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Die Frankfurter Selbstverteidungs-Trainerinnen Aylin Çaka (li.) und Alicia Lindhoff moderieren den Podcast.
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Die Frankfurter Selbstverteidungs-Trainerinnen Aylin Çaka (li.) und Alicia Lindhoff moderieren den Podcast.

Frankfurt

Zwei Frankfurterinnen starten einen Selbstverteidigungs-Podcast: „Mit Nein sagen fängt alles an“

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Die Frankfurter Selbstverteidigungs-Trainerinnen Aylin Çaka und Alicia Lindhoff können in Pandemie-Zeiten keine Kurse geben. Nun haben sie bei der HR-Radiowelle You FM den Selbstverteidigungs-Kurs „Einfach Nein“ gestartet. Dabei geht es nicht nur um die Anleitung zu Kicks, sondern auch viel um Körpersprache und Stimme erheben. Auch prominente Stimmen wie Natascha Kampusch kommen zu Wort.

Aylin Çaka und Alicia Lindhoff geben normalerweise Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen im Frankfurter Verein „Frauen in Bewegung“. Aber da dies in Pandemiezeiten nicht möglich ist, bieten sie nun in zehn Folgen einen Selbstverteidigungskurs zum Hören an. Beim Podcast „Einfach Nein“ des jungen HR-Radiosenders You FM hat zudem Kampfkunstpionierin Sunny Graff in jeder Folge einen „Mastertipp“ für die Selbstverteidigung. Die gebürtige US-Amerikanerin, Frauenrechtsaktivistin und ehemalige Taekwondo-Weltmeisterin hat das Kurskonzept entwickelt, auf dem der Podcast beruht.

Graff hat den Verein „Frauen in Bewegung“ 1985 gegründet. Dort haben die Wirtschaftspsychologiestudentin Aylin Çaka (22) und FR-Redakteurin Alicia Lindhoff (30) ihre Ausbildung zur Selbstverteidigungstrainerin absolviert. Im Podcast sind sie einfach Alicia und Aylin, also behalten wir das Du auch im Interview bei.

Ist euer Podcast wie eure Kurse nur für Mädchen und Frauen?

Aylin: Nein, unser Podcast richtet sich an alle, die von verschiedenen Gewaltformen betroffen sind und die im Alltag diskriminiert werden, also Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus erleben. Aber auch Queer- und Behindertenfeindlichkeit sind bei uns Thema. Wir wollen den Leuten Strategien an die Hand geben, wie sie sich im Alltag behaupten und sich gegen Übergriffe wehren können. Wenn wir über konkrete Situationen sprechen, ist es aber meistens eine Frau, die von einem Mann angegriffen wird.

Ein Selbstverteidigungskurs zum Hören: Funktioniert das? Und warum heißt der Podcast „Einfach Nein“?

Alicia: Wenn es nach uns ginge, müsste es überhaupt keine Selbstverteidigungskurse geben. Wir fordern eine Welt, in der Frauen und Mädchen, aber auch andere Menschen sicher und entspannt herumlaufen können und sich gar nicht damit beschäftigen müssen, sich verteidigen zu müssen. Das ist aber bislang nur ein Traum.

Bei Selbstverteidigung denken die meisten natürlich erst mal an körperliche Techniken wie Kicks und Schläge. Aber unser Ansatz setzt schon viel früher an: Denn mit Nein sagen fängt alles an. Aber auch das muss man erst mal lernen. Also eine eigene Grenze zu setzen, wenn du beleidigt oder angegriffen wirst. Aber eben auch aufzustehen und was zu sagen, wenn jemand im Bus zum Beispiel rassistisch beleidigt wird. Leute, die in der Öffentlichkeit angegriffen wurden, erzählen, die Tatsache, dass niemand ihnen geholfen habe, sei fast noch schlimmer gewesen als die Beleidigung oder die Gewalt an sich. Es war für sie noch schwerer, diese Situation zu verarbeiten.

„Es geht viel ums Mindset“

Aylin: Die körperlichen Techniken spielen natürlich auch im Podcast eine Rolle, wenn es um gefährliche Situationen geht, in denen wir uns körperlich wehren müssen. Das sind einfach zu lernende Schwachpunkttechniken, die alle anwenden können. Dafür muss man keinen Kampfsport beherrschen. Zum Beispiel mit den Fingern direkt in die Augen zu gehen. Aber es gibt auch viele andere Situationen im Alltag, in denen du nicht respektiert wirst, die dir unangenehm sind, ob zu Hause, auf der Arbeit, im Freundeskreis oder im Bus. Dafür wollen wir den Leuten Strategien an die Hand geben: Es geht viel ums Mindset, also darum, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, Körpersprache einzusetzen, aber auch die Stimme zu erheben, zu schreien, was viele Frauen einfach noch nie im Leben gemacht haben. Deswegen gibt es bei uns in einer Folge eine Schreiübung.

