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Volker Mosbrugger versteht die Vielfalt nicht nur, er hat sie auch hinter sich. Dabei ist das, was da im Senckenberg-Museum steht, nur ein Bruchteil der Möglichkeiten.

Senckenberg

Der Vielfaltversteher

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Senckenberg-Generaldirektor Volker Mosbrugger hat die Naturforschung weit vorangebracht. Jetzt tritt er kürzer, behält aber das große Ganze weiter im Auge.

Vor drei Jahren hat Volker Mosbrugger mal eben kurz und bündig erklärt, was ein Naturmuseum leisten muss. Andere füllen damit Bücher – er sagte: „Zeigen, warum Vielfalt wichtig ist“. Seinerzeit ging es speziell um eine riesige, eine überwältigende Vitrine im Senckenberg-Museum, gefüllt mit 1138 ausgewählten Tieren, Pflanzen, Objekten. Die „Faszination Vielfalt“ sollte ursprünglich ein Jahr bleiben; sie ist immer noch da. Vielleicht weil diese Vitrine so gut zeigt, was wichtig ist, stellvertretend für eine ganze Forschungsrichtung.

„Ich habe Spaß daran, komplexe Dinge auf ihren Kern zu reduzieren“, sagt Volker Mosbrugger. Und sofort hat man größte Lust darauf, komplexe Dinge von ihm auf den Kern reduziert zu bekommen. Wie wär’s mit – der Menschheit? „Der Mensch ist als Art genauso rücksichtslos wie die anderen: Er denkt erst mal an sich, an die Art Mensch. Das macht auch die Ameise, das macht auch der Wurm.“ Aber böse? Nein, böse sei er nicht, der Mensch an sich. Die Probleme, die er auf dem Erdball verursacht, beruhten auf seinem natürlichen Verhalten, sagt der Paläontologie-Professor. „Unser Intellekt muss uns sagen, dass das zu unserem eigenen Schaden ist.“

Beinahe wäre der in Konstanz geborene Mosbrugger Lehrer geworden, nicht Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. „Ich bin eine Person mit null Talent“, sagt er, und bevor man ihm empört widersprechen kann, schiebt er hinterher: „Ich kann vieles, habe aber keine besondere Begabung. Ich bin gern zur Schule gegangen, ich dachte: Wirst du halt Lehrer.“ Allzu lang dachte er das allerdings nicht. Im Lauf des Lehramtsstudiums (Biologie und Chemie in Freiburg und Montpellier) wurde ihm klar: „Hm, dann bist du 40 Jahre in der Schule.“

Mithelfen, aufklären, bewahren, weiterentwickeln

Zunächst einmal promovierte er. „Und dann hat mich die Wissenschaft so gepackt, dass ich dabeibleiben wollte.“ 2005 wurde er Senckenberg-Direktor, 2009 Generaldirektor. Es war und ist eine Zeit, in der sich naturkundliche Institutionen nicht mehr darauf beschränken können, Natur einfach abzubilden. Es geht inzwischen ums Ganze. Wer versteht, was da draußen passiert, muss mithelfen, aufklären, bewahren, weiterentwickeln.

Volker Mosbrugger war es, der den 200 Jahre alten Wal namens Senckenberg auf den Kurs manövrierte, Umwelt- und Klimaschutz besser begreifbar zu machen – und die Notwendigkeit zu handeln. In seine Amtszeit fällt der größte Umbau des Forschungsinstituts und des Museums, die enorme Erweiterung in den Uni-Campus Bockenheim hinein.

Das sei alles gar nicht abzusehen gewesen, sagt er. „Aber 2005 habe ich mir schon gewünscht, dass wir in die internationale Forschungsspitze vorstoßen.“ Mission erfüllt, aus seiner Sicht. „Wir sind jetzt unter den Top zwei oder drei.“ Mit der entsprechenden Verantwortung. Wissensvermittlung sei nicht leichter geworden in den vergangenen Jahren, betont Mosbrugger, der stets auch mit Hingabe an Universitäten lehrte. „Die Leute wollen Unangenehmes heute oft ausblenden, viele leben mit manipulativen elektronischen Medien in ihren eigenen Meinungsblasen.“

ZUR PERSON

Volker Mosbrugger, 67, geht nach elf Jahren als Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in den Ruhestand. Der Paläontologe und Universitätsprofessor erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Ehrendoktorwürde der Uni Lyon, er ist Mitglied diverser Wissenschaftsakademien und Präsident der Polytechnischen Gesellschaft. Sein Nachfolger bei Senckenberg stellt sich an diesem Donnerstag der Presse vor.

