Sindbad, der weiße Kater, an der U-Bahnhaltestelle Niederursel. Warum er immer wieder hierher kommt ? niemand weiß es.
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Sindbad, der weiße Kater, an der U-Bahnhaltestelle Niederursel. Warum er immer wieder hierher kommt ? niemand weiß es.

Frankfurt-Niederursel

Sindbad, der Bahnkater

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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An der U3-Haltestelle Niederursel unterhält der weiße Vorstadttiger Sindbad seit Jahren die Pendler. Einmal wurde er entführt - das war nur eines seiner Abenteuer.

Manche glauben, Sindbad warte da auf jemanden. Vielleicht auf seinen Mitbewohner, der mit der U-Bahn zur Arbeit gefahren sein könnte. Andere witzeln, das sei der Fahrer, der den Kollegen im nächsten Zug der Linie U3 ablösen wolle. Wieder andere halten Sindbad für einen Geist. Aber: alles Unsinn.

Sindbad ist ein weißer Kater, aber bekannt wie ein bunter Hund. Er hat sogar eine eigene Facebook-Seite, von unbekannten Verehrern angelegt. So gut wie jeden Tag taucht er an der U-Bahnstation Niederursel auf, unterhält sich ein wenig mit den Wartenden, sitzt oder liegt auf einer der Wartebänke, lässt sich auch gern mal kraulen. Tausende aus dem Frankfurter Norden müssen ihn schon durchs Bahnfenster gesehen haben. Man kann behaupten: Sindbad ist der Nahverkehrskater von Niederursel. Der Stationsvorsteher sozusagen.

„Vom Charakter her, klar, ist er der Seefahrer“, sagt Berchta Spohr. Sie und ihre Familie haben ihn als jungen Kerl bei sich im Haus aufgenommen. „Er ist immer unterwegs.“ Bis ans Ende der Welt. Daher der Name Sindbad.

Es gibt ja diese Geschichte aus Japan von Hachiko, dem Hund, der elf Jahre lang jeden Tag zum Bahnhof ging, um sein Herrchen abzuholen, den Universitätsprofessor Hidesaburo Ueno. Unglücklicherweise starb der Mann schon nach einem Jahr; Hachiko lief also fast zehn Jahre vergeblich zum gewohnten Treffpunkt und gab die Hoffnung nicht auf, bis er selbst 1935 starb. „Eine romantische Vorstellung“, sagt Berchta Spohr zu der Idee, auch Sindbad könnte unverdrossen am Bahnhof auf einen geliebten Menschen warten, Tag für Tag.

Aber gar nicht mal vollkommen abwegig, wenn man seine Geschichte kennt. „Als die Kinder drei, vier Jahre alt waren, haben wir uns vorgenommen, eine Katze aus dem Tierheim aufzunehmen – und dazu ein Babykätzchen aus der Nachbarschaft“, erzählt die Niederurselerin. So kam es auch. Im Fechenheimer Tierheim hätten sich der etwa ein Jahr alte Kater und der Familienvater Oliver Scherdel „sofort ineinander verliebt“. Sindbad sei von ganz allein ins Körbchen gestiegen. „Es war allen auf Anhieb klar, dass er zu uns gehört.“

Ins Tierheim war der Kater als Fundkatze gekommen. Als sich schon bald zeigte, dass ihn die U-Bahnstation magisch anzieht, schloss die Familie daraus, dass er offenbar irgendwo in der Nähe einer Haltestelle aufgewachsen sein musste: „Das ist so eine starke Fixierung.“ Also womöglich in der Tat eine Vergangenheit mit einem Bahn fahrenden Menschen? Wenn ja – dann endete diese Bindung wie bei dem Hund Hachiko nach einem Jahr.

Eins muss man allerdings sagen: An Verabredungen hält sich Sindbad nicht. Seit Wochen stand der Termin mit der Frankfurter Rundschau. Wer fehlt? Eben. Aber der FR-Fotograf hat da einen Verdacht und geht mal Richtung U-Bahn, während Berchta Spohr im wunderbaren Innenhof im alten Niederurseler Ortskern von Sindbads Abenteuern berichtet.

Es ist nämlich nicht so, als ginge der feine Herr verlässlich seiner Tagesbeschäftigung nach und kehrte pünktlich zurück. Es ist auch nicht so, als hätte er vor irgendetwas Respekt oder gar Furcht. Sindbad legt sich mitten auf die – zum Glück nicht allzu stark befahrene – Straße und lässt sich von den Autofahrern wegtragen, die eigens anhalten und aussteigen müssen. Sindbad hat auch keine Angst vor Hunden. Ganz offenherzig geht er auf sie zu, was die Hunde häufig verunsichert. Mancher Hund fahre in solchen Situationen völlig aus der Haut, sagen Sindbads Leute, was wiederum die Hundebesitzer zumindest ebenso verunsichere, wenn nicht gar aufrege.

Weil der weiße Vorstadttiger keine Angst und auch keinen Selbstschutzinstinkt hat, passieren ihm böse Dinge, und spätestens hier hört die Geschichte auf, niedlich zu sein. Viel zu oft ließ er sich von Schulkindern mit in die U-Bahn nehmen und fand sich dann an einer der beiden Endstationen wieder. Auf dem Sachsenhäuser Markt am Südbahnhof bekam er vom wohlmeinenden Händler Wurst zu fressen.

