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Singles in Frankfurt: „Ich habe mich nie einsam gefühlt“

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Von: Kathrin Rosendorff

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Madeleine Scholl, Roswitha Hill und Gundi Reimitz (v.l.n.r.) sind glückliche Singles.
Madeleine Scholl, Roswitha Hill und Gundi Reimitz (v.l.n.r.) sind glückliche Singles. © Renate Hoyer

Drei Frankfurterinnen berichten wie es ist, jahrzehntelang Single zu sein und ein erfülltes Leben zu haben.

Die coole Seniorinnen-WG aus der US-Kultserie „Golden Girls“ war nie ihr Vorbild, sagt Madeleine Scholl und lacht. Die 69-Jährige ist gebürtige Frankfurterin und Single. Seit zwölf Jahren wohnt sie im Haus der Senioren-Selbsthilfe (Sen-Se) für gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt-Niederursel. Sie war eine der Ersten, die hier eingezogen ist. Es ist keine Wohngemeinschaft, sondern alle 13 Parteien im Haus, zwei davon sind Männer, haben ihre eigene Wohnung. „Die Idee des gemeinschaftlichen Wohnens, sich so gegenseitig zu unterstützen, etwas gemeinsam zu unternehmen, fand ich eine tolle Sache“, sagt Scholl. „Aber im Laufe der Jahre haben sich meine Kontakte in der Hausgemeinschaft reduziert.“ Ein Grund sei, dass die Treffen zum Frühstück oder Kaffeetrinken sie nicht erfüllten, meistens seien Krankheiten das Gesprächsthema. „Ich kann mich damit nicht identifizieren.“

Ähnlich sehen es Gundi Reimitz (59), die vor zwei Jahren hier einzog, und Roswitha Hill (67), die im Vorstand des Vereins ist und zehn Jahre hier lebte. Mittlerweile hat sie aber mit ihrer Tochter eine WG in Nieder-Eschbach gegründet. Alle drei Frauen sind gerne aktiv. Scholl liebt es zu wandern. „Ich mache es gerne allein, aber auch mit Freundinnen oder Mitgliedern der Hausgemeinschaft.“

An diesem Tag sitzen die drei Frauen beim Interview im Gemeinschaftsraum des Hauses. Es gibt Kaffee, Mandarinen und Lebkuchen. Keine hat sich bewusst fürs Singlesein entschieden – und doch sieht es keine von ihnen als Last oder Makel an. Scholl ist seit Jahrzehnten geschieden und lebt seitdem alleine. 2002 hatte sie ihre letzte Partnerschaft. „Das hat sich aber schnell erledigt.“ Kinder habe sie nie gewollt.

Einsam habe sie sich aber als Single nie gefühlt, betont Scholl: „Tut mir leid“, sagt sie und lacht. „Natürlich hat man diesen Moment des Tiefpunktes, wo man denkt: ‚Ach, ich hätte doch gerne wieder einen Partner. Erst gestern hatte ich so ein Erlebnis. Da habe ich einen Mann gesehen und gedacht: ‚Ach, der ist pfiffig, der gefällt mir.‘“ Alle drei lachen. Scholl: „Ich bin offen, aber aus Verzweiflung würde ich keine Partnerschaft beginnen.“ Offen für eine Beziehung sind alle drei, aber gleichzeitig sind sie sich auch einig, dass sie nicht mehr mit einem Lebenspartner zusammenzuziehen wollen.

Gundi Reimitz sagt: „Jeder sollte seine eigene Wohnung haben, wir können uns gerne zu Unternehmungen treffen. Ich möchte aber nicht noch mal Zugeständnisse machen, dass ich wieder für jemanden putzen muss. Wenn ich mit jemandem zusammenwohne, falle ich schnell wieder in diese Rolle.“ Und sie betont auch: „Es gibt leider wenige Männer, die ich interessant finde, und wenn da wirklich einer ist, dann sind das Verheiratete. Von denen lasse ich die Finger.“

Die 59-Jährige wurde in Österreich geboren. In ihrer Kindheit zieht die Familie nach Deutschland. In Heidelberg studiert sie als junge Frau Biologie. Dort lernt sie ihren späteren Mann kennen. Mit den beiden Töchtern ziehen sie 2001 nach Athen, wo sie an der Deutschen Schule arbeitet. „Unsere Ehe ging in Griechenland auseinander.“ 2014 kommt sie allein wieder nach Deutschland. „Ich wollte in Griechenland bleiben, aber ich hatte schwere gesundheitliche Einbrüche und musste deswegen hierher zurück.“ In acht Jahren zieht sie sechsmal um. Zuletzt lebte sie in einer Frauen-WG in Lahnau bei Wetzlar. „Das war von der Altersstruktur schön gemischt, die Frauen waren zwischen 25 und 57. Da war ich die Älteste. Aber leider hat sich die WG aus verschiedenen Gründen aufgelöst.“

Dann zieht sie nach Frankfurt. Wie fühlt sie sich hier? Lange Pause. Sie mag ihre Wohnung. Doch sie betont: „Ich bin mit 59 das Küken hier im Haus. Ich fühle mich aber nicht als Seniorin. Es ist nicht eine Hausgemeinschaft, die gemeinsam im Garten arbeitet oder ins Kino geht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mehrgenerationenprojekte viel lebendiger sind. Die Lebensenergie, die spüre ich hier nicht so.“ Die anderen beiden Frauen nicken. Zu ihren Töchtern hat Reimitz eine sehr gute Beziehung, aber beide leben nicht in Frankfurt.

