Erfahrungsbericht

So geht ein Intensivpfleger mit Corona um

„Es fühlt sich genauso an wie im Frühjahr“, berichtet ein Intensivpfleger über die anspruchsvolle Betreuung der Corona-Patient:innen.

In den Straßenbahnen drängen sich die Leute dicht an dicht, und wenn man durchs Bahnhofsviertel läuft, ist alles wie immer. Shutdown und Social Distancing sind zwar aktuell, genauso aber auch die Leute, die sich nicht daran halten. Dieser Alltag ist für Beschäftigte in der Intensivpflege dagegen schon in Vergessenheit geraten. „Das macht mich sauer. Die wissen nicht, was ich sehe“, sagt Lukas B.* Er arbeitet in einem großen Frankfurter Klinikum auf der Intensivstation mit Covid-Patient:innen, möchte aber anonym von seiner Arbeitssituation während dieses zweiten Lockdowns berichten.

„Den Corona-Leugnern würde ich mal jemanden zeigen, der 20 Stunden auf dem Bauch gelegen hat.“ Bei den Bewusstlosen lagere sich dann so viel Wasser ab, dass sie die Augen nicht öffnen könnten, und am ganzen Körper Wunden zu sehen seien – ein nicht gerade appetitliches Bild.

„Es fühlt sich genauso an wie im Frühjahr“, beschreibt er den Stress auf der Station. Die Betreuung der Corona-Kranken nehme viel Zeit in Anspruch. Einige schwitzten sehr viel und müssten häufig das Betttuch gewechselt bekommen. Wenn die Erkrankten dann gedreht werden müssten, dauere das schon mal „statt drei Minuten eine halbe Stunde“. Jeder Schritt müsse zweimal geplant werden, denn die Patient:innen bekämen innerhalb von Sekunden keine Luft mehr.

Bei Kranken, die beatmet werden, heiße es, am Bett zu wachen und darauf zu achten, dass nicht zu viel Druck auf der Lunge laste. Ein paar Millibar zu viel könnten schon schlimme Folgen nach sich ziehen. Außerdem drohe Infektionsgefahr, wenn die Beatmungsgeräte nicht korrekt eingestellt sind. „Bei den Covids braucht man keinen zweiten Patienten, da ist man mit einem schon gut ausgelastet“, sagt Lukas.

Alle Pflegekräfte tragen zwei Paar Handschuhe

Trotzdem hätten im Frühjahr manche Pflegekräfte drei Patient:innen übernehmen müssen, wegen des Personalmangels. Jetzt, im Herbst, komme erschwerend hinzu, dass einige Kolleg:innen krank seien.

„Ein Horrorszenario wäre, wenn sich jemand von uns mit Corona ansteckt“, sagt Lukas. Ein solcher Fall sei ihm jedoch nicht bekannt. Alle Pflegekräfte tragen zwei Paar Handschuhe und eine Schutzbrille und sind mit Haube, spezieller Maske und blauen Schutzanzügen ausgestattet, die sie während des gesamten Arbeitstages tragen. „Nach acht Stunden ist man komplett benebelt.“

Insgesamt gehe ihm das Infektionsgeschehen sehr nahe. Es sei grässlich gewesen, die Körper in die Leichensäcke zu packen und zu desinfizieren. Und dabei zuzuschauen, wie Angehörige dem Vater über Videokonferenzen Lebewohl sagten und dieser dann allein stirbt. Für Trauerbewältigung sei keine Zeit. Aber die Station sei wie eine Familie, die Extremsituation schweiße zusammen und „mache das Ganze irgendwie möglich“.

Zum Abschalten müsse er sich zwingen, selbst im Sommerurlaub. „Wenn ich morgens aufwache und die Corona-Nachrichten sehe, muss ich direkt an meine Kollegen denken.“ Erholen könne man sich so nicht. Er werde dünnhäutiger, die Toleranzschwelle bei Fehlern sinke. Sie alle seien des Themas überdrüssig geworden, sagt Lukas. Aber letztlich halte man trotzdem zusammen und sage dem anderen: „Ist nicht persönlich gemeint, du bist genauso am Ende wie ich.“

Eigentlich mache ihm die Arbeit Spaß. Aber die Stresssituation und der Personalmangel seien omnipräsent. „Die Leute haben keinen Bock mehr“, erzählt Lukas von der Stimmung auf der Station, der „reine Solidargedanke reicht nicht mehr aus“. Einen Pflegebonus von 1500 Euro hatte die Bundesregierung für die Bediensteten vorhergesehen, von diesem Geld sei bei seinen Kollegen und ihm noch nichts angekommen, sagt er. „Ich habe Druckstellen am Körper, schufte acht Stunden und bekomme dafür nichts.“

* Name von der Redaktion geändert

ISABEL KNIPPEL

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