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Vom Unternehmer zum Obstbauer

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Klein, aber fein: Der Unternehmer Lothar Schmidt begutachtet einen seiner Apfelbäume, die auf seinem Firmensitz in Sossenheim wachsen.
Klein, aber fein: Der Unternehmer Lothar Schmidt begutachtet einen seiner Apfelbäume, die auf seinem Firmensitz in Sossenheim wachsen. © Unger

Der Inhaber der Frankfurter Firma Uhren-Sinn Lothar Schmidt widmet sich nun auch verstärkt dem Umweltschutz. Auf seinem Sossenheimer Firmensitz wachsen und gedeihen mehr als 300 Obstbäume. Den Naturschutz hat er jetzt auch in seine Unternehmensphilosophie aufgenommen.

Seine Uhren ticken auf die Sekunde genau. Doch geht es um Umwelt und Naturschutz, denkt Lothar Schmidt in ganz anderen Zeitläufen. Dann setzt der Inhaber der Firma Sinn Spezialuhren auf Apfelbäume. Mal als Spalierobst an seinem modernen Firmensitz in der Wilhelm-Fay-Straße in Sossenheim, mal auf mehr als zwei Hektar Streuobstwiesen in und um Berkersheim. So kommen Präzision und (Gold-)Parmäne, Chronometer und Kerngehäuse zusammen.

Es verrät etwas über den erfolgreichen Geschäftsmann, der die ursprünglich über Jahrzehnte in Rödelheim beheimatete Uhrenschmiede 1994 übernahm und mit ihr 2017 in den Nachbarstadtteil umzog, wenn er sagt: „Wenn da ein Baum steht, soll er auch schaffen.“ Ginge es nach Schmidt, würden entlang öffentlicher Straßen noch viel mehr Obstbäume gepflanzt. Und könnten von jedermann abgeerntet werden. Das dürfen schon jetzt seine 135 Mitarbeiter:innen auf dem Firmengelände in Sossenheim. Dort gibt es knapp zwei Dutzend Obstbäume: Äpfel, Zwetschen, Birnen, Mirabellen und Quitten.

Die Firma Sinn

1961 gründet der Pilot und Blindfluglehrer Helmut Sinn (1916-2018) die Firma mit Sitz in Rödelheim. 1994 kauft dann der Diplom-Ingenieur Lothar Schmidt das Unternehmen und richtet es auch technisch neu aus.

Vor fünf Jahren , am 1. September 2017, wird der neue Firmensitz in der Wilhelm-Fay-Straße eröffnet. Dort gibt es einen Direkt-Verkauf. Sinn-Spezialuhren werden gerne von Piloten, Tauchern und Feuerwehrleuten getragen. Auch die GSG 9 hat sie. Bekannt wurde die Finanzplatz-Uhr, bei der „Frankfurt am Main“ auf dem Ziffernblatt steht. Sie wird gerne von Bankern getragen. ou

An der Grundstücksgrenze entlang wurden jede Menge Beerensträucher gepflanzt: Johannisbeeren in Rot und Schwarz, Blau- und Stachelbeeren. Alles, was auch in einen zünftigen Obsttopf gehört. „Trotzdem bleibt da immer etwas übrig“, sagt Schmidt. Von seinen Leuten wird er regelmäßig mit selbst gemachter Marmelade beschenkt.

„Bei einer Firma geht es um mehr, als nur Profit zu machen. Sie hat auch eine soziale Aufgabe“, sagt Schmidt. Und wie im Falle Sinn um eine besondere Firmenkultur und -philosophie. Die umfasst – neben Herstellung und Vertrieb von Uhren – sechs Themenfelder, die in die Statuten aufgenommen wurden. Da finden sich der „Erhalt und Ausbau von Streuobstwiesen“, von traditioneller Handwerkstechniken, insbesondere des Uhrmacherhandwerks, die Förderung von Musik und darstellender Kunst und der Erhalt der deutschen Sprache und deren Dialekte im deutschsprachigen Raum.

Denn Anglizismen mag Schmidt überhaupt nicht. „Ich mag keine effektheischende hohle Werbesprache – sowohl in der internen als auch der externen Unternehmenskommunikation wird dies bei uns beherzigt“, sagt er. Ganz ohne bemerkbaren Akzent.

Überhaupt Fremdsprachen: Mit denen stand der 1949 im Saarland geborene Schmidt schon als Kind im wörtlichen Sinne auf Kriegsfuß. Unter der französischen Militärregierung sollte er deren Sprache in der Schule lernen. „Aber damit tut man sich schwer, wenn man unter Besatzung lebt“, erinnert sich der heute 73-Jährige. Gleichwohl kommt man im gehobenen Uhrengeschäft an Französisch nicht vorbei – wenn man im Herzen der eidgenössischen Feinstmechanik arbeiten will. Was Schmidt zwölf Jahre in La Chaux-de-Fonds tat. In Winterthur hat der Vater eines Sohnes noch heute einen Wohnsitz, pendelt regelmäßig nach Frankfurt, um dort einige Tage nach dem Rechten zu sehen. Dann wohnt er meist in Hotels. Und inspiziert seine insgesamt fünf Streuobststücke aus dem Nachlass einer Preungesheimer Unternehmersgattin, die ihre Ländereien bis zu ihrem Tode regelmäßig mit dem Auto ansteuerte.

Auch Schmidts Großeltern hatten im Saarland eine eigene Landwirtschaft, in der auch die Mutter mithalf. „Und es gab einen großen bepflanzten Garten“, erinnert er sich. „Daher kommt vielleicht meine Liebe zur Natur. Aber darin gearbeitet habe ich nicht wirklich gerne.“

Muss er auch Jahrzehnte später in Frankfurt nicht. Ein Sinn-Uhren-Fan und Baumschulbesitzer aus Friesland stellte ihm die mehr als 300 Obstbäume für den Sossenheimer Firmensitz zusammen. Betreut werden sie vom Streuobstwiesen-Zentrum Main-Äppel-Haus auf dem Lohrberg, das die Flächen pflegt, die Bäume schneidet, Äpfel erntet und dort regelmäßig Naturseminare für Kinder abhält. Und natürlich auch Ebbelwei herstellt.

Das „Stöffche“ war für Schmidt anfangs Neuland. „Inzwischen trinke ich ganz gern mal ein Glas. Tiefgespritzt.“ Jetzt teilt Lothar Schmidt, der so vom Unternehmer zum Umweltschützer und Obstbauer mutierte, den Jahreslauf nicht mehr in Tage, Stunden und Sekunden auf, sondern in Blüte, Sommer, Frucht und Winter.

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