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Künstler stellen aus, an der Wand Malerei von Migu M. Syed.  

Seckbach

Seckbach: Einblick in den Kunstalltag

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Das Kollektiv Fritz Deutschland öffnet seine Ateliers in der Halle 404 in Frankfurt-Seckbach für Besucher.

In der Halle 404, abseits der Borsigallee in Seckbach, arbeiten rund 50 Kreative aus diversen Branchen. Der Verein Fritz Deutschland vermietet die Räumlichkeiten. Am Samstag öffneten sie die Türen im Rahmen der „Offenen Ateliers“ für Interessierte, die Mitglieder zeigten ihre Arbeiten und ihre Arbeitsweisen. „Kultur ist für alle“, findet Vorstandsmitglied Cornelia Heier: „Deswegen wollen wir mit dieser Aktion gerade auch die Anwohner am Fuße Seckbachs begeistern und zeigen: Nachdem hier lange alles brach lag, ist wieder etwas los.“

Der Standort ist noch jung, in den Ateliers und Werkstätten riecht es nach Farbe, Sägespänen und Neueinrichtung. Mit dem Umzug der 1987 gegründeten Vereinigung, von Rödelheim her in diese große Industriehalle nahe der Stadt, nahm das Künstlerkollektiv auch Risikos auf sich, denn sie setzten bewusst auf Vergrößerung. Die Taktik ging auf. „Heute sind wir voll“, stellt Heier zufrieden fest: „Aber das kann sich ändern. Die Leute ziehen ein und aus.“

Skulptur von Cornelia F Ch Heier mit einer Bomberjacke aus alten Krawatten.   

Freischaffende Künstler haben es auf dem Markt besonders schwer. Nur wenige von ihnen können den Job hauptberuflich machen, schon da man regelmäßige Miete für die Räume bezahlen muss. Wer von der Kunst leben möchte, so Heier, müsse deshalb häufig Kompromisse eingehen. „Das tägliche Geldverdienen steht dann im Vordergrund. Das wollen viele nicht.“ Einer der Gründe, warum der Verein sich hervortat und am Leben blieb, sei daher auch seine einmalige Mischung aus ausgebildeten Handwerkern, Steinmetzen oder Schreinern und bildenden Künstlern, Malern, Architekten oder Bildhauern. Das hat nicht nur den Vorteil der finanziellen Stabilität, sondern bringt auch Zusammenarbeiten und Gemeinschaft.

Fritz Deutschland unterstützt die Künstler bei ihren Projekten, die Ideen sind vollkommen individuell. Eine näht aus alten Regenschirmen neue Jacken, ein anderer restauriert Säulen, wieder eine zeichnet Akte. Helen Habtay schleift Edelsteine und schmiedet Gold und Schmuck, den sie dann auf Messen und Märkten verkauft. Auch auf dem Weihnachtsmarkt am Römer hat sie einen Stand. „Das Schöne ist, es geht hier nicht nur um die Arbeit, sondern viel um das Miteinander: Man hilft sich gegenseitig. Es gibt Kollaborationen.“

Arbeiten von Malina Kunze.

Dieser generationenübergreifende Teamgeist kommt für die Gäste auch beim Betrachten der Halle rüber. Obwohl niemand hier Geld vom Verein dafür bekommt, selbst die Leitung arbeitet ehrenamtlich, gibt jeder sein Bestes zur Gestaltung der Halle: Da hat Sophia Denz, hauptberuflich Limonadenfachverkäuferin, etwa eine glitzernde „Space Bar“ in Alien-Manier für ihre Mitmieter gebaut, silbern möbliert und mit Goldfolie und Pflanzen bis ins Detail ausgeschmückt.

Die Gänge, über denen noch Rohre und Industrielampen hängen, haben Schreiner und Bühnenbildner mit alten Filmkulissen dekoriert: ein in die Höhe gestrecktes Bücherregal, umfunktioniert zum Schrank, antike Torbögen wie in einem Kloster und von der Decke hängende Weltkriegsbomben aus Pappmachee machen den Foyer schon zur Ausstellung. Bald hofft man mit dem Bau einer Gemeinschaftsküche anzufangen.

Nach 20 Uhr begann die Party: Das Musikerkollektiv „Jugendtraum“ legte auf: Die drei Jungs haben ihr Studio vor Ort, eine rare Sache in Frankfurt, die sie durchaus anerkennen. Die Nachfrage ist groß, die Räume ständig belegt. Über den geschäftigen Atelieralltag gibt es eine Sendung, jeden ersten Freitag im Monat auf „Radio X“.

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