Einsam sei sie nicht. Mit ihrem E-Bike liebt sie es, alleine Touren bis in den Taunus zu machen. „Ich bin von meiner Art ein Einzelgänger, denn als Kind war ich viel allein. Damals fühlte ich mich einsam, aber es war auch eine wertvolle Erfahrung. Ich bin schon da alleine draußen in der Natur rumgesprungen.“

So habe sie gelernt, gut alleine zu sein. „Ich bin bis heute jemand, der zwar Gemeinschaft sehr gerne mag, aber ich bin auch gerne viel alleine unterwegs und fühle mich nicht einsam. Ich fühle mich eher einsam, wenn ich mit Leuten zusammen bin, mit denen ich keine gemeinsamen Berührungspunkte habe, da fühle ich mich total leer. Wenn ich aber alleine raus in die Natur gehe, bin ich selig.“

In ihrer Ehe habe sie sich einsamer gefühlt als jetzt als Single. „Weil wir so unterschiedlich waren, dass jeder seinen eigenen Lebensbereich hatte, als die Kinder älter wurden.“ Reimitz betont: „Ich glaube, dass viele Leute in Deutschland einsam sind. Das geht durch alle Altersstrukturen, weil viele Leute nicht gelernt haben, mit sich alleine sein zu können.“ Seit Jahren hat sie keinen Fernseher, kein Radio. „Ich brauche dieses Gedudel von außen nicht. Aber ich weiß, dass viele Menschen Stille nicht ertragen können. Ich liebe die Stille.“

Ist ihr Leben auch ohne Partner erfüllt? „Auf jeden Fall. Ich bin aber noch auf der Suche nach meiner Lebensvision. Ich möchte noch irgendwas machen außer was ich hier so tue. Ich bin hier im Haus die Gärtnerin.“

Und dann ist da noch Roswitha Hill. Sie lebt seit zwei Jahren mit ihrer 41-jährigen Tochter plus Hund als WG in Nieder-Eschbach. „Unser Vorbild war mein Ex-Mann, der mit unserer 43-jährigen Tochter schon vor 15 Jahren in Bayern eine Vater-Tochter-WG gegründet hat.“ Überhaupt seien sie eine Patchworkfamilie. Die zwei Kinder der 41-jährigen Tochter leben beim Vater. Weihnachten feiern alle zusammen in Frankfurt. Hill sagt, sie liebe diesen wild durchgemischten Familienclan.

Wie aber ist es, wieder mit der erwachsenen Tochter zusammenzuwohnen? „Es ist ein wunderbares Gefühl. Da wir beide sowohl beruflich, sportlich als auch privat sehr engagiert sind, gibt es genügend Abstand, Freiraum als auch Rückzugsmöglichkeit für beide“, sagt Hill. Seit 1987 lebt sie in Frankfurt, seit 1990 ist sie geschieden. Sie findet, dass Frankfurt keine anonyme Stadt sei.. „Ich habe immer über Sportvereine leicht Menschen kennengelernt.“ Bis zur Rente vor zwei Jahren hat Hill in der Verwaltung in der Kirche gearbeitet. Wie gut kommt sie allein zurecht? „Ich bin so ein Mischmensch: Ich brauche Menschen um mich herum, gehe mit der Clique raus, bin ein Vereinsmensch. Ich kann mich aber auch zurückziehen.“

Ist sie denn glücklich? „Zu 80 Prozent ja. Ich bin es selbst, die mich glücklich machen kann: Ich muss rausgehen, ich muss schauen, was ich machen will, mit wem ich Kontakt haben will.“ Bereut sie etwas in ihrem Leben? „Seitdem ich geschieden bin, würde ich alles wieder genauso machen. Wir hatten eine gute Ehe, Familie, alles wunderbar. Aber jetzt genieße ich meine Freiheit. Es ist mein Leben. Ich fühle mich wohlig.“

Müssen junge Singles Angst haben, einsam zu enden? Nein, sagen alle drei. Reimitz fasst es so zusammen: „Viele Menschen, die sich einsam fühlen, rennen vor sich selber davon und suchen das Glück in Äußerlichkeiten oder einem Partner. Man sollte in sich gehen, sich selbst in seiner Mitte erfahren. Dann ist man offen für die vielen kleinen Glücksmomente, die sich täglich ereignen. Dann fühlt man sich nicht einsam und verlassen.“

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