Dabei gelte es, der Wahrheit ins Auge zu blicken. „Wir haben leider keinen Ort, an den wir nachher gehen können.“ Nachher, wenn wir die Erde für Menschen unbewohnbar gemacht haben. Die Bereitschaft sinke, sich konsequent in Richtung Nachhaltigkeit zu engagieren, obwohl die Pandemie nur ein Vorzeichen dessen sei, was uns erwarte. „Die Weltbevölkerung wird zwingend abnehmen. Es kommen weitere Pandemien, Kriege, es wird mit Dramen verbunden sein. Je früher wir anfangen gegenzusteuern, desto milder die Dramen.“ Menschen hingen fatalen Hoffnungen an: „Die finden schon was.“ Oder: „Sollen doch die anderen.“

Aber: „Den Weg vom Wissen zum Handeln muss der Staat, das Gemeinwesen, vorgeben.“ An der dramatischen Verringerung des Kohlendioxidausstoßes führe kein Weg vorbei. „Da fehlt mir die visionäre Kraft der Gestalter.“

Volker Mosbrugger sagt das alles mit der zugewandten Gelassenheit, die ihn zum geschätzten und vielfach ausgezeichneten Vielfaltversteher gemacht hat (und zum äußerst beliebten Chef, wie man überall hört). Er war es auch, der ein heikles Kapitel aufschlug: Senckenberg in der Zeit des Nationalsozialismus. „Ich habe gemerkt, das Thema war nicht gut abgedeckt, nicht kritisch genug betrachtet worden.“

Ein externer Historiker spürte dem nach, und er stieß in der Tat auf manches, das die Naturforscher jener Zeit nicht im besten Licht dastehen ließ, auf vorauseilenden Gehorsam Einzelner gegenüber der Nazi-Diktatur. „Es gab Stimmen, die fragten: Muss man das denn heute noch ausgraben?“, blickt Mosbrugger zurück. „Aber das muss man aushalten, auch als Gesellschaft.“ Für den Mut, sich der Nachforschung aus eigenem Antrieb auszusetzen, erhielt Senckenberg Anerkennung.

Nachfolge im Generaldirektorium ist geregelt

Die Nachfolge im Generaldirektorium ist geregelt, der Österreicher Klement Tockner wird im neuen Jahr übernehmen. Mosbrugger geht mit 67, zwei Jahre hat er schon drangehängt, interne Abläufe legten das nahe. Fällt der Abschied schwer? „Nee, ich kann gut loslassen“, sagt er. „Ich habe das Gefühl, Senckenberg kann richtig durchstarten, wir haben gut trainiert, jetzt geht es richtig los – aber neue Strategien und Konzepte tun an dieser Stelle einfach gut. Das passt für Senckenberg und für mich.“ Der scheidende Chef ist längst auch Präsident der Polytechnischen Gesellschaft, die fast aufs Jahr genauso lang in Frankfurt wirkt wie Senckenberg, und er freut sich darauf, dort weiterzumachen, mit dem Fokus auf Gesellschaft und auch: Stadtgesellschaft.

Wenn jemand vom Bodensee kommt, würde man es ihm nicht verübeln können, wollte er dorthin zurück, an einen der schönsten Flecken weit und breit. Will er aber nicht. „Meine Frau hat entschieden, dass wir in Frankfurt bleiben. Ihr gefällt’s hier. Und ich bin hier auch sehr gerne.“ Ein paar Projekte wird er noch für Senckenberg machen, und dann viel mehr in der Natur sein und mit der Familie. „Der Plan ist, meine Arbeitszeit zu halbieren.“ Irgendjemand muss ja weiter aufpassen, dass die Menschheit vielleicht doch noch schlau genug für ihr Überleben wird. Auch wenn sie bisher nicht so recht zuhören wollte. „Ich bin seit 35 Jahren im Geschäft“, sagt Volker Mosbrugger. „Ich habe irgendwann gesagt: Egal, ob ihr’s glaubt oder nicht – es holt euch ein.“ Fünf vor zwölf sei es schon viel zu lang. Umso mehr freue er sich über die Bewegung Fridays for Future.

Das Lieblingsobjekt des Generaldirektors aus der fantastischen Vitrine „Faszination Vielfalt“ ist übrigens ein winziges Mammut, eine der ältesten figürlichen Darstellungen der Welt, geschnitzt vor 40 000 Jahren aus Mammutelfenbein. Gefunden 2005 – auf der Schwäbischen Alb.

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