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Ein Frankfurter Institution macht dicht.

Frankfurt-Sachsenhausen

Licht aus im Dreikönigskeller

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Damals, in den 90ern, galt der Dreikönigskeller als letzter verbliebener Frankfurter Club mit Mut zu Experimenten. Nun schließt der kleine Club in Sachsenhausen nach 28 Jahren. Der Abschied zu Silvester wird noch mal eine große Party.

In 7 Stunden und 46 Minuten öffnet der Dreikönigskeller! Heute, Dienstag, bedient Nicole!“ So enthusiastisch pflegte man einst, in den Kindertagen des Internets, das feiernde Volk nach Sachsenhausen in die Färberstraße zu locken. Auf der Website der Kellerkneipe zählte eine Laufschrift die Minuten herunter, bis die Tür aufging. Das war 1997. Heute ticken auf dem Zähler die wenigen Stunden und Minuten herunter, bis die Tür zugeht. An Silvester ist Schluss, der Dreikönigskeller macht dicht – das Publikum trauert.

Damals, in den 90ern, galt der Dreikönigskeller als letzter verbliebener Frankfurter Club mit Mut zu Experimenten. Da war er Stammgast in den Ausgehtipps des kultigen FR-Grafikers Walter E. Baumann. „Ein kleines, intimes Kellerlokal mit Disc-Jockeys wie z. B. Klaus Walter und Livemusik: unbedingt sehr zu empfehlen (ich geh da gern hin)!“, lobte er einmal.

Aber da wussten die Nachtschwärmer natürlich längst Bescheid. Schon in den 80er Jahren war der Dreikönigskeller, gern DKK genannt, ein Muss für Musikfreunde. Es gab Abende, da konnte man verträumt am Tisch sitzen und einen Snack zu sich nehmen, den gelobten Apfelwein trinken und plaudern. Der Laden hatte in den frühen Jahren täglich geöffnet, mal mit Livemusik, mal ohne. Aber in seinem Element war er immer dann, wenn es laut wurde und eng, wenn es sich schon auf der Treppe staute. Manchmal traf man einen alten Freund, der am anderen Ende stand, vor der kleinen Bühne, und nach eineinhalb Stunden hatte man sich so weit vorgearbeitet, dass man ihm um den Hals fallen konnte.

Erstaunlich große Künstler und Bands wie Calexico, Fink, Erdmöbel, Julia Hummer, Nikki Sudden oder der Schriftsteller Franz Dobler gastierten im erstaunlich kleinen Keller, manche wurden erst danach groß, während der Keller klein blieb. Einen regelrechten Aufstand des Publikums gab es 2001, als die montägliche Jamsession abgeschafft werden sollte.

Wer das Glück hatte, auf der kleinen Bühne auftreten zu dürfen – und das Glück hatten durchaus viele Musiker aus Frankfurt, aus der Umgebung, auch aus dem nahen und fernen Ausland, denn wie gesagt: Der Dreikönigskeller war offen für Ungewöhnliches, er zahlte nicht viel Gage, aber er ließ junge Bands wenigstens spielen – wer also dieses Glück hatte, der musste aufpassen, sich bei gewagten Showeinlagen nicht den Kopf am niedrigen Gewölbe anzukloppen. Und man traf auf ein wohlgesonnenes Publikum. Für Musiker war der Dreikönigskeller ein Segen. Etwas, das es so nicht mehr geben wird, wenn in der Neujahrsnacht die Lichter ausgehen.

Die Trauer ist groß

Warum? Die Betreiber haben aufgehört, darüber zu reden. Sie lehnen es ab, gemeinsam zurückzublicken auf all die Zeit, sie wollen keine Auskunft mehr geben. „Warum? Weil am 31.12. der letzte Abend ist und uns irgendwelche gut gemeinte Nostalgie auch nicht mehr weiterbringt“, schreibt das Team in einer E-Mail an die FR: „Der beste Laden der Welt in Frankfurt schließt. Zu spät.“

Die Nachricht ist seit Herbst in der Welt. Im Oktober stand auf der Facebook-Seite des Clubs: „Machen wir es kurz und schmerzhaft: Der Dreikönigskeller schließt zum 1.1.2016. Das Haus, in dem sich 28 Jahre lang unser einzigartiger Liveclub/Tanzboden/Slow-Drink-Etablissement/Wohnzimmer/Irrenhaus (je nachdem, wen man fragt) befand, wird zum Ende des Jahres verkauft. (…) Wir bedanken uns aber jetzt schon mal bei allen unseren Gästen und den unzähligen Bands, die den Laden zu dem gemacht haben, was er ist. Besucht uns doch mal, solange es noch geht. Wir seh’n uns am Tresen – der Letzte trinkt das Licht aus!“

Einige Tage zuvor hatte eine Lokalzeitung geschrieben, der Laden falle dem „Partyhopping“ zum Opfer, er laufe schon eine Weile nicht mehr gut. Das Blatt zitierte DKK-Gründer Alexander Bardorff: Die Besucher seien zu Rosinenpickern geworden, die kurz nach dem Konzert wieder verschwunden seien. „So ein Keller kann nur von der Kneipe leben, denn den Eintritt erhalten die Bands.“ Das las sich auf der Facebook-Seite wenig später allerdings ganz anders: „Der DKK macht nicht zu, weil er schlecht läuft“, stellten die Inhaber klar. „Tut er nämlich überhaupt nicht. Und ein neuer Betreiber musste auch nicht gesucht werden. Der DKK macht zu, weil der Besitzer das Haus verkauft hat. Punkt.“

Die Trauer ist groß. „Ein kulturelles authentisches Highlight. War ne schöne Zeit“, schreibt David Hartmann im Internet. Und Thomas Sauerlaender: „Sehr schade, der Dreikönigskeller war wirklich was ganz Besonderes!“

Der Abschied zu Silvester wird noch mal eine große Party. „Kiss Tomorrow Goodbye“ ist das Motto, los geht’s um 21 Uhr. Programm: Musik auflegen und trinken.

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