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Mahlzeit. Klinikchefin Christiane Haupt füttert einen kleinen Schützling mit großem Appetit.
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Mahlzeit. Klinikchefin Christiane Haupt füttert einen kleinen Schützling mit großem Appetit.

Klinik für kleine Vögel

Sehnsucht nach Afrika

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Die Mauersegler sind unterwegs gen Süden, doch viele verletzte Vögel brauchen noch Hilfe. Die Krankenstation ist voll ausgebucht.

Linus kam nackt aus Lippstadt. Kennedy hatte Leukoplast über den Federn. Geronimo überlebte einen Falken und eine Katze. Geschichten aus der Mauerseglerklinik fangen oft an wie zeitgenössische Experimentalromane. Jetzt, da die kleinen Langstreckenflieger wieder auf dem Weg nach Afrika sind, ist es Zeit, ihre Geschichten zu erzählen. Und oft haben sie ein Happy End.

„Haben Sie von Geronimo gehört?“, fragt Christiane Haupt, die Klinikchefin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler. Geronimo aus Solingen hat nämlich ein Kämpferherz wie kaum jemand sonst. Erst schnappte den arglosen Flugkünstler ein Falke in der Luft. Normalerweise ein übermächtiger Gegner – aber nicht für Geronimo. „Er hat gekämpft wie ein Weltmeister“, erzählt Haupt. Ein Anwohner beobachtete die Szene und verjagte den Angreifer schließlich, indem er beherzt in die Hände klatschte.

Doch kaum war der Falke weg, entwickelte die Nachbarskatze Appetit auf frischen Mauersegler. Und wieder stemmte sich Geronimo minutenlang mit aller Kraft gegen das Gefressenwerden, diesmal am Ende mit Unterstützung einer Anwohnerin. Ein Autofahrernetzwerk brachte den verletzten Vogel schließlich in mehreren Etappen nach Frankfurt in die Spezialklinik, wo sich die Blessuren als – in Anbetracht der bestandenen Abenteuer – überschaubar erwiesen. „Ich möchte nicht wissen, wie die Katze jetzt aussieht“, scherzt Christiane Haupt. Der Vogel erhielt den Namen des tapferen Indianerhäuptlings und einige Wochen der Pflege, und inzwischen ist er zurück am Himmel, wo er den Artgenossen von seinen Heldentaten berichten kann.

Da wollen andere erst noch hinkommen. Ungefähr 200 andere – so viele Patienten hat die Mauerseglerklinik zurzeit. 280 waren es zu Spitzenzeiten in diesem Sommer. Verletzte, kranke, falsch gefütterte. Oft Vögel, die bei Dacharbeiten entdeckt wurden, so wie Jonathan und seine Geschwister: in Sachsenhausen buchstäblich ent-deckt, drei Küken, von den Eltern keine Spur. Der Dachdecker rief an. Ein lobenswertes Beispiel. Viel zu oft geht es anders aus, wenn bei Arbeiten am Haus die Nischen oder Nistkästen der Mauersegler und Schwalben einfach entfernt werden. Wohlgemerkt: illegal entfernt. Diese Brutstätten stehen unter strengem gesetzlichen Schutz.

Das mussten auch die Planer eines Einkaufszentrums in Offenburg in diesem Sommer erfahren. „Da haben wir ein 65-Millionen-Euro-Projekt gestoppt“, sagt Haupt. Im Abrissgebäude auf dem Baugrund nisteten Mauersegler. Also mussten die Bagger warten – den aufmerksamen Vogelschützern sei Dank. Aus ihrer Sicht müsste vor jedem Bau- oder Umbauprojekt zunächst ein Gutachter prüfen, ob dem Naturschutz Genüge getan wird. Bisher sind die Vögel auf die Einsicht der Bauherren angewiesen. In Frankfurt klappt das aber inzwischen häufig: Ingolf Grabow vom Naturschutzbund, ein besonders guter Freund der Mauersegler, berichtete jüngst etwa von einer Sanierung auf dem Gelände der Elisabethenschule, die die Vögel trotz Baugerüst brütend begleiteten, und von mutmachenden, nistplatzschonenden Projekten bei Wohnungsgesellschaften wie FAAG, ABG und Nassauischer Heimstätte.

