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Halu Landvogt setzt sich für die Aidsprävention und eine zeitgemäße Aufklärung über HIV-Infektionen ein. Wer regelmäßig Medikamente nimmt, könne ein ganz normales Leben führen, sagt der 54-Jährige.

Welt-Aids-Tag

„Sexualität gehört zum Leben“

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Halu Landvogt ist seit 30 Jahren HIV-infiziert und gibt sein Wissen über seine Infektion in der Öffentlichkeit weiter. Für den 59-Jährigen ist das Schlimmste an der Infektion, dass er sie früher verheimlichen musste.

Herr Landvogt, wann haben Sie von Ihrer HIV-Infektion erfahren?
Das war 1987, bei einer ganz normalen Arztuntersuchung. Da wurde einfach auch auf HIV getestet. Zwei Wochen später wurde mir das Ergebnis mitgeteilt.

Wie haben Sie reagiert?
Ich bin stundenlang herumgelaufen, habe dann nur meiner Mutter von der Infektion erzählt. Die hat es dann meinen Geschwistern und meinem Vater gesagt. Damals war die Angst vor einer Ansteckung innerhalb der Familie groß. Es hätte sich damals niemand getraut, mit mir aus einem Glas zu trinken.

Wie ging es weiter?
Ich habe mich sehr stark in die Arbeit gestürzt. Also Ablenkung gesucht. Immer wenn ich einen Durchfall oder eine Grippe bekam, tauchte die Angst auf, dass ich an Aids erkranke.

Wurden Sie medizinisch behandelt?
Es gab keine Medikamente. Es wurden Vitaminpräparate angeboten.

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Wann kamen die ersten Medikamente auf?
Ich hatte das Glück, dass ich an einer Studie in Hamburg teilnehmen konnte und Infusionen erhalten habe, die das Immunsystem stärken sollten. Der erste Wirkstoff war das ACT. Es gab viele Nebenwirkungen. Es wurden oft hohe Dosen verabreicht. Viele Leute sind während der Einnahme gestorben. Aber es hat auch Leben gerettet.

Wann hatten Sie bei Beschwerden das Gefühl, das ist jetzt Aids?
Ich wusste, dass es nach acht Jahren zum Ausbruch kommen kann. Und das war bei mir auch so, dass ich in das Stadium Aids kam.

Wie machte sich das bei Ihnen bemerkbar?
Ich war müde, schlapp, hatte Durchfälle, Übelkeit, musste mich erbrechen und bin bis auf 45 Kilo abgemagert. Im Krankenhaus hatte ich dann das Glück, dass es inzwischen die sogenannte Kombinationstherapie gab und es mir bald wieder besser ging.

Wissen Sie, wann und wo Sie sich angesteckt haben?
Das ist mir egal. 1987 wurde geschätzt, dass die Infektion etwa zwei Jahre alt sein könnte. Ich möchte niemandem die Schuld geben. Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Jeder kann sich schützen. Inzwischen ist es ja so, dass jemand, der seine Tabletten nimmt und unter der sogenannnten Viruslast liegt, nicht mehr ansteckend ist und ein ganz normales Leben führen kann. Wenn jemand nicht zum Test geht und sich nicht behandelt lässt, stellt er eine potenzielle Gefahr dar.

Haben Sie Ihr Verhalten umgestellt?
Nach der Diagnose habe ich bewusster gelebt, weil man ja nicht wusste, wann das Leben zu Ende sein würde. Ich habe darüber nachgedacht, gebe ich mein Geschäft auf, mache ich ich noch einmal eine Weltreise.

Wann kam die Wende, die Hoffnung, weiterleben zu können?
Nachdem ich die ersten zehn Jahre überlebt hatte, gehörte ich zu den Langzeitüberlebenden, bei denen die Infektion offenbar einen anderen Verlauf als üblich nahm.

Sind Freunde, Bekannte von Ihnen gestorben?
Ich habe viele Leute kennengelernt und sehr lange Sterbebegleitung gemacht. Ich habe Menschen mit Krücken und im Rollstuhl gesehen, abgemagert und die Haut bedeckt von Kaposi-Flecken. Es wurden Schminkkurse angeboten. Dieses Bild ist durch die Kombinationstherapie verschwunden. Und ich musste lernen, damit umzugehen, dass ich doch länger lebe.

Haben Sie neue Pläne geschmiedet?
Ich bin in der Aids-Hilfe aktiv geworden und habe angefangen, mit meiner Infektion in die Öffentlichkeit zu gehen und aufzuklären.

Also Sie sagen ganz offen: Ich, Halu Landvogt, habe HIV und war auch schon einmal aids-krank?
Ja, ich würde mich heute als HIV-positiv sehen, aus dem Stadium Aids raus. Aber ich merke, dass ich Ruhephasen brauche.

Können Sie sich vorstellen, wieder arbeiten zu gehen?
Schwer. Ich habe das schon mal bei Freunden probiert und bin dann aber krank geworden. In der Arbeitswelt heißt es, du musst funktionieren, das löst bei mir so viel Druck aus, dass ich krank werde.

Wie stehen Sie finanziell da?
Ich bin mit 38 Jahren in Rente gegangen.

Wie hoch ist Ihre Rente?
Ich bekomme 1200 Euro. Wenn man die fixen Kosten wie die Miete abzieht, habe ich knapp 300 Euro im Monat zum Leben.

Welche Rolle spielt für Sie die Aids-Hilfe?
Der Austausch mit Betroffenen in der Aids-Hilfe hat mir sehr viel gebracht. Über die Aids-Hilfe habe ich Anlaufstellen und Kontakte gefunden. Dort habe ich auch so eine Art Job. Ich kann sagen, heute geht es mir gut, heute kann ich was tun, ich kann aber auch sagen, heute geht es nicht.

Was ist für Sie das Schlimmste an HIV?
Dass ich früher die Infektion verheimlichen musste, die Angst vor Ausgrenzung und davor, diskriminiert zu werden. Dadurch, dass ich in Rente gegangen bin, musste ich immerhin keine Angst haben, den Arbeitsplatz zu verlieren. Wir brauchen Arbeitgeber, die eine Infektion akzeptieren.

Stellen Sie sich manchmal vor, wie Ihr Leben ohne HIV und Aids verlaufen wäre?
Ich habe bisexuell gelebt. Vielleicht wäre ich heute verheiratet und hätte Kinder. Vielleicht wäre ich aber auch in einer schwulen Beziehung. Sexualität gehört zum Leben dazu. Aber man muss verantwortungsvoll damit umgehen und sich spätestens nach einem Risiko-Kontakt testen lassen, um das Virus nicht wie einen Kettenbrief weiterzugeben.

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