An der Hohemark in Oberursel stand er am Waldrand und wusste gar nicht mehr, wo er war. „Leute riefen an und sagten, sie hätten unsere Katze gefunden“, sagt Berchta Spohr. Sindbad hat immer ein Halsband mit der Telefonnummer an. Ersatzhalsbänder liegen im Haus, denn es gibt Leute, die machen einer fremden Katze das Band ab und nehmen es mit. Kaum zu glauben, aber wahr. So wie die nun folgende Story.

Als Sindbad wieder einmal tagelang nicht nach Hause kam, ging die ganze Familie auf die Suche. Aber es endete nicht wie meist damit, dass der Sohn den Kater mit dem Fahrrad nach Hause brachte oder jemand anrief und den aktuellen Aufenthaltsort meldete. Zwei Wochen lang fehlte jede Spur. Erst als fast jeder Laternenmast mit der Suchanzeige tapeziert war, in der auch zur Sprache kam, dass Sindbad polizeilich registriert ist, bekam wohl jemand kalte Füße.

„Es stellte sich heraus, dass eine Familie Sindbad für ihre Kinder geklaut und in die Wohnung gesperrt hatte“, sagt Spohr und schüttelt den Kopf. Eine Katastrophe für den Kater, den nichts in vier Wänden hält. Einmal, als die Niederurseler das Hoftor verbarrikadierten, müde vom ständigen Suchen nach dem weißen Vagabunden, sprang er aus einem Fenster, fast fünf Meter tief. „Es geht nicht, er braucht seine Freiheit. Das haben unsere Kinder von Anfang an gelernt: Ein Tier hat einen eigenen Willen, das soll man nicht einsperren.“

Das Ende der Entführung kam also nach der Zettelaktion mit dem Hinweis auf die Polizei. Und obwohl offensichtlich war, dass die fremde Familie das Tier einfach an sich genommen hatte, erhielt deren Sohn einen Finderlohn, als er Sindbad zurückbrachte: „Damit gehst du ins Tierheim und holst dir eine eigene Katze.“

Ein Rotschwänzchen landet auf dem Sims gegenüber und schimpft zu den Menschen hinab. Schwalben kreuzen unermüdlich durch den Garten. Auf einem Hocker sitzt Silia, die damals als Katzenbaby zur Familie kam, und scheint dem Gespräch zuzuhören. Sie ist das Gegenteil von Sindbad, total häuslich, schüchtern, Fremden gegenüber zurückhaltend. „Wie ein Haushund“, sagt Berchta Spohr. „Die haben wir aber auch so erzogen. Wir wollten nicht noch eine zweite Katze, für die man dauernd durch die Weltgeschichte fahren muss. Ich weiß nicht, wie viele Tausend Plakate wir schon für ihn geklebt haben.“

Über allem steht unmissverständlich: „Wir lieben Sindbad sehr. Er ist unser Familienmitglied. Sonst würden wir das alles auch gar nicht aushalten.“ Wenn er wieder nicht heimkommt, oder noch schlimmer, wenn er sich eine Bisswunde eingehandelt hat vor lauter Unbefangenheit. Wenn sich daraus eine Fettgewebsnekrose entwickelt, wenn er zweimal operiert und drei Monate gepflegt werden muss. Wenn man schon fast nicht mehr daran geglaubt hat, dass die kleine Kämpfernatur das überleben kann – und wenn er am Ende doch wieder munter unterwegs ist und den Fahrgästen an der U-Bahn um die Beine streicht.

Ein einfühlsamer Tierarzt hat eine sanfte Medizin gefunden, die Sindbad wenigstens ein bisschen ruhiger macht. Er geht jetzt nur noch mit Fremden mit, wenn er intensiv gelockt wird. „Ich kann ihn nicht schützen“, sagt Berchta Spohr. Aber sie hat festgestellt: Je mehr Leute Sindbad kennen, desto besser ist er geschützt. Deshalb akzeptiert die Familie, dass jemand eine Facebook-Seite für ihn betreibt, obwohl sie eigentlich keine Publicity wünscht (und deshalb auch nicht selbst mit Foto in der Zeitung erscheinen möchte). Fernsehanfragen von Boulevardmagazinen hat sie aber abgelehnt. „Ohne Niveau ist nicht unser Ding.“

„Geklaut zu werden, ist wahnsinniger Stress“

Die Facebook-Seitehat noch etwas anderes bewirkt. Ein Veterinär betrachtete die Fotos und stellte fest: Sindbad zeigt Anzeichen einer Form von Hautkrebs, wie ihn weiße Katzen häufig bekommen. Je nach Verlauf hat er wohl noch zwei oder drei Jahre, hoffentlich schöne Jahre, sagt Berchta Spohr. „Geklaut zu werden ist immer ein wahnsinniger Stress für ihn. Er braucht dann lang, um sich davon zu erholen.“

Eine gewisse Unruhe ist ihr auch jetzt wieder anzumerken. Aber kurz darauf schickt der FR-Fotograf eine Nachricht vom U-Bahnhof: „Er ist hier bei mir, es geht ihm gut.“

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