In der Klinik ist heute Badetag: Für alle gibt es eine lauwarme Dusche aus der Sprühflasche. Manche genießen es sichtlich, andere sind wasserscheu, die Szenen sind rührend – so wie die Anhänglichkeit von Pico, der sich am Revers von Christiane Haupt festklammert. Er ist als Jungvogel so sehr an die Gegenwart von Menschen gewöhnt worden, dass er jetzt nicht wie die anderen Segler eine Wohnkiste mit einem oder zwei Vögeln teilen kann.

Außer der Dusche steht den Rekonvaleszenten im Wellnessbereich auch das Lichtbad, genannt „Ibiza“, zur Verfügung – „die Gerüchteküche der Klinik“, sagt Mitarbeiterin Eva Brendel. Weil sich dort Vögel treffen, die sonst in getrennten Kästen auf Besserung warten, auf neues Gefieder oder eine Operation.

Aber wer glaubt, hier gehe es entspannt und gediegen zu wie in einem Sanatorium für Privatpatienten, der irrt. Es wird gefüttert im Akkord und fast rund um die Uhr, weil chronisch Fachleute fehlen, die sich mit der diffizilen Arbeit auskennen. Das Futter ist teuer – es gibt ausschließlich Grillen und Heimchen –, und es grenzt schon an ein Wunder, dass die Ehrenamtlichen im Team die unzähligen Vögel überhaupt auseinanderhalten können. Gestern kam eine Lieferung Küchenpapier. Zwei Paletten. 1152 Rollen. Mauersegler haben auch eine Verdauung.

Wenn jetzt der Eindruck entstanden sein sollte, die Mauerseglerklinik könnte Unterstützung gebrauchen: Ja, da ist was dran. Aber wer etwa beim Füttern der Vögel helfen will, braucht Geduld, Zeit, muss stressresistent und teamfähig sein. Die Anlernzeit dauert wochen-, monatelang. Es gibt allerdings auch etwas zurück. Das Gefühl, wenn ein zuvor völlig hilfloser, schlimm verletzter Vogel nach all der Fürsorge und dem Training wieder in die Luft abhebt und mit lautem „Sriii“ zum Horizont fliegt, das vergisst, wer dabei war, garantiert nicht.

Sogar aus Spanien, Italien, Österreich, Frankreich, Schweden sind Mauersegler als Patienten in der Frankfurter Klinik. Romulo und Remo aus Murcia warten auf neue Federn, sie müssen mausern. Das kann dauern, einige Vögel sind seit 2015 in Griesheim und schauen durchs Fenster in den Himmel, ihren Lebensraum, aus dem sie normalerweise neun Monate lang nicht nach unten kommen. Mika hatte gar keine Federn, als er vorletztes Jahr aus Dresden kam. „Aber er ist ein Kämpfer“, sagt Eva Brendel, „er ist fliegerisch gut, er muss nur noch auf Gewicht kommen.“ Donald dreht eifrig Runden im Übungszimmer. Seine Gelenke klackern bei jedem Flügelschlag. Seine Finder haben ihn aus Unwissenheit mit Hackfleisch gefüttert. Das ist wie Gift.

Christiane Haupt war kürzlich in Israel, um beim Aufbau einer Mauerseglerklinik zu helfen. Tel Aviv, Jerusalem: „Wahnsinn – das hat nur so geflitzt am Himmel.“ Vor lauter Mauerseglern. Unzählige leben dort in der Klagemauer, immerhin eines der bedeutendsten religiösen Baudenkmäler der Welt. „Kaum vorstellbar, dass so etwas bei uns in Deutschland toleriert würde“, sagt die Tierärztin, „aber dort gibt es sogar regelmäßige Willkommens- und Abschiedszeremonien.“ Für die Vögel.

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