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An der Paulskirche legt OB Feldmann einen Kranz nieder.

Gedenken

„Situation ist besorgniserregend“

Vermehrter Antisemitismus zu Gedenktag anlässlich Reichspogromnacht angeprangert.

Man hat sie aus dem Haus gezerrt, die drei jüdischen Jungen, gegen ihren Willen, und verprügelt. Die Jungen liefen angstvoll davon, deutsche Arier hetzten hinterher, wie bei einer Jagd. Während sie durch die Straßen liefen, zertrümmerten sie die Schaufenster der jüdischen Läden, zerstörten die Fassaden jedes noch so kleinen Geschäfts. Manche Passanten riefen: „Die armen Juden!“. Sie wurden verhaftet.

Von dieser Erinnerung aus einer Schrift von 1993 erzählt Professor Leo Latasch vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde in seiner Rede an der Paulskirche. Vertreter der Stadtparlamentsfraktionen und der religiösen Gemeinden haben sich versammelt, halten eine Schweigeminute vor dem Denkmal der ermordeten Juden vor der Paulskirche.

Anlass ist der 82. Gedenktag der Reichspogromnacht. In Frankfurt wurden am 9. November 1938 vier große Synagogen zerstört, der Beginn davon, dass jüdisches Leben dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vor Beginn des Dritten Reichs zählte Frankfurt 28 000 Juden und Jüdinnen, danach galt Frankfurt als „judenfrei“, die Menschen waren geflohen oder von Nazis umgebracht worden.

Antisemitismus sei nie weg gewesen, sagt Latasch, er habe sich nur in Löcher zurückgezogen und käme jetzt wieder in der Mitte der Gesellschaft an. Er spricht von einer Verschlechterung der Situation für die Juden in Deutschland, eine beginnende Schamlosigkeit und antisemitische Anfeindungen über alle Parteien hinweg und bemängelt den Umgang damit. Leute, die diese Vorwürfe anprangern, würden als „überempfindlich“ bezeichnet.

„Der Fehler ist, dass Auschwitz als Messlatte für Judenhass zählt.“ Antisemitismus beginne nicht erst mit der Auslöschung jüdischen Lebens, sondern schon früher: Bei Beleidigungen im Netz, Holocaustverharmlosungen oder schlechten Witzen. Auch bei Medienvertretern, die judenfeindlichen Meinungen eine Plattform bieten. Aber auch deswegen, weil sich viele Deutsche immer noch als passive Opfer stilisieren würden. „Die Nazis waren keine Invasoren“, erklärt Latasch. Sie wurden von der Gesellschaft mitgetragen, teilten Menschen ein in Täter, Mitläufer und Opfer. Deswegen sei wichtig, Betroffene auch als solche wahrzunehmen und ihnen zuhören.

Er schildert seine Beobachtungen von Coronaleugner-Demos, auf denen sich Leute als „Anne Frank“ bezeichnen oder den Kampf gegen den Virologen Christian Drosten mit dem Kampf gegen die Nazis vergleichen. Die Schilder hochhalten, auf denen „Ich bin ein Covid-Jud“ steht. Dieses Verharmlosen der Shoa sei ein Angriff auf die Demokratie. Handeln seitens der Politik wäre längst nötig. Eine „bedrückende Normalität“ sei das, dass Synagogen von der Polizei bewacht werden müssten, meint Vorsitzender Salomon Korn bei der virtuellen Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde. Dass dieser Polizeischutz nötig ist, zeigen Fälle wie Halle, ein geplantes Massaker, dass nur durch eine schwere Holztür verhindert werden konnte. „Die Gesamtsituation ist besorgniserregend“, mahnt Korn an. Ihm falle es besonders schwer, sich nicht angesprochen zu fühlen bei antisemitischen Parolen. „Ich weiß nicht, woher wir täglich die Kraft dazu nehmen.“

Auch OB Feldmann betont, dass Frankfurt wie kaum eine andere Stadt durch jüdische Gemeinden geprägt ist. Das öffentliche Frankfurter Leben blühte durch jüdisches Engagement. Genau dort, im Kleinen auf der Arbeit, in den Schulen und Familien, hätte es damals angefangen mit unkommentierten Hassreden gegen Juden. Heute, sei es umso wichtiger, das „Nie wieder“ zu betonen und „alle Menschen zu schützen.“

„Wir wissen, dass wir wachsam sein müssen. Wir müssen im Kleinen anfangen, schon auf die schauen, die in der Schule diskriminiert werden“, bekräftigt Feldmann. Im „Aktionsplan gegen Rassismus“ legt die Stadt eine Reihe von Maßnahmen vor, um Zivilcourage in Schulen zu fördern oder Projekte der Anne-Frank-Stiftung zu unterstützen.

Von Isabel Knippel

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