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Auch im hohen Alter kein Mann von gestern: Hans Busch, Urgestein der SPD Frankfurt.
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Auch im hohen Alter kein Mann von gestern: Hans Busch, Urgestein der SPD Frankfurt.

SPD in Frankfurt

„Seit 68 Jahren in der Gewerkschaft“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Hans Busch, Frankfurter Sozialdemokrat der ersten Stunde nach 1945, feiert seinen 85. Geburtstag. Er war 34 Jahre Stadtverordneter. Über Jahrzehnte kam keiner in der SPD an ihm vorbei.

Als er dreizehn Jahre alt war, musste er aus den von Bomben zerstörten Häusern im Riederwald Tote bergen. Durch die Hitze der Brände waren die Leichen zu kleinen schwarzen Puppen verkohlt. Als er fünfzehn Jahre alt war, rannte er um sein Leben, verfolgt von britischen Tieffliegern. Unmittelbar hinter ihm das Pfeifen einer schweren Bombe, ein großer Krater, wo er gerade noch gelaufen war. „Da hat mich der Tod nur um Sekunden verfehlt.“ Hans Busch erzählt das alles geradezu beiläufig. Ohne die Stimme zu heben. Er sitzt auf dem Paulsplatz am Café-Tisch, ein kleiner Mann im sehr korrekten Anzug, eine Arbeiterkappe auf dem Kopf. Der Sozialdemokrat hat sich daran gewöhnt, dass sein Freundeskreis schrumpft: „Ich hab sie alle überlebt“, sagt er leise. Er war 34 Jahre Stadtverordneter, am Ende der älteste der Nachkriegszeit in Frankfurt. Am 23. Mai feiert der frühere Stadtverordnetenvorsteher seinen 85. Geburtstag.

Aber der ehemalige Postsekretär, „seit 68 Jahren in der Gewerkschaft“, wie er stolz sagt, ist kein Mann von gestern. Er verfolgt sehr genau die derzeitigen Streiks der Post-Kollegen, nennt sie „absolut berechtigt“. Dass die Post immer mehr Mitarbeiter in Billiglohn-Gesellschaften abschiebe, hält er schlicht für „eine Sauerei“. Viele alte Postler bekämen heute eine Rente, „nicht weit entfernt von der Sozialhilfe“. Er schüttelt wütend den Kopf, stößt seinen Stock auf die Erde.

Im Gespräch reiht Busch meist kurze Sätze aneinander, er hat viel zu erzählen, aber es bleibt ein Rest Misstrauen. Über Gefühle zu sprechen fällt ihm schwer. Über Jahrzehnte ist der Politiker in der Frankfurter SPD einer gewesen, an dem keiner vorbeikam. Ewig Schatzmeister, immer im Vorstand, lange Zeit Wortführer des rechten Parteiflügels, des „Nieder Kreises“. Er hat Parteikarrieren mit gemacht, aber auch mit zerstört. Seine Auftritte auf Parteitagen waren gefürchtet, seine Reden konnten schneidend scharf sein.

Gestapo dringt ins Haus ein

Zur SPD hat es für den Riederwälder „nie eine Alternative“ gegeben. Er stammt aus einer alten sozialdemokratischen Familie, vier Generationen hintereinander in der Partei. Der Großvater war 1899 Mitbegründer der SPD in Hannover. Der Vater ging in den Untergrund, als die Nazis 1933 die Macht an sich rissen. Eine frühe Kindheitserinnerung: Der fünfjährige Hans steht weinend im Flur, an der Hand seiner Mutter, als Gestapo-Leute rüde in das Haus der Buschs im Riederwald eindringen, auf der Suche nach illegalen Flugblättern.

Der Krieg, der Terror: „Diese Zeit hat mich geprägt“, sagt Busch heute. Unmittelbar nach der Befreiung am 8. Mai 1945 verdingte er sich als Knecht in der Wetterau, um Kartoffeln für seine Familie zu beschaffen. Zehn Zentner: Das ist der Lohn für ein halbes Jahr harte Arbeit. Im November 1945 kommt er nach Frankfurt zurück, gründet in Bornheim mit anderen die Sozialistische Jugend die Falken. Ein gewisser Rudi Arndt ist dabei, in den 70er Jahren Frankfurter Oberbürgermeister.

Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg: Das war das Motto der Falken damals, das ist Buschs Motto heute noch. Den deutschen Krieg in Afghanistan beispielsweise hält er für grundfalsch, einer der Punkte, wo er mit seiner Partei über Kreuz lag. Willy Brandt war ein Idol für den Sozialdemokraten, als der Bundeskanzler 1974 zurücktrat, zog Busch mit anderen Gewerkschaftern in einem Trauer-Fackelzug durch die Nacht. Dass die SPD heute nicht über 25 Prozent der Stimmen bundesweit hinauskommt, liegt aus seiner Sicht am mangelnden sozialen Profil. Und an den fehlenden Führungsfiguren mit Charisma. „Wir müssen Persönlichkeiten herausstellen“, sagt er mit beschwörender Stimme. In Frankfurt macht ihm der junge Parteivorsitzende Mike Josef Hoffnung. Er wird auf Buschs Bitte die Rede halten, wenn die Stadt am 29. Mai im Römer zum Geburtstagsempfang für den früheren Vorsteher einlädt.

Lob für den Grünen Ulshöfer

Noch heute wehrt sich der SPD-Veteran gegen den Vorwurf, er habe Anfang der 90er Jahre zum Niedergang der Partei in Frankfurt beigetragen. Busch galt als „Königsmörder“, als der Oberbürgermeister Volker Hauff im März 1991 aus Frankfurt floh, entnervt von seiner Partei. Er bestreitet das entschieden: „Ich habe ihm noch in der Nacht zuvor den Rücken gestärkt.“ Busch galt als Drahtzieher, als 1993 vier Stadtverordnete in geheimer Wahl der rot-grünen Römer-Koalition die Stimme verweigerten.

Das weist er heute noch zurück. „Ich gehörte nicht zu den vier Schweinen!“, ruft der alte Mann empört. Im Gegenteil habe er mit Grünen wie dem damaligen langjährigen Römer-Fraktionschef Lutz Sikorski sehr gut zusammengearbeitet. Und Buschs besonderes Lob gilt Helmut Ulshöfer, dem gerade gestorbenen Grünen der ersten Stunde in Frankfurt und im Landtag: „Das war ein hervorragender Mann.“

Am Ende spricht Hans Busch doch noch über Gefühle. Über die bald 60-jährige Ehe mit seiner Frau Hannelore. Sie pflegte ihn, als er 1998 nach einer Virus-Infektion den Unterschenkel verloren, drei Wochen im Koma gelegen hatte. „Ohne meine Frau würde ich nicht mehr leben“, der Satz kommt wieder ganz leise daher. Er ist eine große Liebeserklärung.

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