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Der Frankfurter Beschwerdechor probt in der Eckenheimer Landstraße.

Frankfurter Beschwerdechor

Singen gegen den Frust

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Am 27. September 2009 trat der Beschwerdechor erstmals auf: auf der Wahlparty zur Bundestagswahl des Kunstvereins. Über Themen und Texte der Lieder wird immer diskutiert.

Wenn man Zeilen wie „Zwanzig Jahre läuft er schon: Klimagipfemarathon“ oder „Hühnerflügel auf nach Afrika, sie sind billig, ruiniern die Züchter da“ hört, dann ist schnell klar, dass es sich nicht um den Auftritt eines normalen Chors handelt. Vielmehr wohnt man dann gerade einem Auftritt oder einer Probe des Frankfurter Beschwerdechors bei. Dieser Chor trägt nämlich nicht einfach brav mit ein wenig Moderation ein geistliches oder weltliches Programm vor, sondern er lässt mit viel Einsatz gesanglich und performativ dem Unmut über Missstände freien Lauf – alles mit einer gewissen Prise Humor und Spaß.

Jetzt im Sommer feiert der Frankfurter Beschwerdechor Jubiläum. Denn schon zehn Jahre ist es her, dass der Frankfurter Kunstverein zur Gründung eines Beschwerdechors aufgerufen hatte. Schnell fanden sich knapp 20 Sängerinnen und Sänger und ein Chorleiter. Und so kam es, dass der Chor am 27. September 2009 auf der Wahlparty zur Bundestagswahl des Kunstvereins das erste Mal auftrat.

Mit vollem Einsatz dabei: Chorleiter Philipp Höhler.

Der Ideengeber für einen solchen Chor war das deutsch-finnische Künstlerpaar Kochta-Kalleinen, das 2005 den ersten Beschwerdechor in Birmingham gegründet hatte. Was in Frankfurt vor zehn Jahren als Projektchor angelegt wurde, verselbstständigte sich alsbald und heute ist der Chor eine feste Größe in der Frankfurter Chorszene.

Aber was ist eigentlich ein Beschwerdechor? „Irgendwie sind wir politische Aktivisten. Aber eigentlich machen wir nur unserem Ärger über die Dinge, die uns stören, Luft“, erläutert Chorleiter Philipp Höhler vor der Probe. Es ist halb sieben an einem Mittwoch, eine halbe Stunde vor Probenbeginn. Er sitzt noch mit anderen Chormitgliedern beim Asiaten an der Eckenheimer Landstraße.

Die Feier Das Jubiläumwird am 31. August ab 15 Uhr im Hinterhaus des Tagestreffs Basis in der Lehnaustraße 38 mit einem kleinen Konzert, Buffet, einer offenen Probe und anschließendem Plaudern gefeiert.

Wer mitsingenmöchte, kann jeden Mittwoch zur Probe des Chores gehen. Diese findet immer von 19 Uhr bis 21.30 Uhr (mit Pause) im AWO-Nordendzentrum an der Eckenheimer Landstraße 93 statt.

Mehr Informationengibt es unter: frankfurter-beschwerdechor.de.

Jeden Mittwoch treffen sich die Sängerinnen und Sänger – vom Postbeamten bis zur Ärztin ist alles vertreten - im AWO-Nordendzentrum, um zu proben. Heute wird unter anderem das Ankerzentrenlied geprobt: „Ankerzentren … ist das nicht ein schönes Wort für Knast“, heißt es da.

Die Themen der Lieder sind unterschiedlich: „Von Waffenhandel, über schlechte Bedingungen am Arbeitsplatz bis hin zu Hundekot auf den Straßen“, sagt ein Chormitglied. „Wir haben eigentlich keine Limits, außer natürlich die Grenzen des guten Geschmacks“, erzählt Höhler, der den Chor vor acht Jahren von dem mittlerweile verstorbenen, ehemaligen Chorleiter Hans-Joachim Steinbrück übernommen hat.

„Bei uns funktioniert alles basisdemokratisch“, sagt Höhler und lacht. Die Mitglieder des Chors schlügen nahezu alle Themen, die in den Liedern behandelt werden sollten, selbst vor, nur selten gebe es Auftragsarbeiten. Und wenn ihnen etwas Ärgerliches auffalle, dichteten Chormitglieder dazu einen Text. Über die Themen und Texte werde immer wieder diskutiert. „Das ist manchmal langwierig, aber bist jetzt hat sich immer noch ein Konsens gefunden.“ Und wenn man dann doch mal in einer langen Debatte in der Pause fest hinge, gebe es immer jemanden, der sage: „Kommt Leute, lasst uns doch mal weitersingen.“

Auch für andere Probleme könne man immer eine Lösung finden. „Es herrscht ein großes Zutrauen und auch Vertrauen bei uns. Wir sind einfach eine Gemeinschaft“, sagt Roswitha Schmidt in der Pause, in der geplaudert, gegessen und getrunken wird. Aber nicht nur textlich, sondern auch musikalisch sollen die Stücke Spaß machen und zum Mitsingen anregen. Daher singen der Chor meist abgewandelte Versionen von bekannten Liedern. Auf den Refrain von „Help“ von den Beatles erklingt dann beispielsweise: „Frankfurt meine Heimat, ach wie schee, doch auch hässlich, weil ich manches net gern seh. Neben Bankern seh ich Bettler stehn … Aber was kann ich tun?“

Hier und da ist immer wieder ein schiefer Ton dabei, aber das stört den Chorleiter nicht „Mir geht es vielmehr um den Einsatz und die Begeisterung.“ Alle Stücke werden mit Tanzeinlagen, dem Hochhalten von Zeichnungen oder schauspielerischem Eifer untermalt. „Manches singen wir a capella, aber das meiste unterstützt unsere Pianistin Helga Streb am Klavier“, berichtet Höhler.

Seit seiner Gründung vor zehn Jahren hat der Chor schon einige Auftritte absolviert – an den verschiedensten Orten, zu den verschiedensten Anlässen: Sei es ein Chorflashmob gegen TTIP, bei der Rödelheimer Musiknacht oder bei der Eröffnung des Jungen Museums. „Wir sind einfach in allen Bereichen unglaublich flexibel“, sagt Höhler.

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