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Melanie Lohwasser ist Teil des interreligiösen Teams der Henri- und Emma-Budge Stiftung.

Seelsorge

„Angehörige gehen oft über ihre Grenzen hinaus“

Seelsorgerin Melanie Lohwasser steht einsamen Senioren und Seniorinnen zur Seite. Interview erklärt sie, worauf es dabei ankommt.

Was ist Einsamkeit für Sie?

Einsamkeit ist etwas anderes als allein sein. Es ist auf sich geworfen sein, aber es hat auch viel mit Verzweiflung, Dunkelheit und Finsternis zu tun. Sich in Beziehungen und Aufgaben nicht gehalten zu fühlen. Es ist etwas anderes, als mal alleine zu sein, es hat etwas sehr viel existenzielleres – ein Gefühl des Abgeschnittenseins.

Wie nehmen Sie Einsamkeit in ihrer Arbeit wahr?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Menschen, die können das ein Stück weit mit den Möglichkeiten, die sie haben, füllen. Ein gutes Buch lesen, Musik hören oder ein Instrument spielen. Andere merken, dass viel wegbricht, bauen ein Stückchen ab. Es fällt ganz schwer dem etwas entgegenzusetzen. Gerade jetzt, wenn die Situation so offen ist, ist auch Orientierungslosigkeit dabei. Das bewirkt die Einsamkeit.

Was lässt sich dagegen tun?

Ich versuche da zu sein, mir Zeit zu nehmen, zuzuhören, hinzusehen. Ich versuche stark auf Positives hinzuweisen, das noch möglich ist. Auf Besuche, wenn sie noch möglich sind. Oder an einem leuchtenden Tag, wie heute, nochmal rauszugehen. Wenn das nicht geht, den Blick nach draußen zu wenden, auch an schöne Erinnerungen anzuknüpfen, die dann aufblitzen. Das stärkt dann im Glauben.

Was würden Sie Angehörigen von Menschen, die in Pflegeheimen leben, raten?

Kontakt zu halten, solange es möglich ist. Ich merke auch, dass sich Angehörige selbst in der Situation sehr aufreiben. Angehörige wollen oft alles machen, und kommen dabei über ihre eigenen Grenzen hinaus. So schwer es ist, sollten sie aber auch loslassen können, und mal etwas Schönes machen. Um dann wieder in den Begegnungen, ob leibhaftig oder telefonisch, wieder voll da sein zu können. Genauso um durchzuhalten, da wir ja alle nicht wissen, wie lange es noch dauert.

Interview: Kilian Beck

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