+
Volker Mosbrugger (66) ist der Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt. Bild: Michael Frank/Senckenberg

Interview

Senckenbergdirektor Mosbrugger zu den Klimaprotesten: „Die Forderungen dürfen nicht utopisch sein“

  • schließen

Senckenbergdirektor Volker Mosbrugger über sein Interesse an den jungen Aktivisten und zwei Ratschläge für den Protest.

Herr Mosbrugger, was haben die „Fridays for Future“ mit ihren Protesten seit einem Jahr in Frankfurt erreicht?

Sie haben, wie die ganze Bewegung, die Wahrnehmung für den Klimawandel und die Umweltveränderung als Bedrohung für unsere Zukunft deutlich gesteigert. Sowohl die Politik als auch die Bürgerinnen und Bürger sehen es mehr und mehr als wichtiges Thema, bei dem man jetzt nicht mehr lang auf Zeit spielen kann, sondern handeln muss.

Hat sich dadurch auch der Diskurs über den Klimawandel in der Stadt verändert?

Verändert hat sich auf alle Fälle die Ernsthaftigkeit, mit der den Jugendlichen, aber auch dem Thema begegnet wird. Anfangs wurde darüber gelächelt, aber heute haben viele Leute verstanden, dass es den jungen Leuten sehr ernst mit dem Klimawandel ist. Es gibt aber nach wie vor eine Minderheit, die der Meinung ist, dass das Thema überzogen ist und dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten müsse. Aber insgesamt hat sich die Diskussion versachlicht, weil die Jugendlichen konkrete Forderungen äußern und wissenschaftlich argumentieren.

Warum setzten Sie sich als Wissenschaftler so intensiv mit der Bewegung auseinander?

Zunächst einmal setzten wir uns als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit allen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien auseinander, die daran Interesse haben. Wir sehen es als unsere Aufgabe, unser akkumuliertes Wissen sachlich zu kommunizieren. Die Gruppe „Fridays for Future“ ist eine besonders aktive Gruppierung, die den Klimawandel und die Umweltveränderungen als eine große Bedrohung für ihre Zukunft sehen. Diese Auffassung teile ich.

Wie wird sich die Bewegung in den kommenden Jahren weiterentwickeln?

Das wird stark davon abhängen, wie schnell die Politik darauf reagiert. Wenn etwas passiert und die Politik deutlich machen kann, dass sie auf die Wünsche und Besorgnisse der jungen Leute reagiert, wird etwas Ruhe reinkommen. Wenn dies nicht geschieht, wird es wohl immer unruhiger werden. Wenn die Jugendlichen merken, dass die ältere Generation, die an der Macht ist, nicht auf die Wünsche reagiert, kann es zu heftigeren Auseinandersetzungen kommen. Ausgeschlossen ist das leider nie.

Was raten Sie den Aktivisten für ihren zukünftigen Protest?

Erstens empfehle ich ihnen, die sachliche, rationale und vernunftgetriebene Richtung beizubehalten. Und zweitens auch zu sehen, dass das Klima nicht das einzige Thema ist. Man muss die Komplexität der ganzen Problematik sehen, also die Vernetzung mit vielen anderen Themen, wie etwa Landwirtschaft, Biodiversitätsverlust, aber auch dem Thema Arbeitsplätze. Die Forderungen dürfen nicht utopisch sein und nur auf das Thema Klima zielen. Die Politik muss eben mehr im Blick haben, als nur CO2 zu reduzieren.

Wie sehen Sie das von der Bundesregierung verabschiedete Klimapaket?

Methodisch-konzeptionell ist es der richtige Weg, alle Sektoren, die Treibhausgase produzieren, in die Pflicht zu nehmen und die Kohlendioxidproduktion zu bepreisen. Was unbefriedigend mit Blick auf das Klima ist, ist die Quantität des Kohlendioxidpreises. Der ist ganz sicher im Moment zu niedrig. Positiv finde ich auch, dass es ein Monitoring gibt, mit dem man versucht, den Effekt des Klimapakets zu verfolgen, um gegebenenfalls nachsteuern zu können.

Macht der Frankfurter Magistrat momentan genug für den Klimaschutz?

Der Magistrat hat sich ambitionierte Ziele gegeben, indem man zügig CO2-neutral werden will. Das ist ein ehrenwertes Ziel. Wie immer bei solchen Themen ist es aber so, dass die ersten Schritte sehr klein sind. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass man Angst vor der Reaktion hat. Man muss dann aber im Laufe der Zeit deutlich zulegen. Es wird sich zeigen, wie ernst es dem Magistrat letztendlich ist, so schnell wie vorgesehen klimaneutral zu werden.

Welche Hoffnungen haben Sie für den UN-Klimagipfel in Madrid, der in der kommenden Woche beginnt?

Es heißt ja immer, die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ein bisschen ist sie bei mir schon gestorben. Es ist so eine große Unruhe in der Wirtschaft und den verschiedenen Gesellschaften, dass ich nicht sehe, dass die große Staatengemeinschaft zu entscheidenden Verbesserungen zu Paris kommen wird. Ich bin da eher skeptisch. Aber ermutigend ist, dass einzelne Akteure, wie etwa Kalifornien in den USA, sehr ambitioniert voranschreiten. Viele einzelne Akteure, wie auch Frankfurt, sind gefragt, mutig voranzuschreiten.

Interview: Steven Micksch

Meinung: Den Klimawandel mit Atomkraft bekämpfen? Welch strahlender Unsinn.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare