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Schweißtreibend: Thomas Stillbauer in der "Gerste".
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Schweißtreibend: Thomas Stillbauer in der "Gerste".

Stillbauer schafft

Was soll ich jetzt machen, Katina?

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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FR-Reporter Stillbauer arbeitet sich für je einen Tag in die Berufe anderer Leute ein. Heute versucht er sich als Ober. Doch das Bewirten ist nicht jedem gegeben.

Sagt der Gast zum Ober: „Haben sie kalte Rippchen?“
Sagt der Ober zum Gast: „Nein, ich trage stets ein warmes Unterhemd.“

Viele Menschen haben ihr Studium finanziert (beziehungsweise ruiniert), indem sie nachts in Kneipen bedienten. Ich nicht. Mir war diese Art des Broterwerbs stets fremd. Ich habe lieber nachts in Kneipen gesessen oder im Bett gelegen und tagsüber mein Studium ruiniert. Das muss ich jetzt ausbaden. Jetzt stehe ich mitten im Gasthaus zur Goldenen Gerste, bin der Herr Ober und weiß nicht, was ich machen soll. Wenigstens habe ich keine kalten Rippchen.

18.15 Uhr. „Was soll ich machen, Katina?“ – „Hingehen und fragen, was die Leute trinken wollen.“ – „Ah. Gut. Und was dann?“

Das Gasthaus zur Goldenen Gerste zu Frankfurt-Bonames, im Volksmund: Gerste, ist ein Restaurant und Hotel, und zwar ein griechisches. Das Ehepaar Papatziamos, Katina und Fotios, 66 und 69, hat in den vergangenen Jahrzehnten alle Bestrebungen von Brauereien und Traditionsverächtern abgewehrt, dies auch nach außen hin zu dokumentieren. Ein griechischer Name überm Eingang? Weiße Säulen womöglich? Unfug. Doch nicht bei dieser 250 Jahre alten denkmalgeschützten Institution.

18.17 Uhr. Dann gehe ich mal hin und frage, was die Leute trinken wollen. Und das habe ich davon: ein alkoholfreies Bier, zwei Apfelschorlen, drei Pils, ein kleines Pils, einen Prosecco, einen halben Liter trockenen Rotwein, einen Viertelliter trockenen Rotwein, einen Viertelliter trockenen Weißwein, ein großes Mineralwasser, ein kleines Mineralwasser, ein dunkles Hefeweizen. Und das war erst der Anfang. Heute feiert hier nämlich die Männergymnastikgruppe 50+ des TSV Bonames Weihnachten. Mit Damen.

Gast: „Hallo Herr Ober!“
Ober: „Hallo Herr Gast!“

Aber ich bin nicht allein mit den Turnern. Da kommt Robert, erfahrener Kellner in der Gerste für besondere Einsätze. Gemeinsam werden wir das Fest schon wuppen. Als erstes will Robert wissen, welches dieser Getränke, die ich da notiert habe, zu welchem Gast gehört. Nun, äh … puh. Und dann will Fotios hinterm Tresen wissen, was für ein alkoholfreies Bier (Weizen? Clausthaler?), was für ein trockener Rotwein (Naoussa?), was für ein trockener Weißwein. Oh. Ah ja.

Ich gehe mal lieber mit den Gästen plaudern. Männergymnastik? Mit über 50? Wie das? Und sind da nicht die meisten schon eher 60+? „Wir wollen uns halt auch im Rentenalter noch ein bisschen bewegen“, sagt einer der Aktiven aus Harheim und Bonames, „und nicht nur unseren Frauen daheim auf dem Schoß sitzen.“ Gelächter. Seit mehr als 15 Jahren geht das nun, jeden Dienstag, erst die Gymnastik, danach gern noch eine Runde Basketball („ohne Regeln!“), anschließend in die Gerste: „Geselligkeit in der dritten Halbzeit.“ Einmal im Jahr gibt es einen Wochenendausflug, einen Grillabend, eine Wanderung, im Sommer Radtouren. Mit den Ehefrauen? „Nur Weihnachten!“, lautet die strikte Regel. Und hinter vorgehaltener Hand: „Oder sprechen Sie etwa mit Ihrer Frau über Fußball?“

So, aber ich bin nicht zum Plaudern hier, sondern zum … Herumgammeln. Robert hat in der Zwischenzeit alle Getränke an die Tische gebracht. Ich versuche so gut wie möglich, ihm nicht im Weg zu stehen.

Ober: „Ihr Glas ist ja leer. Soll ich noch eins bringen?“
Gast: „Nein, danke. Was soll ich mit zwei leeren Gläsern?“

Ober-und-Gast-Witze gehören zu den größten Errungenschaften der Gastronomie. Aber schon die ganz normale Amtssprache des Kellners ist oft am oberen Ende der Humorskala angesiedelt. Was soll man antworten auf eine Frage wie: „Waren Sie der Schweinskopf mit den Knödeln?“ 24 Turner und Turnerfrauen sind da, drei fehlen noch. Robert will, dass ich die Getränke der Gäste, die nicht zur Gymnastik-Gesellschaft gehören, in die Registrierkasse tippe. Ein unmögliches Unterfangen. Es geht schon damit los, dass die Kasse mich nicht registriert. Ich kann tippen, so viel ich will – nichts. Roberts Finger hingegen muss das Tastenfeld kaum berühren – zack, registriert. Das alles zieht aber nur schemenhaft an mir vorüber, denn gerade betritt eine bezaubernde Frau das Restaurant und bestellt einen Weißwein. Oh. Das ist ja meine bezaubernde Frau! 19 Uhr. Jetzt muss aber erst einmal das Essen raus. Mir ist heiß. Ich traue mich nicht, die Ärmel hochzukrempeln. Fotios und Robert haben die Ärmel auch unten. Katina leistet in der Küche derweil Übermenschliches am Grill, und nicht nur sie. Zu viert organisieren die Frauen Unmengen von Vorspeisensalaten, und Maria steht seit 25 Jahren an den Töpfen und Pfannen. Also nicht ununterbrochen. Zwischendurch geht sie schon immer nach Hause. Wenn alle satt sind.

