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Alenir Ximendes und Janete Ferreira sind zu Besuch gekommen ins Weltkulturen-Museum.

Einblicke

Wer sich wehrt, wird erschossen

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Zwei Indianerinnen vom Stamme der Guarani in Brasilien schildern in Frankfurt ihren Alltag.

Es ist ihr erster Termin nach einem Flug von mehr als 9000 Kilometern. Und die beiden Besucherinnen, die zum ersten Mal überhaupt nach Europa kommen, müssen zudem noch einen großen Kulturbruch bewältigen. Alenir Ximendes und Janete Ferreira sind in Brasilien nahe des Atlantiks aufgebrochen, um in Frankfurt vom Schicksal ihres Volkes zu berichten. Vom Alltag der Indios vom Stamme der Guarani.

Sie sprechen am Anfang eher leise und zögerlich, um späterhin immer entschlossener das Wort zu ergreifen. Die beiden sitzen in einer Villa des Museums Weltkulturen in Frankfurt, dessen Team den Kontakt in das brasilianische Dorf geknüpft hatte. „Unser Kampf dauert seit 519 Jahren an“, sagt eine der beiden Frauen an einer Stelle. Damals nämlich waren die portugiesischen Kolonialherren in das Siedlungsgebiet der Guarani vorgestoßen.

Heute leben sie über die vier Staaten Brasilien, Paraguay, Argentinien und Bolivien verstreut. 15 000 Menschen vom Stamme der Guarani sind es noch im Südosten Brasiliens. Doch der atlantische Regenwald, der einst ihre Heimat war, ist „komplett zerstört“, wie sie berichten. Abgeholzt zugunsten von Soja-Plantagen und Zuckerrohrfeldern.

Fischfang, Jagd und Landwirtschaft, die zu den Traditionen der Indios gehörten, sind ihnen weitestgehend verwehrt. Sie leben in neuen Siedlungen, in denen die Regierung die Ureinwohner des Landes zusammengezwungen hat. Die beiden gehören zu einer Minderheit, die es gewagt hat, sich das Land, von dem sie vertrieben wurden, zurückzuholen. Theoretisch sichern Gesetze die Rechte der indigenen Völker. „Doch niemand hält sich daran“, sagt Ferreira.

Leben ohne Trinkwasserversorgung

Sie leben ohne Trinkwasserversorgung, ohne Schulen, ohne medizinische Hilfe, erzählen sie. Um überhaupt an Wasser zu kommen, müssten sie etliche Kilometer weit laufen. Die großen Agrarkonzerne gingen mit brutaler Gewalt gegen die ursprünglichen Bewohner vor, die Widerstand leisten. „Männer, die sich wehren, werden erschossen“, sagt Alenir knapp.

Mit dem Verlust des Regenwaldes ist auch die Feuchtigkeit weg, die Böden trocknen aus. Die Heilpflanzen, deren Anwendung über Jahrhunderte zu den Traditionen der Guarani zählte, wachsen nicht mehr. Die Strukturen der alten Dorfgemeinschaften sind auseinandergefallen. Die Großgrundbesitzer lassen großflächig Chemikalien versprühen, um die neue landwirtschaftliche Nutzung vorzubereiten.

Die Frauen hoffen auf Hilfe aus Deutschland. Auf Unterstützung durch die Politiker, die Druck auf die brasilianische Regierung ausüben sollen, die Vernichtung des Regenwaldes zu stoppen. Aber jeder in Deutschland könne etwas tun, sagen sie. Denn das Sojamehl, das von den neuangelegten Feldern kommt, wird in Deutschland an die Schweine verfüttert, die wiederum Fleisch produzieren. Und der Zucker aus Brasilien erfreut sich hierzulande großer Beliebtheit.

Der neue rechtsextreme brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hat ein neues Waffengesetz erlassen. Es gibt den Großgrundbesitzern das Recht, ihren Boden mit Waffengewalt zu verteidigen. Eine neue Eskalation.

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