Alicia Lindhoff und Aylin Çaka (Foto) trainieren selbst seit Jahren Taekwondo. Aber um sich zu wehren, muss man keine Kampfkunstmeisterin sein.

Alicia: Es gibt immer noch den Mythos, dass es manchmal besser ist, sich nicht zu wehren, weil das Täter angeblich provoziert und sie noch aggressiver werden. Das ist falsch und gefährlich. Wer bereit ist, dich körperlich anzugreifen, ist längst aggressiv und gewalttätig. Und es gibt Studien, die das Gegenteil zeigen: Schon wer sich nur „ein bisschen“ wehrt oder „nur“ schreit, hat eine viel größere Chance rauszukommen.

Aylin: Von uns wirst du aber nie hören, dass eine Frau was Falsches gemacht hat, also weil sie beispielsweise nicht geschrien hat. Die Verantwortung liegt immer beim Täter. Nicht bei der Frau, weil sie einen kurzen Rock trug, alleine unterwegs oder betrunken war.

Seit dem Mord an der Britin Sarah Everard auf offener Straße teilen auf Social Media viele den Spruch „Don’t protect your daughter – educate your son“. Die Botschaft lautet also: Erzieht eure Söhne, damit Mädchen und Frauen nicht beschützt werden müssen. Auch darüber sprecht ihr.

Aylin: Es ist wichtig, dass nicht nur Mädchen in Selbstverteidigungskurse geschickt werden, sondern Jungs ebenfalls für das Thema sensibilisiert werden. In mehreren Städten, unter anderem in Offenbach, gibt es beispielsweise das Gewaltpräventionsprojekt Heroes. Junge Männer werden zu Trainern ausgebildet und bieten dann selbst Workshops gegen sexistische und stereotype Rollenbilder sowie für die Gleichstellung von Frauen und Männern in Schulen oder Jugendtreffs an.

Zur Person und Podcast

Aylin Çaka (22) studiert Wirtschaftspsychologie in Darmstadt. Alicia Lindhoff (30) ist FR-Redakteurin. Beide sind als Kinder durch den Verein „Frauen in Bewegung“ in Berührung mit Selbstverteidigung gekommen. Sie selbst trainieren seit Jahren auch Taekwondo.

Seit 2019 geben sie ehrenamtlich Kurse in diesem Verein. Ihren Selbstverteidigungspodcast „Einfach Nein“ gibt es in der ARD-Audiothek, auf you-fm.de und Portalen wie Apple Podcast oder Spotify. rose

In einer Folge geht es darum, wie eine Frau reagieren sollte, wenn ein Mann nicht aufhört, sie anzustarren. Ihr sagt, man soll ihn zurückanstarren. Was aber ist, wenn er sich angemacht fühlt? Hat die Frau dann falsch zurückgestarrt?

Aylin: Nein, es gibt immer so Idioten, die das missinterpretieren und denken, du willst was von ihnen. Mir ging es ähnlich: Ich stand mit dem Auto an der roten Ampel, und zwei Typen haben mich angestarrt. Ich starrte zurück. Der eine hat weggeguckt, der zweite hat so ein Starrduell mit mir gemacht. Ich war richtig sauer.

Ich habe mich auch erst gefragt, ob ich was falsch gemacht hatte. Aber nein, ich habe das gemacht, was ich machen konnte. Wenn die Person trotzdem so blöd reagiert, müssen wir einfach stolz auf uns sein, denn es ist ein Erfolg, weil wir etwas gemacht haben und für unsere eigenen Grenzen eingestanden sind.

Alicia: Es geht darum, einmal diese Machtdemonstration zu stören und zu zeigen: „Nein, das kannst du nicht einfach unwidersprochen machen.“ Viele Männer sagen zwar: „Beleidigungen und Angrapschen geht gar nicht.“ Ich hatte aber schon diverse Diskussionen mit Männern, die sagten: „Eine schöne Frau anzugucken ist doch jetzt keine sexuelle Belästigung.“ Es geht aber nicht darum, dass man eine Frau nicht anschauen darf, sondern um dieses Anstarren. Jede Frau kennt diese Situation. Eine Frau würde gar nicht auf die Idee kommen, einen Mann in dieser Weise anzustarren.