An den Tischen der Männergymnastik hat sich herumgesprochen, dass der Herr Aushilfs-Ober seine Brötchen bei der Frankfurter Rundschau verdient. „Schreiben Sie nicht, wie viel ich trinke!“, warnt ein besonders kräftiger Turner, und der ganze Tisch lacht schallend. Ich lache mit und spüre, wie ich mehr und mehr Routine darin bekomme, Robert geschickt auszuweichen, während er bis zu zwölf Teller auf einem Arm … – nein, wir wollen nicht übertreiben. Aber er macht das mit beeindruckendem Tempo, und dabei sehr gelassen.

„Herr Ober, was macht eigentlich das Bier, das ich vor einer halben Stunde bestellt habe?“
„Dreizwanzig.“

Pro Pils muss ich einen großen Strich auf die Bierdeckel machen, alle anderen Preise werden ausgeschrieben. Hefeweizen: 3,20. Clausthaler: 2,40. Nicht, dass ich mir das in irgendeiner Form merken könnte. Ich frage halt jedes Mal Fotios hinterm Tresen. Zu meiner bezaubernden Frau haben sich inzwischen weitere sehr nette Menschen gesellt, mit denen ich üben kann: Ein Rumpsteak, der Herr? Mit Bratkartoffeln? Und die Dame – einen Bauherrensalat? Ach, Bauern. Medium gebraten? Das macht Spaß. Alte Stillbauer-schafft-Weisheit: Etwas zu tun haben während der Arbeit, ist immer hilfreich.

20.15 Uhr. Die Lage entspannt sich, das Essen ist fast ohne Komplikationen verlaufen (eine Lammhaxe zu viel, ein Steak zu wenig). Ich räume Teller von den Tischen, Katina kommt aus der Küche und erholt sich im gemütlichen Eckchen am Rand des Tresens. Da fühlten sich früher auch einige ganz besondere Stammgäste wohl. Holztafeln erinnern an sie: „62nd Aviation Company Royal Coachman – als Dank für die vielen schönen Stunden“.

Das war die Zeit, als noch jeden Tag unentwegt die Hubschrauber des US-Streitkräfte vom Alten Flugplatz über Bonames knatterten. „Früher kamen jeden Mittag 15 bis 20 Piloten zu uns zum Essen“, erzählt Katina Papatziamos, „die Hälfte davon mit ihren Familien.“ 1992 war Schluss mit dem „Maurice Rose Airfield“ der Amerikaner, 2002 machte das Frankfurter Umweltamt eine Oase aus dem Militärstützpunkt. Noch heute reisen die Soldaten von einst im Urlaub nach Deutschland. Und speisen im Gasthaus zur Goldenen Gerste.

Kein Wunder. Die Familie Papatziamos – das sind die liebenswertesten, gutmütigsten, gastfreundlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Das Ganze ist im Prinzip unglaublich: Katina und Fotios stammen praktisch aus demselben griechischen Dorf. Aber kennengelernt haben sie sich im November 1968 in Bonames. Es war die Zeit der Gastarbeiter, und es war die Zeit der Industrie im Frankfurter Norden, unter anderem brauchte die Schuhfabrik Fabona Personal. Näher kamen sich die beiden dann beim Fußball: bei einem Spiel des SV Panserraikos Bonames.

Der griechische Club hat sich bis heute gehalten. Und die Liebe natürlich auch. Tochter Elena und Sohn Konstantin kamen in der Goldenen Gerste zur Welt, im historischen Gebäude, das die Familie nach und nach sanierte und ausbaute, auch wenn es mit dem städtischen Denkmalamt nicht immer ganz leicht war.

„Herr Ober, ich möchte das, was der Mann am Nebentisch isst.“
„Schwierig. Das wird der nicht kampflos hergeben.“

21.30 Uhr. „Ich kann gern noch was machen“, sage ich zu Robert, der ein Tablett mit leeren Gläsern vorbeiträgt, während ich geschickt ausweiche. „Nee, schon okay, lass mal“, sagt Robert. Am Tresen stärken sich Katina und Fotios mit einer kleinen Mahlzeit. Weißwürste und süßer Senf. Griechischen Fundamentalismus kann man ihnen wirklich nicht vorwerfen.

„Weißte, wie du noch mehr Bier verkaufen kannst?“, raunt ein Gast am Tresen zum Zapfhahn rüber. „Hm?“ – „Mach einfach die Gläser richtig voll!“ Gelächter.

Wir lassen den Abend bei einem Bier und einem Plausch ausklingen. Mir tun weder Füße noch Rücken weh, ich habe mich bestens unterhalten und meine Zuneigung zu den Bonamesern und Harheimern weiter ausgebaut. Fazit: Ich bin für einen Job in der Gastronomie vollkommen ungeeignet. Das unterstreiche ich noch einmal mit meiner letzten Aktion: Während Katina die Spülmaschine ausräumt, kloppe ich mein halbvolles Bierglas quer über den Tresen in tausend Teile. Ich wollte doch nur helfen.

Ober: „Tut mir leid, dieser Tisch ist bereits reserviert.“
Gast: „Dann stellen Sie ihn halt weg und bringen mir einen anderen.“

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