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Erst auf den zweiten Blick erkennt man: Das ist doch fake! Das Bauschild der Künstlerin Dorothea Nold.

Ferien Zu Hause

Ist das echt oder falsch oder Kunst?

  • vonSabrina Butz
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Die Skulpturen-Triennale Bingen behandelt in zwanzig Werken am Rheinufer zeitgenössische Themen.

Sobald man genauer hinschaut, merkt man, dass hier etwas nicht stimmt. „Ist es echt oder falsch oder Kunst?“ – so bringt Charlene Binkowksi das Motto der Skulpturen-Triennale Bingen „Echt und Falsch“ auf den Punkt. In einem Video präsentiert die junge Kunstvermittlerin das „Welterbe-Parkhaus“, eine große Werbetafel am Rheinufer, die über ein scheinbar geplantes gigantisches Parkhaus informiert, das für den Tourismus im UNESCO-Weltkulturerbe „Oberes Mittelrheintal“ mehr Parkplätze bieten soll.

Unter der angegebenen Telefonnummer kann man Plätze reservieren, eine ganze Etage kaufen oder gleich: „Anrufen, uns sagen, was Sie an Autos lieben und 3 Jahre gratis Parken gewinnen!“ Nicht nur an dieser Stelle wird man stutzig – da steht doch auch ein Pferd, die Autos sehen aus wie aus den 70ern, und ist das Parkhaus aus Stoff? Und als Bauträger ist die „Bundeszentrale für anachronistische Mobilitätswende“ angegeben . . .

Die surreale, fast absurde Skulptur der Berliner Künstlerin Dorothea Nold zeigt nicht nur die Besonderheit von Kunst im öffentlichen Raum, die man eben auf den ersten Blick auch mal übersehen kann, sondern verdeutlicht auch die nicht mehr zeitgemäß scheinende Fixierung auf das Auto – und deren ökologische, städtebauliche und ästhetische Konsequenzen.

Gönnen Sie sich doch eine Pause auf einer Parkbank - wenn Sie eine echte finden.

Das zugehörige Video der jungen Kunstvermittlerin Binkowski ist auf dem Instagram-Account der Triennale @skulpturenbingen zu sehen, es zeigt auch, wie das eigentlich so ausführlich geplante Kunstvermittlungsprogramm vorerst ganz schnell ins Digitale rutschen musste. Wegen der Corona-Pandemie wurde die Ausstellung vier Wochen später als geplant geöffnet, und erst ab Anfang Juni konnten öffentliche Führungen angeboten werden.

Organisiert werden die Angebote zur Kunstvermittlung der Skulpturen-Triennale von Stefanie Blumenbecker. Die Kunsthistorikerin sagt, die Kuratoren Lutz Driever und André Odier suchten für die Triennale immer eine Mischung von bereits etablierten und jüngeren, von weithin bekannten und regionalen Kunstschaffenden. Die Menschen sollten anders als im Museum „spontan mitgenommen werden“, so Blumenbecker.

Führungen

Die Skulpturen-Triennale, Startpunkt Museumsstraße 3 in Bingen , zum Thema „Echt und Falsch“ ist noch bis zum 4. Oktober zu besichtigen. Öffentliche Führungen werden für acht Euro jeden Sonntag am 15 Uhr angeboten, Anmeldung unter fuehrungen@skulpturen-bingen.de. Am 27. August um 18 Uhr findet ein Künstlergespräch mit Marcel Walldorf statt. Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere Informationen unter www.skulpturen-bingen.de.