Ist es schwerer, sich am Arbeitsplatz zu wehren?

Aylin: Natürlich gibt es am Arbeitsplatz eine andere Hierarchie, man ist abhängig vom Job. Aber die Regeln gelten auch hier. Wenn dich ein Kollege oder Chef betatscht, kannst du auch schreien: „Nehmen Sie sofort die Hand von meinem Bein!“ Wichtig ist es, sich Verbündete zu suchen. Sehr wahrscheinlich macht diese Person das auch bei anderen, meistens hat das System. Wenn Konsequenzen für diese Person folgen sollen, erreicht man das in der Regel mit anderen Leuten zusammen.

Alicia: Der Großteil von körperlicher Gewalt und Übergriffen kommt von Menschen, die wir auf irgendeine Art kennen. Leider oft in der eigenen Familie oder in der Beziehung. Viele von uns sind aber nur auf Fremde vorbereitet: Wenn jemand auf der Straße sagt: „Hey, geile Titten“, dann würde es den meisten viel leichter fallen, sich zu wehren. Aber wenn auf einmal jemand in meinem Umfeld übergriffig wird, dann ist das meist schockierender, weil man damit nicht rechnet – und weil es ein krasser Vertrauensbruch ist.

Empowerment-Geschichte von Natascha Kampusch

In einem Beitrag erzählt die kleinwüchsige Autorin Ninia LaGrande, wie sie auf dumme Sprüche über ihre Größe reagiert. Als sie gefragt wird, wie alt sie denn sei, weil sie schon ein Kind hat, aber selbst doch noch ein Kind sei, antwortet sie: „12.“ Wie gut funktioniert Humor als Waffe?

Alicia: In unserem Konfrontationstraining sagen wir immer Folgendes zu unseren Teilnehmerinnen: „Verhalten benennen, verlangen, dass es aufhört, und die Gewalt öffentlich machen.“ Dann kommen oft so Sätze raus wie: „Hör sofort mit deiner Belästigung auf.“ Viele Mädchen sagen: „Ja, aber das klingt jetzt nicht so cool.“ Ja, das stimmt. Aber es ist wichtig, erst mal eine Faustregel zu haben. Wenn du irgendwann selbstsicher genug bist und auch ein paar Erfolgserlebnisse hattest, kannst du schlagfertiger und auch mit Humor reagieren. Am wichtigsten ist ohnehin nicht, was wir sagen, sondern wie wir es sagen: mit lauter Stimme, ernstem Blick, starker Körperhaltung.

In jeder Folge gibt es eine kurze, persönliche Empowerment-Geschichte: eine Anekdote oder Lebensgeschichte, durch die die Person stärker geworden ist. Eine, die spricht, ist Natascha Kampusch. Wie kamt ihr auf sie?

Alicia: Wir haben sie gefragt, weil sie ein Vorbild für Selbstbehauptung und Empowerment ist. Was ihr angetan wurde, ist der Inbegriff des Horrorszenarios, mit dem ganz viele Kinder aufgewachsen sind: Von einem fremden Mann entführt und über Jahre gefangen gehalten werden. Sie hat sich selbst befreit, und man würde denken, die Gesellschaft heißt sie willkommen. Aber das Gegenteil war der Fall: Sie wurde ganz früh auch in den Medien zerrissen: „Ist sie eine Lügnerin?“ „Hatte sie vielleicht eine Beziehung mit ihrem Entführer?“ Sie war zehn Jahre alt, als sie entführt wurde. Sie sagt, sie hat diese Behandlung in den Medien noch mal als Missbrauch empfunden. Aber in beiden Fällen hat sie nie aufgegeben.

Sie ist immer wieder in die Öffentlichkeit gegangen und hat ihre Geschichte selbst erzählt. In ihrer Gefangenschaft hatte sie sich empowernde Sätze aufgeschrieben wie: „Du kannst es schaffen. Glaub an dich.“ Und: „Das, was ein anderer dir antut, ist nicht dein Problem, das ist sein Problem.“ Natascha Kampusch ist ein Beispiel dafür, dass selbst eine solche Tat nicht das Ende bedeutet. Es gibt viele Menschen, die schlimme Gewalterfahrungen wie sie gemacht haben und sich gegen den Stempel als das „ewige Opfer“ wehren. Die Tat definiert nicht, wer sie sind. Sie sind viel mehr als das.

Interview: Kathrin Rosendorff

Alicia Lindhoff (li.) und Aylin Çaka geben Tipps wie man sich nicht nur mit körperlichen Techniken, sondern auch mit Körpersprache und lauter Stimme wehrt.

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