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Sophie Hunger in Frankfurt: „Wir sind Soldaten der Liebe“

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Von: Thomas Stillbauer

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Die Schweizerin Sophie Hunger spielt mit Band und Chor beim W-Festival in der Frankfurter Alten Oper.
Die Schweizerin Sophie Hunger spielt mit Band und Chor beim W-Festival in der Frankfurter Alten Oper. © nadiatarra

Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger über ihren Auftritt beim W-Festival, Corona und die Rolle der Kunst in schweren Zeiten.

Frau Hunger was spielen Sie beim W-Festival in Frankfurt?

Wir spielen einiges aus dem „Halluzinationen“-Album, das ich während Covid herausgebracht habe und eigentlich noch gar nicht spielen konnte. Es wird speziell: Ich werde es mit einem fünfstimmigen Chor umsetzen. Außerdem habe ich einige neue Lieder dabei, darunter zwei aus dem „Ich liebe Dich“-Album, das ich mit Faber und Dino Brandão gemacht habe, und auch ein paar alte Hits – wenn man das so sagen darf (lacht). Die Evergreens!

Ihre Lieder haben oft diese schöne Zweistimmigkeit. Jetzt ist ein ganzer Chor dabei.

Das ist wirklich cool, es sind alles tolle Sänger und Sängerinnen. Man kann die Augen schließen und in einen Traum eintauchen und wacht am Ende wieder auf.

Woher kam die Idee?

Mit Corona ist es so eine üble Zeit für uns, und weil es so prekär ist, müssten wir eigentlich versuchen, so minimal wie möglich aufzutreten und überall zu sparen. Aber wir haben gesagt: Nein, komm, wir machen das Gegenteil! Wir holen einen fünfköpfigen Chor auf die Bühne – einfach um zu übertreiben! Es war wie eine Abwehrreaktion.

Zu dem „Halluzinationen“-Album haben Sie gesagt, Halluzinationen sei ein anderes Wort für Musik – wie meinen Sie das?

Musik ist etwas, das nicht auf Bäumen wächst, sondern etwas, das man sich vorstellt, also erfindet, was man kreiert mit der Fantasie, etwas Unsichtbares. Genauso ist es mit Halluzinationen. Sie sind auch etwas, das man selber herstellt – meistens in Situationen, in denen es einen Mangel gibt. Ich habe in einem Buch von Oliver Sacks gelesen: Visuelle Halluzinationen entstehen oft, wenn das Augenlicht beeinträchtigt ist. Es ist wie ein Versuch des Gehirns, selber etwas herzustellen, um einen Sinn zu befriedigen, der nicht mehr richtig funktioniert.

Wie erleben Sie die Corona-Zeit? Frankfurt ist eine der raren Gelegenheiten, auf die Bühne zu gehen.

Das ist schon schwierig. Man kann nicht ausüben, wovon man lebt, nicht nur materiell, auch seelisch – es ist ja ein identitätsstiftender Beruf, mehr als nur eine Tätigkeit. Er definiert, wer man ist, wie man sich im Universum verortet. Und wenn das dann weg ist, ist man ein bisschen verloren. Man versteht sich selber nicht mehr richtig. Aber dann beginnt man, damit umzugehen. Und man lebt ja noch. Man ist ja nicht vom Tode bedroht. Ich hatte noch Glück, ich konnte viel im Studio arbeiten, drei Filmmusikprojekte, viele Kollaborationen, und ich habe zwei Alben geschrieben.

PERSON & FESTIVAL

Sophie Hunger, 1983 geborene Schweizer Sängerin, Multiinstrumentalistin und Filmkomponistin, bereichert das Frankfurter W-Festival mit ihrem Auftritt am Dienstag, 31. August, um
20 Uhr in der Alten Oper. Ihre atmosphärischen Songs haben in jüngerer Zeit eine elektronische Komponente hinzugewonnen.

Die Band Nouvelle Vague aus Frankreich eröffnet das Festival bereits tags zuvor, 30. August, ebenfalls um 20 Uhr, mit Coverversionen von Songs aus den 70er und 80er Jahren, beileibe nicht nur Mainstream, im ganz eigenen Stil.

Iris Berben und Anke Engelke präsentieren ihr Bühnenprogramm „Komisch“ am Freitag, 3. September, um 20 Uhr.

Katie Melua, georgisch-britische Sängerin und Echo-Preisträgerin, folgt am Freitag um 22 Uhr, wie alle Veranstaltungen in der Alte Oper.

Karten und Informationen zu den Auftritten unter www.w-festival.de

Wie sehen Sie die Corona-Einschränkungen für die Kunst? Manch andere Sängerin ist plötzlich beim „Querdenken“ gelandet.

Ich bin mit Wissenschaft aufgewachsen. Es ist ein Virus, nicht das erste, das wir als Menschheit erleben, die Lösung heißt Impfung. Schwierig für mich nachzuvollziehen, warum gewisse Leute sich damit so schwertun. Für mich ist es eine Frage der Solidarität.

In „Das Neue“ (2012) sangen Sie: „Freiheit ist das neue Gefängnis“ – wie passt das heute in die Zeit?

Man kann als Einzelperson frei sein, aber es geht ja im Leben auch um die Freiheit der Anderen. Das ist jetzt eine neue Situation. Die Impfgegner werden sagen: Ja, aber für uns ist es umgekehrt, mit eurem Zwang zur Impfung beschneidet ihr unsere Freiheit. Es ist eine Diskussion darüber, wo unsere Freiheit anfängt und die der anderen aufhört.

Sie sind einst im Pariser Bataclan aufgetreten, wo später ein grausamer Terroranschlag des IS geschah. Jetzt verliert die Freiheit in Afghanistan. Wie gehen Sie als Künstlerin damit um?

Es macht mich unheimlich traurig. Das Beste, was wir machen können, ist so viele Menschen wie möglich aufzunehmen und der Lüge zu widersprechen, dass wir keinen Platz für sie hätten.

Das Album „Ich liebe Dich“ haben Sie als Versuch bezeichnet, die Liebe zurück ins Zentrum der Wirklichkeit zu holen – wodurch ist das notwendig geworden?

Ich denke, dass Liebe eine politische Kraft hat. Eine Politik, in der Gefühle und Liebe Teil des Denkens sind, ist eine Politik, der es um Menschen geht. Liebe gehört nicht nur in den privaten Bereich – sie muss im Zentrum des Denkens stehen. Man sieht ja: Die am schlechtesten bezahlten Berufe sind die, in denen Menschen sich um Menschen kümmern. Krankenhaus, Kinderbetreuung. Das müssten die bestbezahlten Berufe sein! Nicht die, wo Menschen sich um Güter kümmern oder um …

Geld?

… Zahlungsverkehr, genau. Da zeigt sich, dass unsere Werte verschoben sind. Wir Künstler – wenn wir überhaupt irgendeinen Sinn haben: Wir sind Soldaten der Gefühle und der Liebe und des Irrationalen in der Welt der Fantasie. Unser Kampf ist es, immer wieder dafür aufs Feld zu ziehen, so gut wir können.

Interview: Thomas Stillbauer

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