Blick nach Sachsenhausen

Sorgfalt in Sachsenhausen

  • schließen

Wolfgang Rüger trotzt mit antiquarischen Tugenden der Medimops-Übermacht.

Von morgens 8 bis nachts 1 Uhr wird gearbeitet, sieben Tage lang.“ Was Wolfgang Rüger fast lapidar umreißt, ist das Pensum eines Mannes, der die Hingabe ans gedruckte Wort verinnerlicht hat, leidenschaftlicher Antiquar ist. Und illusionslos obendrein. „Ich lebe in einer ausgestorbenen Welt“, so der mittlerweile letzte Sachsenhäuser Altbuch-Händler.

Sein Ladengeschäft erbringt mit Ach und Krach die Miete, fast alle Erlöse werden im Web und mittels Versand getätigt. Der Bestand von 43 000 Titeln ist komplett online gelistet – ein Zustand, den Rüger mit der Mehrheit seiner Berufsgenossen teilt. „Wir sind heute Bürokraten, Sklaven des Internets.“ Dass die Antiquariatsbranche ihre Seele verloren hat, ist den skrupellosen Machenschaften von Amazon oder Medimops geschuldet. Was vor nicht allzu langer Zeit „mit Sinn und Verstand“ gehandhabt wurde, ist nun gesteuert von Computerprogrammen. „Da ist viel Müll unterwegs.“

1999 hat Wolfgang Rüger – auch sein feines Verlagsprogramm ist noch vollständig lieferbar – sein Bücherhaus neben dem Harmonie-Kino eröffnet. Eine Epoche, in der das Angebot an signierten Erstausgaben europaweit konkurrenzlos war, 20 emsige Sammler das Überleben garantierten. Gerade hat er eine Signatur-Ausgabe von Arno Schmidt und eine Lasker-Schüler-Erstauflage angekauft. „Ob das aber jemand erwerben will?“

Leser gebe es zwar noch genug, so Rüger, doch heute müsse das Buch neuwertig sein und dürfe nichts kosten. Und der klassische Sammler? „Ist männlich, 75 Jahre alt – und stirbt mir unter der Hand weg.“ Obwohl sich das Geschäft „immer brutaler“ zeigt, werden Grundsätze in der Dreieichstraße 52 nicht geopfert. Auf den 50 Quadratmetern regiert Qualitätsware, das Wissen ums Buch, antiquarische Sorgfalt. Natürlich auch der besondere Service: „Die Hälfte meiner Ladenkunden wollen, dass ich ihnen Vergriffenes im Netz bestelle.“ Laufkundschaft gebe es nicht.

Dass Frankfurt in absehbarer Zeit antiquariatsfrei sein könnte, ist keine Schwarzmalerei. Wo einst drei Dutzend stationäre Händler ihre alten Bücher und Druckerzeugnisse feilboten, sind derzeit noch fünf zu finden. „In Zukunft wird es in jeder Stadt noch ein Antiquariat geben.“

Neben all den Prosa-, Lyrik- oder Underground-Raritäten hält der Beat-Fachmann auch weltweite Einzigartigkeiten bereit. Niemand sonst in Deutschland, der Übersetzungen von Cormac McCarthy und Garcia Márquez mit den originalen Namenszügen im Regal hat. Sollten die Zeiten, in denen die Zeitschriftenlegende „Gasoline 23“ innerhalb einer halben Stunde nach New York verkauft wurde, tatsächlich vorbei sein?

Antiquariat Wolfgang Rüger, Dreieichstraße 52 in Frankfurt-Sachsenhausen; Telefon 069/615638; Öffnungszeiten: montags bis mittwochs zwischen 12 und 19 Uhr; www.antiquariat-rueger.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare