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare