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Auf den Grabsteinen stehen hebräische Inschriften.

Sightseeing in Frankfurt

„Stadtführer müssen Nischen bedienen“

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Der Tourismus in Frankfurt boomt – und damit auch die Zahl derer, die Sightseeing-Touren anbieten. Im Interview verrät ein Stadtführer, warum er den Alten Jüdischen Friedhof in seinem Reportoire hat.

Zum neunten Mal in Folge ist die Zahl der Touristen im vergangen Jahr gestiegen – und so auch die Zahl der Übernachtungen, die erstmals die Zehn-Millionen-Marke überschritt. Auch das laufende Jahr entwickelt sich nach Angaben von „Tourismus Frankfurt“ positiv, was sich auch an der Nachfrage nach geführten Stadtrundgängen ablesen lässt. Rund 80 freiberufliche Gästeführer sind für Tourismus + Congress, die Vermarktungsgesellschaft der Stadt Frankfurt, unterwegs. Daneben gibt es unzählige freiberufliche Stadtführer, die ihre Nischen finden müssen, sagt Guide Sascha Stefan Ruehlow im Interview mit der FR.

Herr Ruehlow, Sie schreiben auf Ihrer Homepage, Ihrer Motivation, Stadtführungen in Frankfurt zu machen, ging voraus, dass Sie sich für Anekdoten über die Stadt begeistert haben. Teilen Sie eine mit uns?
Dazu muss man vielleicht wissen, dass ich ja eigentlich aus Offenbach komme. Und da fand ich schon als kleiner Junge die „Krieh die Kränk, Offebach“-Skulptur immer lustig, bei der ja ein Frankfurter dargestellt ist, der mit seiner Kutsche in Offenbach liegenbleibt. Hinter ihm jagen Hunde her, deshalb bückt er sich nach einem Stein, um sie zu verjagen. Aber der Stein ist festgefroren, woraufhin der schreit: „Krieh die Kränk, Offebach! Die Staa binne se aa, die Hunde lasse se laafe.“ Und dann habe ich schon als Jugendlicher Stadtführungen gemacht, und seit knapp zehn Jahren jetzt auch hauptberuflich in Frankfurt.

Sie sind damit eingestiegen in einen riesigen Markt. Boomt der Tourismus genug, dass Sie sich als Stadtführer keine Sorgen machen müssen?
Ich glaube, dass es zwei verschiedene Formen von Tourismus gibt: Der aus der Ferne und der aus der Nähe von Leuten, die in der Umgebung wohnen und für die Stadtführungen Erholung, Entspannung und vor allem Bildung bedeuten. Deshalb muss man als Stadtführer bestimmte Nischen bedienen, um besonders den Leuten vor Ort ein gewisses Niveau an Bildung vermitteln zu können. Denn die Nachfrage danach steigt stetig und zumindest meine Auftragsbücher sind immer voll.

Der sechseckige Davidstern ist das bekannteste jüdische Zeichen.


Welches sind denn die Nischenthemen, die Sie besetzen?
Für die jüdische Kultur in Frankfurt gibt es nicht so wahnsinnig viele Stadtführer, deshalb habe ich die jüdischen Friedhöfe im Repertoire. Bunker und Nationalsozialismus in Frankfurt sind meine Themen, weil das von den städtischen Führungen nicht bedient wird. Ich bin aber auch schon seit vielen Jahren mit Grusel-Führungen unterwegs, ich habe beispielsweise medizinhistorische Führungen im Repertoire oder verschiedene Stadtteile wie das Bahnhofsviertel oder das Gallus im Angebot. Und klar, die neue Altstadt geht immer!

Die Orte und Einrichtungen, die Sie ansteuern, bieten ja zum Teil auch eigene Führungen an. Wie ist da die Konkurrenz untereinander?
Ich sehe das überhaupt nicht als Konkurrenz. Im Gegenteil, es ist doch nur von Vorteil, wenn sich viele Menschen mit einem bestimmten Ort auskennen. Jeder hat seinen eigenen Zugang und so ist es eher eine positive Ergänzung, wie bei einem Puzzlestück. Und wir lernen ja auch voneinander.

Sascha Stefan Ruehlow arbeitet als freiberuflicher Stadtführer in Frankfurt.

Die „Nische Friedhöfe“, die Sie unter anderem besetzen, ist nun nicht unbedingt eine, auf die man als Erstes käme.
Das stimmt. Aber durch mein Studium habe ich mich mit den Beerdigungsritualen verschiedenster Völker beschäftigt und fand es immer merkwürdig, dass Tod und Sterben in Deutschland besonders tabuisiert werden. Gleichzeitig habe ich Friedhöfe immer als Orte wahrgenommen, wo eben auch lebendige Menschen hinkommen – mit ganz existentiellen Fragen: Ich bin noch sehr lebendig! Aber wer bin ich und was möchte ich in meinem Leben noch erreichen? Das macht Friedhöfe zu Orten, an denen die Menschen zu sich selbst kommen, abschalten können, ja sich sogar körperlich betätigen können durch die Grabpflege oder dem Spazierengehen. Und da bin ich zu dem Schluss gekommen: So wie du deine toten Mitmenschen behandelst, so behandelst du sie auch im Leben. Das möchte ich an Interessierte weitergeben.

Gab es denn auch Situationen bei Ihren Friedhofsrührungen, in denen der ein oder andere Teilnehmer die Würde des Ortes verletzt hat?
Ich führe in der Woche so in etwa 700 Leute und ich muss ehrlich sagen, dass mir kaum jemand im Gedächtnis bleibt, außer vielleicht, dass er sich so richtig danebenbenimmt. Klar lehnt sich mal jemand mal an einen Grabstein an oder spukt mal auf den Boden, aber ich glaube, das hat eher allgemein mit schlechter Erziehung oder dem Mangel an Selbstreflexion zu tun.

Sie werden die FR-Leser auf den Alten Jüdischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße führen. Worauf dürfen sich die Gewinner freuen?
Es ist eine Art Zeitkapsel, weil der Friedhof im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört wurde. Und die Kombination aus ganz alten Grabsteinen, verschiedenen jüdischen Symbolen und der Natur ist einzigartig. Außerdem liegen dort berühmte und interessante jüdische Persönlichkeiten begraben – darunter auch ein Nobelpreisträger – die man dort vielleicht gar nicht vermuten würde.

Interview: Simon Berninger

Zur Person

Sascha Stefan Ruehlow, 41 Jahre, hat Religionswissenschaft, Geschichte und Ethnologie studiert und arbeitet seit rund zehn Jahren als freiberuflicher Stadtführer in Frankfurt.

Zu seinem Repertoire gehören historische Stadtführungen, Horror- und Gruselführungen sowie Friedhofsführungen. Außerdem bietet er so genannte Fotowalks, die zu ausgewählten Fotomotive der Stadt führen. Weitere Infos unter www.dark-frankfurt.de

Verlosung

Die FR verlost an 20 Gewinner eine Führung mit Stadtführer Sascha Stefan Ruehlow durch den Alten Jüdischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße in Frankfurt. Die Führung findet am 16. Juli um 15 Uhr statt. Treffpunkt ist am Eingang des Hauptfriedhofs an der Gruftenhalle. Wenn Sie dabei sein möchten, dann registrieren Sie sich bis Freitag, 12. Juli, um 10 Uhr unter https://fr.de/gewinnspiel mit dem Losungswort, das Sie in der FR-Printausgabe vom 9. Juli finden, und wahlweise einem dahinterstehenden „+XY“, wenn Sie in Begleitung kommen möchten. „XY“ ersetzen Sie dann duch die jeweilige zusätzliche Zahl an Personen, die Sie mitbringen möchten. Nur Gewinner werden benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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