Es gebe aber auch „schwierigere“ Skulpturen, die zum Denken anregten – und die vor allem zum Beginn der Triennale, bei der Landesgartenschau 2008, für die auch das Rheinufer saniert wurde, massivem Widerspruch ausgesetzt waren. Gerade zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum provoziere immer die Frage, ob „das denn Kunst sei“ – inzwischen sei die Triennale aber gut etabliert und angesehen, sagt Blumenbecker. Wie der Name verrät, werden alle drei Jahre verschiedene Skulpturen zu zeitgenössischen Themen ausgestellt, getragen von der „Gerda und Kuno Pieroth Stiftung“. Und das diesjährige Thema „Echt und Falsch“ greift durchaus wichtige aktuelle Fragen auf, von „Fake News“ und Verschwörungsmythen über vermeintliche Antagonismen wie Freiheit und Sicherheit bis zu Originalen, Fälschungen, Plagiaten oder dem Spiel mit der Erwartung. Zum Beispiel blickt beim Rundgang plötzlich die weltberühmte Büste der Nofretete majestätisch aus dem Fenster des Pegelhauses am Rhein heraus.

Das haargenaue Replikat des mehr als 3300 Jahre alten und auf mehr als 390 Millionen Dollar geschätzten Originals im Neuen Museum Berlin wirkt nur durch die geisterhaft schwebende Präsentation im Fenster unwirklich. Wie Blumenbecker sagt, stelle sich so nicht nur die Frage nach Original und Replikat oder Fälschung, nach der Legitimation und dem Wert von Kunst, sondern auch die Frage nach der kolonialen Geschichte. Warum steht die „Original“-Büste in Berlin und nicht in Ägypten, wem gehört sie und wer entscheidet das?

Der Spaziergang zwischen den Skulpturen geht weiter, insgesamt sind 20 künstlerische Positionen mit ganz unterschiedlichen Ansätzen am Binger „Kulturufer“ und in der Innenstadt zu sehen. Zum Beispiel auch die „Modified Social Benches“ von Jeppe Hein – drei weiße, surreal verfremdete Sitzbänke, auf denen das Sitzen unmöglich ist.

Unnatürlich echt? „Dalmadiener“ (2014) und „Sir Ocelot“ (2018) von Marcel Walldorf sind auf den zweiten Blick nicht nur aus Porzellan.

Durch die körperliche Auseinandersetzung mit ihnen, den Versuch, sich doch irgendwie niederzulassen, entstehe eine Performance, so Blumenbecker. Gleichzeitig erinnern die Skulpturen wohl auch daran, dass immer mehr öffentliche Bänke so gestaltet werden, dass Obdachlose nicht darauf übernachten können. Ähnlich funktioniert auch Charlie Steins „Safe Playground“, ein derart sicher gestalteter Spielplatz, dass auf den Geräten nicht gespielt werden kann. Wie Blumenbecker erklärt, mussten diese Skulpturen aber abgesperrt werden, da ihr Material massiv am Versuch der Nutzung leide.

Einige Ausstellungsstücke beziehen sich auch auf Marcel Duchamp, der mit seinen „Ready-Mades“ den Kunst- und Originalitätsbegriff hinterfragte, es finden sich allerdings auch klassischere Plastiken oder eine Auseinandersetzung mit dem Niederwalddenkmal am gegenüberliegenden Rheinufer. Wenn die „Germania“ einmal eine Pause von ihrer heroischen Pose auf dem Sockel braucht und ein Sonnenbad nimmt, zeigt sie sich vielleicht als comicartig tätowierte Sozialistin.

Die Skulpturen „Dalmadiener“ und „Sir Ocelot“ von Marcel Walldorf, in denen Präparate von einem Hund und einer Katze aus ihren kitschig anmutenden Porzellandarstellungen ausbrechen, können das Verhältnis von Mensch und (Haus-)Tier überdenken lassen.

Und die Ausstellung birgt weitere Überraschungen, wie „Lehm an meinem/ ihrem Finger – Bild von einem Lehmhaus“, wo die kurdische Künstlerin Havin Al-Sindy die Erinnerung an ihr Kindheitshaus im Irak nachbaute, als Frauen bestärkende Auseinandersetzung mit Heimat, Schutz, Flucht und Erinnerung.

Die linke „Kommunikationsguerilla“ des Peng-Kollektivs wirft der Auktionsplattform Ebay vor, ein Antifa-Kunstprojekt zu zensieren.

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